Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein Eintrag voller Ernsthaftigkeit

10 Kommentare

Der Mann im Büro sieht mich an. Ich sitze, er steht. Und so kann er all seine Verachtung in die folgenden Worte legen: „Hässliche Frauen sind ja dankbar im Bett“, sagt er und fügt ein „Du weißt, Ulrike“ hinten an. Ich, auf meinem kleinen Stuhl sitzend, denke an den Moment am Morgen, als ich ein letztes Mal in den Spiegel blickte und feststelle: „Du könntest besser aussehen, aber es ist okee so.“ Das ist für mich immer das Zeichen für den Aufbruch, dann gehe ich zur Arbeit. Wenn ich gerade eben mit mir im Reinen bin.

Der geneigte Leser weiß: Meine Persönlichkeit ist einem ständigen Selbstzweifel unterworfen. Ich hinterfrage und zerdenke alles und jeden den ganzen Tag über. Das ist nicht leicht.

Ich werde häufig beleidigt. Ich ziehe das vermutlich an. Nicht ganz wohlproportioniert, mit dieser riesigen Narbe, wo andere ein formschönes Dekollete haben. Da ist eine Menge Angriffsfläche. Nicht einmal mein Gesicht ist frei von Makeln. Ich trage eine Brille, weil ich sonst nüscht sehe. Meine Nase hat die Form einer Skiabsprung-Schanze und der Ton meiner Haut schwankt zwischen einer nicht sehr vornehmen Leichenblässe und einem aufgeregten Rot. Das ist irgendwie alles okee. Ich hatte 30 Jahre Zeit, mich mit mir anzufreunden. Ich überzeuge durch andere Dinge. Ich habe Menschen um mich, die all die Hässlichkeit in mir nicht sehen. Sondern nur das Gute.

Bisher war ich immer gut, in dem, was ich beruflich tat. Meine Chefs waren immer von meinem Einsatz begeistert. Von der Kreativität, wenn Probleme auftraten. Ich bin nur schwer durch Hindernisse umzuhauen und selbst unter Stress lächele ich noch. Ob auf dem Gabelstapler, als Verkäuferin, als Fahrerin bei Europcar oder als Redakteurin: Ich habe mich immer durchgebissen.

Obige Aussage mit der Dankbarkeit, war eine Abfolge von Äußerungen über mein Aussehen vorausgegangen. Und es folgten viele weitere. Ich sei unweiblich. Ich würde mich unvorteilhaft kleiden. Der oben erwähnte Mann, mit dem ich mir ein Büro teile, warf mir Smarties zu und sagte: „Hier, für Deine Figur.“ Der geneigte Leser ahnt: dies wird wahrscheinlich kein lustiger Eintrag. Vielmehr tue ich etwas, was ich nur sehr selten tue: Ich gebe einen tiefen Einblick in das, was gerade tief in mir drin vorgeht. (Das nächste Mal wird das Leben dann wieder metaphernartig und diskursanalytisch auseinandergenommen – und lustig. Versprochen.)

Ich kann mit Kritik umgehen. Ich glaube, dass ein Journalist, der glaubt, er sei „fertig“, ein schlechter Journalist ist. Journalisten sollten sich immer und überall hinterfragen. Nur dann sind differenzierte und zugleich nahe Texte möglich. Ich nehme Kritik an, egal welcher Art. Ich versuche, aus jeder Kritik etwas zu ziehen. Niemand ist perfekt, kaum einer ist auch nur nah dran. Das gilt auch für Menschen. Es gibt keine perfekten Menschen. Nirgendwo.

Aber auf diese Art auf dem Aussehen von Menschen herumzutrampeln, das ist nicht mehr nur Kritik. Das ist Bösartigkeit. Nachdem die eingangs erwähnte „Dankbarkeit“ erstmals erwähnt wurde, ging es weiter. Die „Dankbarkeit“ wurde noch ausgeführt. Ich stand auf, ich konnte keine Sekunde mehr dort sitzen.

Ich ging an die kleine Küchenzeile, die wir uns mit vielen anderen Büros teilen. Ich schenkte mir einen Kaffee ein, versuchte, durchzuatmen. Und die Äußerungen als Scherz abzutun. Neben mich stellte sich ein weiter Kollege, er lächelte mich an. Durch meinen Kopf zuckte ein Gedankenblitz, ein Satz, der mir zeigte, was die ätzende Bemerkungen getan hatte. Ich dachte: „Er denkt, ich bin dankbar, wenn er mich hässliches Ding auch nur anlächelt.“ Ich schämte mich. Für mich. Für mein Aussehen und meine Dummheit zu glauben, dass ich so, wie ich bin, überhaupt das Haus verlassen dürfte.

Einige Stunden später, nachdem ich versucht hatte, die Beleidigungen von mir abzuwaschen und ein Glas Brandy in mich hineingekippt hatte, da ging es mir wieder besser. „Ich bin wie ich bin“, sagte ich mir. Und ich dachte daran, was mein ehemaliger Chef einmal zu mir gesagt hatte: „Sie sind authentisch“, hatte er zu mir gemeint. „Das ist mehr wert als alles andere.“

Und als hätte obiger Mann das in meinem Kopf gelesen, warf er mir Freitag vor, ich sei nicht authentisch: „So wie Du bist, bist Du nicht echt. Du bist einfach nicht authentisch“, sagte er. Ich ging wieder raus. Ich weinte auf der Toilette. Still und leise. Und alleine.

Ich habe, so glaube ich, schon eine Menge durchgemacht. Ich bilde mir darauf nicht viel ein. Ich nehme es nicht als Entschuldigung für meine Macken. Ich nehme es hin. „Was uns nicht umbringt, das macht uns härter“, haben die älteste Freundin und ich immer gesagt, wenn uns das Leben nicht so wie gewollt mitspielte. Auch wenn alles grausam war, dann haben wir gelächelt. Alles wird gut, immer. Das besagt der Puddingismus, an den ich fest glaube.

Mein mangelndes Selbstbewusstsein im Bezug auf mein Äußeres steht mir immer wieder im Weg. Ich kann deswegen keine Männer ansprechen. Ich kann nicht glauben, dass mich ein Mann auch nur ein bisschen gutaussehend findet. Aber wie gesagt: Ich hatte 30 Jahre, um mich damit abzufinden. Ich dachte immer, dass Männer mögen, dass sie wissen, woran sie bei mir sind. Ich bin nett, wenn ich Menschen nett finde. Ich bin zickig, wenn ich zickig bin. Ich lächele, wenn ich mich freue. Ich sage, wenn ich etwas gut finde. Ich denke, die Menschen sollten häufiger nette Dinge sagen. Deswegen sage ich nette Dinge, wenn sie sich anbieten. Ich jammere nicht rum, wenn es im Fußballstadion regnet. Ich nehme es als Grund, um mein Gesicht in den Regen zu halten und mich daran zu erfreuen.

Aber all das, das wird in Frage gestellt. Weil ich nichts bin. Außer unweiblich. Außer dankbar, weil ich hässlich bin. Außer unauthentisch.

Kritik ist gut. Aber irgendwann ist eine Grenze überschritten. Ich glaube, sie wurde überschritten.

(Und nein. Dieser Artikel ist kein Fishing for Compliments. Es ist vielmehr der Versuch, einen Einblick zu geben. Und eine Entschuldigung dafür, dass ich in den vergangenen Wochen eher unregelmäßig geschrieben habe. Aber wer immer nur hört, dass er nichts kann, der hat irgendwann auch keine Kraft mehr, am Abend noch lustig zu sein. Denn er weiß nicht, ob das, was er tut, überhaupt lustig und unterhaltend ist. Oder einfach nur hässlich und unauthentisch.)

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10 Kommentare zu “Ein Eintrag voller Ernsthaftigkeit

  1. Ach je, was soll man darauf denn antworten – was auf deinen Artikel, was diesem furchtbaren Menschen? Ich hoffe, du schaffst es die Aussagen dieses Typen nicht zu sehr an dein Innerstes zu lassen sondern irgendwann an der Außenseite abprallen zu lassen. Komm halt mal nach München, um auf andere Gedanken zu kommen, ich glaube du bist eine angenehme Zeitgenossen (obwohl ich das mit dem Regen und dem Fußballstadion wirklich nicht verstehen kann…). Mach dir ein schönes restliches Wochenende!

  2. Ulrike.
    Ich weiß, dass alles was ich schreiben könnte Dinge wären, die du in deiner jetzigen Situation umwandeln könntest in „siehste wohl“ oder „quatschkram“.
    Ich weiß das, weil ich den Text so hätte schreiben können, wenn ich denn schreiben könnte.
    Ich schreibe dir trotzdem: ich fand dich toll. Damals in der Schule- ich wäre gern deine Freundin gewesen (aber ich war zu klein und zu anders). Ich fand dich schön. Äußerlich und innerlich. Ich wollte gerne mal sein wie du, war aber zu sehr ich.
    Wenn ich dich hier oder bei Facebook lese, denke ich oft, dass wir uns gut verstehen würden. Ich fühle mich dir verbunden, oft drückst du aus, was ich fühle, aber noch gar nicht weiß dass ich es fühle.
    Ich finde dich immer noch schön Ulrike. Ich weiß aber, dass das irgendwie nicht gilt.
    Ich bin klein, dick, habe 1257 Macken. Dazu bin ich noch lesbisch und idealistisch. Eine bedrohliche, vernichtende Mischung. Und ich bin ganz sicher: die meisten Männer denken, dass ich auf Frauen steh, weil ich eh keinen Mann abbekommen würde.
    Du solltest dich nicht mit so giftigen Menschen umgeben. Kraftsauger. Ekelhaft.
    Denn selbst wenn dein Arrangement mit dir und deinem aussehen ein Konstrukt, eine überlebensstrategie wäre: kein Mensch hat das recht es dir kaputt zu machen.
    Dein Büropartner ist hässlich Ulrike.
    Das war ein wirrer seelenstriptease. 😉

  3. “Hässliche Frauen sind ja dankbar im Bett”
    oder “Hässliche Männer sind dankbar im Bett” (auch schon gehört) –
    und wer will das? Der Partner im Bett soll DANKBAR sein ob der seinem Gegenüber mitgegebenen überragenden Schönheit? Uaaaaaaaaaah!
    Was für eine Einstellung! Aua. Liebevoller Umgang = Fremdwort. Spass beim Sex = Fremdwort. Selbstliebe = Fremdwort. Liebe an sich = Fremdwort. Nichts verstanden.
    Bittebitte Abstand halten. Nicht an sich heranlassen.

    Kollegen dieser Art bitte vorstellen als Exemplar in der Größe von ca. 60 cm. Bei nervigen Bemerkungen visualisieren, wie der Kollege mit einem Tritt aus dem Raum in einen Schrank / in ein Carrée aus Aktenordnern befördert wird. Dabei genießen, wie er sich greinend den getretenen Hintern reibt. Ihn immer zurücktreten in seinen zugewiesenen Raum, wenn er ihn ungefragt verläßt. Nahrung einmal täglich weitgefächert vor ihm auf den Boden werfen, er muss sie aufklauben. Dabei auf die Finger treten. Wenn er greint, ihn feste quer durchs Carrée treten.

    Unter anderem diese Vorstellung hat mich und meine Freundin die ersten Jahre durch unser Büroleben gebracht. Wir haben Tränen gelacht.

    Natürlich finden diverse Menschen noch heute, dass wir einen an der Klatsche haben. Wie sollen sie es auch einordnen, dieses unmotivierte Loslachen und diese seltsam anmutenden Blicke. Vielleicht haben wir ja auch gehörig einen an der Klatsche. Aber lieber so als anders, vielen Dank.

  4. Hat der Typ Angst um seinen Job, dass er fiese Mobbingstrategien anwenden muss?

    • Wenn du die beleidigenden Äußerungen dieses Menschen zerdenken musst, versuch mal in die Richtung zu denken, welche Minderwertigkeitskomplexe seinerseits dahinter stecken, die er versucht durch eine möglichst beleidigende und aggressive Art zu verstecken. Lass dich nicht zu einem Opfer machen, du kannst ironisch, zynisch und schlagfertig sein.

  5. Ich bin fassungslos, traurig und wütend!
    Dem Typen gehört der Job weggenommen und angezeigt werden sollte er auch!

  6. Ich schließe mich allen VorrednerInnen an! Was für ein widerlicher Idiot mit einem Riesenberg an Komplexen, die er mangels Fähigkeit, damit umzugehen, an Dir ausgelassen hat. Wenn ich könnte, würde ich ihm das sagen. Und ihn in den A… treten. Gönn ihm den „Erfolg“ nicht, das an Dich heran zu lassen. Und was Dein Aussehen anbelangt, schließe ich mich der grünen Fee auf facebook an! Und innere Schönheit hast Du definitiv in großzügiger Menge (etwas umständlich ausgedrückt, aber ich hoffe, verständlich)!

  7. Liebe Ulle,
    als stille Mitleserin deines Blogs möchte ich mich nun doch einmal äußern.
    “Hässliche Frauen sind ja dankbar im Bett”, ist doch prima, wenn er zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Denn neben einer wundervollen und schönen Frau wie dir wird er niemals aufwachen.

  8. Hahahahahahahahahahaha,
    ja das war wirklich lustig :).
    Ich werde dir mal einen Insight geben:
    Frauen können nicht beurteilen wie sie auf Männer wirken.
    Warum?
    Weil sie das negative sehen während der Mann vorallem das positive und begehrenswerte sieht. Schreib dich also nicht ab.
    Sei einfach du selbst. Mir kommst du auf jedenfall sehr weiblich rüber in deinen Texten.

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