Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Boulevard of Abenteuer

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Es ist einigen vielleicht bekannt: Ich gehe gern spazieren. Wobei das Wort „spazieren“ eher in Richtung lustwandeln geht. Ich lasse aber auch gerne mein Fahrrad stehen und versuche, mein Ziel zu Fuß zu erreichen. Das ist meines Erachtens weniger „spazieren“. Es ist laufen. So wie auch „mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren“ keine „Fahrradtour“ ist. 

Häufig passiert beim Laufen gar nichts. Während ich meine Ohren mit Musik erfreue, setze ich einen Fuß vor den anderen. Die Erde unter mir jagt mit mich beängstigender Geschwindigkeit durch das All und dreht sich dabei auf mysteriöse Art und Weise, ich mache meine kleinen Schritte über die Leipziger Straßen.

Und: Hier gibt es eine Menge zu sehen. Ich bin immer wieder beeindruckt, dass ich nach beinahe einem Jahr immer wieder neue Dinge entdecke. Obwohl ich die Strecke in die Innenstadt beinahe jeden Tag entweder zu Fuß gehe oder mit dem Fahrrad fahre, sehe ich manchmal hier etwas, manchmal da etwas. Und muss mich fragen: War das schon immer? Oder ist das neu?

Ich wohne in Gohlis. Über diesen Stadtteil sagt man in Leipzig „Wem es zu wohl is, der zieht nach Gohlis“. Dabei ist mir im Prinzip nie zu wohl, aber hier ist es einfach nett. Manche sagen auch: „Gohlis ist langweilig“. Weil es hier kaum Kneipen gibt (was nicht so ganz wahr ist) und hier keine Hipster mit ihren HipsterKindern wohnen. Aber das finde ich nicht schlimm.

Rund vier Kilometer sind es in die Innenstadt. Manchmal auch etwas weniger. Es kommt darauf an, wie ich mich durch die Straßen schlingere. Aber genug der Einleitung, die schon wieder ganz schön lang geworden ist.

Coppiplatz

Ich wohne in der Nähe des Coppiplatzes. S-Bahnhof, Tramhaltestelle und auch Busse wurden hier schon gesehen. Dabei ist der Coppiplatz gar kein richtiger Platz. Es ist eine grüne Wiese mit zwei Bänken, auf denen im Sommer unheimliche Menschen mit Plastiktüten sitzen. Unheimlich deswegen, weil ich nicht weiß, warum sie immer Aldi-Tüten dabei haben. Nett sind sie trotzdem, ein Mann hatte einmal einen süßen Hund dabei und wir haben uns angeregt unterhalten. Über das Backen von Kuchen. Aber in seiner Alditüte waren nur Bierflaschen.

Ecke Coppistrapße/Sassstraße

An dieser Ecke ist der Bäcker meines Vertrauens. Ehrlich: Ich weiß immer noch nicht, wie der genau heißt. Ich weiß nur, dass es dort tolle Roggenbrötchen gibt. Und dass alle Verkäuferinnen dort wissen, dass ich am allerliebsten Roggenbrötchen esse. Im Gegensatz zur Service-Wüste „Leipziger Innenstadt“. Eine Woche lang kam ich jeden Tag, um mir ein Roggenbaguette zu holen. In der Woche darauf machte ich morgens nur die Tür auf und ich wurde schon angelächelt: „Wie immer?“ fragte man mich, während der Geruch frischer Brötchen und ganzer Bleche Hefekuchen mich umfing. Mir öffnete sich mein Herz. Ich als Landei hätte das in der anonymen Großstadt nie erwartet.

Georg-Schumann-Straße

Vierspurig, dazwischen die Gleise für die Tram: Ich bin immer froh, wenn ich da drüber bin. Denn ganz Landei: Mit Ampeln habe ich es nicht ganz so. Da fühle ich mich in meiner Freiheit, die Straße zu überqueren, eingeschränkt. Also wage ich mich über die Spuren, die Gleise und sehe den Autofahrern frech ins Gesicht. Den Tramfahrern versuche ich allerdings nicht in das Gesicht zu sehen – gegen sie habe ich einfach keine Chance.

Friedensstraße

Wie toll muss es sein, wenn man in der Friedensstraße lebt? Nur: Die wunderbare Eckvilla dort möchte niemand kaufen. Seit vergangenem Sommer werde ich entweder mit Fahrrad oder zu Fuß langsamer, nur um mir das Haus genau anzusehen. Große hohe Bäume, ein Seiteneingang mit einer Treppe, auf der man an Sommerabenden mit seinen Freunden sitzen könnte. Mit einer Flasche Bier in der Hand könnte man sich die Flaneure auf der Straße ansehen, während ein mit Bratwürsten bespickter Grill auf dem Rasen vor sich hin glimmt. Aber gut: Bei Wer wird Millionär? hätte ich wohl keine Chance und beim Lotto habe ich einfach kein Glück.

Ecke Gohliser Straße/Lützow Straße

Erst dachte ich: In diesem Haus kann doch kein Mensch wohnen! Das Dach ist mit Netzen gesichert, an der Haustür hängt ein dickes Schloss. Von diesen Häusern gibt es – für alle Nicht-Leipziger – eine ganze Menge. Wunderbare alte Gebäude, um die sich einfach niemand mehr kümmert. „Lost Places“ an beinahe jeder Straßenecke.

Aber dann, im Winter, bemerkte ich, dass am Abend immer Licht in einer der Wohnungen brannte. Mal in dem Eckzimmer, dann in einem Raum daneben. Und eines Morgens sah ich, dass die Haustür offen stand, ein Kinderfahrrad lehnte im Eingang und ein Fußball war auf den Gepäckträger geklemmt. Überhaupt kein Lost Place, sondern für einige Menschen ein Stück Heimat. Aus irgendeinem Grund muss ich nun immer zu der Wohnung hochlächeln – dabei kenne ich die Bewohner gar nicht.

Zoo

Beinahe in der Innenstadt, laufe ich am Zoo vorbei. Heidis Mausoleum, Gondwanaland. Ich mag keine Zoos und so war ich auch immer noch nicht drin. Wenn man am Morgen ganz früh am Zoo vorbeifährt, dann riecht es nach Misthaufen. Überall sind Häuser, die Tram 12 rattert vorbei ein Container voller alter Fußbodendielen steht auf der anderen Straßenseite. Und dazwischen: die Landluft. Am allerbesten ist es ganz früh. Um kurz vor sieben, wenn noch gar nichts los ist. Die Morgenluft klebt im Gesicht und mit ein wenig Fantasie stelle ich mir vor, dass all die Tiere noch schlafen. Eng an eng stehen die Elefanten nebeneinander und träumen von der afrikanischen Steppe. Heidis Schwester sitzt auf einem Baum und fragt sich, wo ihr schielendes Familienmitglied nur ist. Und die Ziegen (denen man vom Rosental zusehen kann), drehen sich noch einmal von links nach rechts, um vor dem kurzen Besucheransturm ein wenig Schönheitsschlaf zu bekommen.

Vor einigen Wochen wurde ich vor dem Zoo angesprochen. Es war ein Sonnabendnachmittag, es lag noch Schnee, mein Gesicht war rot vor Kälte, Freunde erwarteten mich zum Fußballgucken. „Sehe ich aus wie ein Stricher“, fragte mich ein junger Mann mit Glasohrring. „Nöö“, sagte ich unwahrheitsgemäß. „Gut, ich besuche meine Mutter. Und sie soll nicht wissen, was ich beruflich mache“, entgegnete er und lief weiter.

Es geschah übrigens an genau der Ecke, an der mir ein kleiner Junge mal Drogen verkaufen wollte: Kakao. Erwartet das, was sonst nur in Ben-Stiller-Filmen passiert.

Goerdelerring

Bis ich hier bin, brauche ich zu Fuß ungefähr eine halbe Stunde. „City Center“ sagen die Damen in den Straßenbahnen, wenn diese Haltestelle angesagt wird. Auch auf französisch wurde es eine zeitlang angekündigt, das entlockte den meisten Fahrgästen aber nur ein unverständliches Lächeln.

Als ich nach Leipzig zog, da war neben dem Goerdelerring nur ein riesiges Loch, mittlerweile geht dort ein Rohbau mehrere Meter in die Höhe. Ein Einkaufscenter soll dort entstehen. Die Straße am Brühl ist von all den Lastwagen mit Sand und Zement ganz kaputt, riesige Schlaglöcher erschweren das Fahrradfahren. Auf einer Rampe fahren einige mit BMX-Rädern und Skateboard, während nur wenige Meter weiter, Autos und Busse im Stau stehen, Polizei– und Feuerwehrautos versuchen, sich ihren Weg zu bahnen, Lastwagen ihre Last abladen, die Leipziger in die Innenstadt hetzen und Touristen staunend stehen bleiben.

Warum ich all das überhaupt erzähle? Weil ich mich gleich wieder auf den Weg in die Innenstadt mache. Und ich gespannt bin, was ich sehe. Augen auf beim Straßenlauf.

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3 Kommentare zu “Boulevard of Abenteuer

  1. Ich will da mal hin 🙂

  2. Ich finde das sehr schön von dir, mit offenen Augen durch deine Stadt zu laufen! Das macht man sonst immer nur im Urlaub und vergisst dabei, wie schön es auch daheim ist 🙂

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