Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Darf ich vorstellen? Generation Mikrokosmos

2 Kommentare

Ich bin mir ja selber nicht so sicher, wer ich so bin. Ständig bin ich auf der Suche nach dem passenden Label für mich, meine Mitmenschen und meine Wohnung. Bin ich spießig-cool oder doch ein Stück eigentlich verhasster Hipster? Bin ich glücklicher Single oder nur zwanghaft versucht, in diese Schublade zu passen?

Nicht leichter machen es einem die Label, die von der Außenwelt geschaffen werden. „Generation“ nennt sich das und reicht von Generation Clearasil über Generation Doof bis zur Generation Internet.

Ich wehre mich, mich irgendeiner dieser Marken anzuschließen. Aber es ist ganz schön schwer. Und trotzdem: Wer sich in so einordnen lässt, der tut sich selber unrecht. Massiv sogar. Denn sind wir nicht alle viel mehr?

Weil ich twittere, facebooke, blogge und mittlerweile sogar einen (leeren) Tumblr-Account habe, sollte ich vermutlich zur Generation Internet gehören. Ich mache sogar etwas „mit Medien“ und wäre geradezu prädestiniert, dazuzugehören.

Aber nein. Ich besitze kein iPhone, ich kann mir auch ungefähr zehntausend Orte vorstellen, die ich cooler als Kreuzberg finde. Oder den Ort, an dem es sich die Generation Internet gerne mit iPhone, Mac und Milchkaffee mit Sojamilch (wahlweise nach einer durchzechten Nacht und einem Kater vom Understatement-Bier Astra oder Sterni: Club-Mate) bequem macht. Ich habe auch kein schwarz-weiß-Foto von mir im Blog, das mich in nachdenklicher Pose zeigt, der Weisheit der Welt provokant ins Gesicht blickend. Ich schreibe von mir nicht in der dritten Person, weil ich Ich bin – und nicht „B. ist Expertin für das Zerdenken“. Und ich diskutiere lieber über Fußball als über Netzfreiheit, weil ich von Netzfreiheit nicht genügend Ahnung habe.

Prinzipiell wäre ich mit diesem Geständnis wohl klar der Generation Doof zuzuordenen. Ich bin froh, dass ich für Informationen zu Netzfreiheiten den Freund habe, der mich per Twitter mit den wichtigsten Fakten versorgt – oder zur Not bei Weihnachtstee und Fisch. Deswegen bin ich nicht ganz doof. Weil ich zumindest fähig bin, mir Informationen zu besorgen. Außerdem kann ich einer Diskussion über die (wenigen) Inhalte der Piratenpartei folgen. Ich weiß, dass unsere Bundeskanzlerin nicht wie eine Kräuterbutter heißt und dass die Grünen gar nicht immer nur Bio-Fair-Trade-Bio-Fairness-Bio-Dinkelkekse essen, sondern auch manchmal böse Kekse mit Weißmehl und Ausbeuter-Schokolade. Vielleicht bin ich doch gar nicht so doof. Weil ich sogar weiß, dass unsere Freiheit im Internet schon längst beschränkt ist. Wer daran zweifelt, soll mal nur „Gema“ und „youtube“ bei Google eingeben.

Und irgendwie geisterte doch vor einigen Jahren auch der Begriff Generation Praktikum rum. Studium, hochgebildet – und dann zum Kaffeekochen und Papierkörbe leeren in einem Büro, das „irgendwas mit Medien“ macht. Ups, schon wieder die Medien.

Zu dieser Generation habe ich auch nie gehört. Meine Praktika kann ich an einer Hand abzählen. Und da ist der Finger, an dem ich mir gestern die Kuppe absäbelte, schon abgezogen. Ich habe kaum Praktika gemacht, weil ich arbeiten musste. Um mir mein Studium zu bezahlen, damit ich am Abend was zu essen auf dem Tisch hatte. Ich habe Mietwagen zu Kunden kutschiert, Darmauswürfe von Arztpraxen ins Labor gekarrt, Billigprodukte aus einem Dritte-Welt-Land verkauft, Obst und Gemüse sortiert, einen Gabelstapler gefahren, Müll sortiert und in einer Küche für zahlende Gäste gekocht. Ich bin keine Generation Praktikum. Ich bin Generation am-Abend-hundemüde-ins-Bett-gefallen. Wenn überhaupt.

Ohnehin scheint diese ganze Generationen-Sache doch etwas zu sein, mit dem sich nur Menschen beschäftigen, die sich selber zur Bildungselite zugehörig zählen. Noch so ein Begriff, der mich schütteln lässt: Bildungselite.

Mein wunderbarer Tischler-Freund und mein kleiner Bruder haben eine Ausbildung gemacht. Nach der Schule. Direkt im Anschluss. Ein Praktikum haben sie in der Schule gemacht. Achte Klasse, zwei Wochen. Sie bloggen nicht, sie twittern nicht. Prinzipiell haben sie mit dem Internet wenig zu tun. Ich glaube, wenn mein Bruder den Begriff „Netzfreiheit“ hört, geht er zum Sicherungskasten und guckt nach, ob da etwas kaputt ist. Und er ist kein dummer Mensch, bei weitem nicht – er ist einer der klügsten Menschen, die ich kenne. Zu welcher Generation gehören der Bruder und der Tischlerfreund?

Haben meedia, der Spiegel oder die FAZ sich schon einmal gefragt, zu welcher Generation man die beiden und all die, die wie sie sind, zählen müsste (und ich vermute einmal, diese Gruppe ist größer als die derer, die im fünf-Minuten-Takt Zeit zum twittern haben und in ihrem Profil „Medienprofi“* stehen haben?) Denn interessant werden sie nur, wenn einer der Denker aus dem Feuilleton sich Club-Mate-trinkend über die neu eingezogene Zeitarbeitsagentur im siebten Stock wundert. Oder wenn eine sich selbst feiernde Literatin plötzlich Hartz4 bezieht und feststellen muss, dass Club-Mate nun nur noch in der Discounter-Version in den Kühlschrank kommt. Und nur am Wochenende.

All diese Generationen und Label-Dinge sorgen doch nur dafür, dass die Probleme im eigenen Weltanteil von Bedeutung sind. Die Welt ist groß, aber dank Generation Internet ist es plötzlich unserer eigener Twitteraccount, um den wir plötzlich Angst haben. Und ja: Mir ist meine Meinungsfreiheit wichtig. Sehr wichtig sogar. Und ich finde es gut, wenn die Menschen auf die Straße gehen, um klar zu machen, wie wichtig all das ist: sich zu artikulieren, Herr oder Dame über seine eigenen Daten zu bleiben.

Aber wenn am Montag die Demonstranten der Montagsdemo wieder durch die Stadt ziehen und mehr soziale Gerechtigkeit fordern, dann sitzt die Generation Internet im ersten Stock im Starbucks, die eine Hand am iPhone, die andere Hand am 3,50 Euro teuren Chai Latte.

Ups. War das etwa politisch? Ich verspreche: Beim nächsten Mal kehre ich wieder zu meinen Themen zurück, wie der Schuster zu seinen Leisten. Dann geht es um meinen eigenen Liebesfilm. Echt!

*Oder ähnlich. Manche Dinge haben viele Namen: Medienmensch, Was-mit-Medien, Medienmacher.

Advertisements

2 Kommentare zu “Darf ich vorstellen? Generation Mikrokosmos

  1. Ich fühle mich jetzt irgendwie ein bisschen beleidigt. Ein kleines.

  2. Musst Du nicht, Generation Kesro.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s