Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Beziehungsstatus: versmartphont

2 Kommentare

Es ist schwer, Beziehungen zu entwickeln. Ich bin gerade eine neue eingegangen. Seit Montag bin ich nicht mehr allein. Wir trafen uns im Elektronikfachgeschäft.

Bevor nun all die zu schreien anfangen, die mich gerne einmal als von Herzstürmen und Hormonschüben erfüllten Menschen erleben wollen: Ich bin keine Bindung zu einem Mann eingegangen. Ich habe mich an etwas Kleineres gebunden: an ein Smartphone.

Eigentlich war ich immer dagegen.

Seit Monaten schon war mein Mobiltelefon kaputt und ich fand es gar nicht schlimm. Solange der MP3-Player funktionierte, war ich ganz glücklich. Und das war – überraschenderweise – das einzige, was an dem Telefon noch funktionierte. Während nach zweimaligem Klingeln das Handy spontan ausging, konnte ich vier Stunden Musik am Stück hören. Jeder Verbindungsaufbau brachte es zum Schweigen, aber Damien Rice sorgte für stundenlanges Klingeln in meinen Kopfhörern. Ein interessantes Phänomen.

Aber so konnte es natürlich nicht weitergehen. Die Beziehung zwischen Mensch und Mobiltelefon besteht nun einmal vor allem darin, dass das Telefon Vermittler zwischen Besitzer und anderen Menschen ist. Mit den Stöpseln im Ohr war ich aber umkommunikativer als je zuvor. Kein haltbarer Zustand, vor allem für meine Freunde, denen die verschiedenen mahnenden Blicke schon bald ausgingen.

Nun bin ich also zu zweit. Auf MiniMe folgte MiniSmart. Klein, schwarz und mit so eigenwilligem Kopf, wie ich ihn bei einem Elektronikgerät nie zu finden geglaubt hätte.

Denn da ist zum Beispiel diese merkwürdige Tastatur. Da ein Smartphone mit Tasten in meine kleinen und nur zum Schreiben geeigneten Hände nicht passte, musste es dieses Touchdingens sein. Und das Touchdingens: Es tut, was es will.

Ich schreibe etwas, aber es zeigt etwas anderes an. Meine Daumen scheinen mehr Qual als Freude für das Gerät zu sein. Ich hatte gehofft, dass vielleicht das Mobiltelefon sich über meine Berühungen freut und dafür nicht verlangt, dass ich mich Eltern nebst Geschwistern und Onkel/Tanten vorstelle. Aber MiniSmart will noch mehr: Ständig zeigt es mir an, wer von meinen Freunden noch ein Telefon dieser Markt besitzt und macht damit ja wohl sehr deutlich, dass es ein Familiengerät ist – hätten wir uns nur mehr Zeit beim Kennenlernen gelassen… Dazu noch: Präzison in den Formulierungen und einen beinahe vorauseilenden Gehorsam. Ich schreibe „Apfel“ und MiniSmart glaubt, dass ich sicherlich „Apfelkompott“ meine.

Nicht nur, dass meine Kollegen ständig Apfelkompott von mir haben möchten, auch mein Smartphone richtet diesem Wunsch an mich. Es macht mich fertig. Ich wollte eine einfache Beziehung aus schlichtem Geben und Nehmen – und ich muss lernen, dass ich nicht einmal den Ansprüchen eines Mobiltelefons genüge.

Und während ich bei anderen versmartphonten Menschen Beziehungsmodifikationen in Form von Apps sehe, bleibt mir der Sinn dieser kleinen Dinge schleierhaft. Immerhin: Whatsapp kann ich verstehen, eine angenehme Sache, die mir in der vergangenen Woche schon viel Freude bereitet hat. Aber wozu brauche ich eine App, die das Telefon lila blinken lässt? „Du wirst bald merken, was Dir bis zum Smartphone alles gefehlt hat“, sagte der Freund zu mir. Ich bin mir da noch nicht ganz sicher. Ein lila blinkendes Telefon hat mir ganz sicher noch nie gefehlt.

So gehen MiniSmart und ich nun also durch die Gegend. Voller Stolz kann ich jedoch behaupten, dass ich noch nicht diese merkwürdige und sicherlich ungesunde Handbewegung mit Daumen und Zeigefinger gemacht habe, die scheinbar etwas mit dem Zoomen zu tun hat und wohl den chronischen SMS-Daumen ablösen wird. Nach dem kommt nun wohl der Senk-Spreiz-Daumen. Handchirurgen: Freut euch!

Nun hörte ich gerade eben ein Geräusch von MiniSmart, das klingt wie zwei hohle Stöcke, die aufeinander geschlagen werden. Ich weiß noch nicht genau, was das zu bedeuten hat. Aber jede Beziehung besteht aus dem Kennenlernen. Und man sollte sich nicht so schnell aufgeben. Wir werden jetzt reden, MiniSmart und ich. Vielleicht ist es etwas festes, das mit uns.

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2 Kommentare zu “Beziehungsstatus: versmartphont

  1. Warum wolltest du nur auf eine höhere Stufe der Entwicklung gelangen? Gab es nicht irgendwo ein günstiges „old school mobile“? 😉

  2. Ich war wie der Neandertaler, der sein Steak unbedingt angebraten haben wollte. Gierig.

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