Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Menschen, die sind lustig

2 Kommentare

Ich fahre gerne Zug. Irgendwie. Ich mag es, aus dem Fenster zu sehen, während Musik mein Gehirn betäubt und die Landschaft draußen an mir vorbeifliegt. Das hat durchaus seinen Charme – wenn es denn nicht zu lange dauert. Beinahe alles wird blöd, wenn es zu lange dauert.

Als ich nun von der Hochzeit meines Jahres zurückfuhr, bemerkte ich aber mal wieder, was am Zugfahren so stören kann. Eine ganze Menge ist das nämlich. Dabei ist das störende Verhalten gar nicht auf Züge beschränkt. Es tritt auch in Bussen und Büros, Cafes und Clubs auf: das Sich-breit-machen.

Ich saß nämlich da, im Zug. Ich hatte einen Platz am Gang. Das fand ich in diesem Fall ganz gut. Eigentlich. Weil sechs Stunden in einem Zug irgendwann unbequem sind und man mit Gangplatz doch mehr Sitzvariationen ausführen kann. Beine nach rechts oder links überschlagen – das geht mit Fensterplatz eher schlecht.

Nun, auf der Strecke zwischen Düsseldorf und Leipzig hatte ich mit drei verschiedenen Sitznachbarn zu kämpfen. Und mit kämpfen meine ich: körperliche Auseinandersetzungen.

Die Sitze in der Bahn sind schmal. Zumindest in der zweiten Klasse. Wenn so ein Zug voll ist, dann hat es etwas von einer Sardellenbüchse auf Schienen. Und es sind nicht die guten Sardellen, die, die glücklich machen. Es sind die für 49 Cent aus dem Discounter, die man isst, wenn der Kater einem nur die Wahl lässt, ob man sich mit vollem oder leerem Magen übergibt. Es ist der Unterschied zwischen bitterer Galle und .. naja… lassen wir das.

Wie gesagt: Sitze schmal, IC-Sardelle zwischen Düsseldorf und Leipzig. Und da kommt er, der erste Sitznachbar. Mann, lange Haare (jeder der drei hatte lange Haare, es scheint also wieder so richtig en vogue zu sein), normale Größe. Kaum aber saß er, schien er sich auseinanderfalten. Der Brustkorb öffnete sich geradezu, seine Beine wurden zu menschlichen Katheten eines Dreiecks mit dem Vordersitz als sehr langer Hypotenuse. Die körperliche Präsenz meines Sitznachbarn erdrückte mich beinahe.

Er blieb bis Paderborn.
Das nächste Dreieck blieb von Kassel bis Eisenach.
Das letzte Dreieck erdrückte mich von Erfurt bis Leipzig.

Es gibt Menschen, die haben nicht nur einfach so eine körperliche Präsenz. Sie unterstreichen sie dadurch, dass sie sich breit machen. Wie diese Zelte, die sich selbst aufbauen, ploppen sie plötzlich auseinander. Irgendwie ist das lustig anzusehen. Irgendwie ist das aber auch nervig.

Denn ich habe ein Trauma. Jaha, noch eines. Neben dem „Ich kann Milchreis riechen“-Trauma und dem „Ich will nicht angezwinkert werden“-Trauma. Ich bekomme Panik, wenn diese Menschen auseinander gefaltet sind. Ich fühle mich klein – und noch schlimmer: dumm. Neben mir könnte sich ein Toastbrot auseinanderfalten und ich würde sofort denken „Määäääh, ich kann kein Sudoku!“ (Was ich nebenbei bemerkt tatsächlich nicht kann)

Eigentlich ist dieses Auseinanderfalten das körperliche Äquivalent zu „sich klein machen“ – aber was bleibt einem auch übrig, wenn ein anderer allen Raum einnimmt? Das Klein-Machen: Eine Eigenschaft, die vor allem Frauen beherrschen, obwohl sie dank modernster Schuhtechnik, entwickelt von Meister wie Jimmy Choo oder Manolo Blahnik, eben dies gar nicht tun müssten. Kein Mann möchte sich mit einer Frau anlegen, die dolchspitze Absätze mit Metallkappe trägt, verklebt mit allem, was der Bordstein so hergibt: Kaugummi, Hundescheiße und der Spucke pubertierender Bewohner von Pumakäfigen. Tritt die Frau zu – und zwar so richtig – hilft keine Tetanusimpfung mehr. Die Sepsis kommt auf 500-Euro-Stöckeln.

Trotzdem: Frauen machen sich klein, Männer machen sich breit. Fragt sich, was besser ist.

Aber egal: Zurück zum IC mit der Nummer, die ich vergessen habe.

Ich saß also da, neben drei Zelten. Ich versuchte, mit meinem Arm zumindest einen kleinen Punkt auf der Armlehne für mich zu erhaschen, erntete aber dreimal einen ungläubigen Blick. Da saß ich nun also, inmitten einer Sardellenbüchse und neben mir spannten sich Zelte auf, die interessanterweise in zwei Fällen auch noch Jack-Wolfskin-Jacken trugen. Mich wunderte gar nichts mehr. Wie die Jacke, so die körperliche Ausrüstung.

Als Zelt Nummer 2 dann aus seinem Jutebeutel auch noch eine Bifi und ein hart gekochtes Ei holte, da wusste ich: Manche Menschen sind ihre eigenen Klischees. Und deswegen werde ich nun üben, auf hohen Absätzen zu laufen. Oder ein Zelt zu werden. 2012 werde ich also dafür nutzen, mich selbst zu finden und herauszufinden, ob ich eher Schuh oder Zelt bin. Oder etwas ganz anderes.

In diesem Sinne: Ich wünsche allen einen guten Rutsch! Bleibt mir gewogen und denkt daran: Es gibt gute Redakteure und die suchen einen Job.

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2 Kommentare zu “Menschen, die sind lustig

  1. Wieder mal schön geschrieben!!!
    Dir auch einen guten Rutsch!

    Und im neuen Jahr findet sich bestimmt ein neuer Job! Du bist gut! Das wird schon!!! 🙂

  2. Ich bin für die Schuhe!!!!!!!!!!! Zelt kann ja jeder. 😉 Komm gut rein, Kleene.

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