Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vom Aufreisser zum wirklich coolen Typen

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Der Bekannte sieht ein wenig traurig über den Tisch. „Ich war mal ganz anders“, sagt er. Wie er denn mal war, möchte ich wissen. „Anders eben“, sagt er. Ein Aufreisser war er. Vielleicht waren seine Haare nach hinten gegelt, so richtig möchte er nicht darüber reden.

Es ist ihm wohl etwas unangenehmn. Heute hingegen, heute ist er gerne zuhause. Mit seiner Frau. Und dem Kind. Er spielt Karten mit seiner kleinen Familie und trinkt Tee. „Ihr Frauen“, sagt er, „ihr verändert die Männer. Und manchmal seid ihr von dem enttäuscht, was ihr aus uns gemacht habt.“

Natürlich möchte keine Frau einen Aufreisser. Wie furchtbar ist es, wenn man ständig die Leine kurz halten muss, wenn jeder Gang durch den Park zu einem Manifest der Eifersucht wird? Nee, nee. Wer sich einen Aufreisser angelt, der muss daraus einen braven Typen machen. Wobei: brav ist doof. Eben: einen Mann, der nicht aufreisst. Selten mal guckt, aber die Finger von der Frau vom Büdchen lässt. So schwer kann das ja auch nicht sein. Denken Frauen.

Der Bekannte zumindest sagt, es hätte Jahre gedauert, bis er anders war. Sie hingegen sieht ihn leicht betroffen an: „Ich habe dich doch gar nicht verändert“, sagt sie und schüttelt leicht mit dem Kopf in meine Richtung. Soll bedeuten: „Der spinnt. Echt.“

Aber ich kam, man ahnt es bereits, ins Nachdenken. Wie wir uns verändern, so im Laufe der Zeit. Denn: man verändert sich eben. Weil man neue Erfahrungen macht. Man geht in menschlichen Beziehungen immer Kompromisse ein. Ungewollt. Weil wir den anderen lieben, reissen wir eben nicht mehr auf. Oder kokettieren nicht mehr in einem beschämenden Maße. Weil wir ja wissen, dass es den anderen verletzt. Und irgendwann ist das „nicht mehr kokettieren“ zu unserem „Ich“ geworden. Einfach so.

Vielleicht hätte auch sie sagen können, dass er sie verändert hat. Dass sie viel ordentlicher geworden ist, seitdem er da ist. Weil er sich ärgert, wenn der Hausschlüssel irgendwo liegt und nicht in der kleinen Holzschale aus Schweden, die ihm seine Mutter geschenkt hat. Und sie hat sich angewöhnt, den Schlüssel bei Betreten der Wohnung gleich genau dort zu deponieren. In der Schale. Die Veränderung kommt schleichend. Und wir alle verändern uns und einander.

Gefährlich ist es natürlich, wenn wir uns gegen den anderen verändern. Wenn wir uns eine Marotte angewöhnen, den anderen wahnsinnig macht. So wie in der Geschichte von Roald Dahl aus Küsschen, Küsschen. Eine ältere Frau mag nicht zu spät kommen. Alleine der Gedanke treibt sie in Richtung Irrsinn. Und ihr Mann, der weiß das. Aber anstatt sie zu beruhigen und zu trösten, trödelt er. Weil er es gerne mag, wenn sie wahnsinnig wird. Weil er sie ärgern will. Zum Ende der Geschichte rächt sie sich – und er wird zur Mumie. Bääh!

Wie furchtbar wäre es, wenn wir uns gar nicht verändern. Wenn wir still stehen. Auch wenn einige Männer so erscheinen, als wären sie erfreut, auch mit Mitte 30 eigentlich noch ein Student zu sein. Da wären sie gerne immer noch der Checker, der gerade erst sein Abitur gemacht hat und dessen Flausen nur Flausen und keine Marotten sind. Nur, dass ein Mann mit Mitte 30 und diesem Verhaltensmuster eher lächerlich wirkt.

Wahrscheinlich wirkt er genauso deplatziert wie ein Mensch, der immer noch aufreisst, obwohl es eigentlich gar nicht mehr zu seinem Leben passt. Aber wenn das neue Leben gut ist: Was ist so schlecht daran, nicht mehr ein Aufreisser zu sein? Oder frei nach Oasis: Man kann ein Leben doch nur leben, wenn das Herz dabei ist.

Frohe Weihnachten!

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