Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Einfach mal nichts tun

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„Machst Du eigentlich auch manchmal gar nichts?“, fragt mich der Bekannte uns sieht mich ernst und mit leicht schief gelegtem Kopf an. Er grinst. „Wie? Nichts?“, frage ich zurück und wundere mich über die Formulierung. Irgendetwas tut man doch immer, denke ich und lege meinen Kopf ebenfalls schief. In der rhetorischen Not kann manchmal ein wenig Koketterie helfen. Nicht jedoch in diesem Fall. „Na, so gar nichts“, sagt der Bekannte: „Einfach mal die Beine hoch, die Hände hinter dem Kopf verschrenken und die Wand anstarren.“

Eine einfache Konversation, die mich völlig überforderte und mich nachdenklich zurückliess. Denn natürlich tue ich manchmal nichts. Nur besteht dieses „Nichts“ bei mir aus Dingen. Aus Lesen oder Musik hören, meistens aus Schreiben. Das erklärte ich dem Bekannten und er verdrehte die Augen.

Er findet – zur Erklärung – ich habe einen merkwürdigen Stoffwechsel. Damit meint er, ganz Gentleman, nicht meine Darmtätigkeit, die bei Frauen ja ohnehin gen Null tendiert. Nein, er meinte damit die Art, wie meine Finger über die Tastatur jagen, den Kopf im Takt der Wörter leicht wippend und die Lippen leicht zusammengepresst. Während er, so behauptet er, einfach nicht so viele Wörter in so kurzer Zeit erzeugen und erdenken könne, würde es bei mir so aussehen, als sei alles an mir nur mit Worten, Formulierungen, dem Zerdenken und den Gedanken über die Welt beschäftigt. Immer.

Prinzipiell hat er sogar recht. Ich denke immer. Fast immer. Es müssen schon aufsehenerregende Dinge geschehen, damit ich meinen Kopf abschalte – oder ich mache Yoga, dann denke ich auch nicht. Aber was ist auch schlimm daran? Die Menschheit denkt doch ohnehin zu wenig.

Interessanterweise aber wird das Nichtstun mit Entspannung gleichgesetzt. Dabei ist es für mich gar nicht entspannend, einfach nur auf dem Sofa zu liegen. Sicherlich, den ein oder anderen Kater habe ich so schon auskuriert. Aber das sind Sonderfälle, bei denen Bewegung mit einem Sturm im Magen bestraft wird. Nichtstun ist das auch nicht – es ist mehr eine Konzentration auf das Nichts, damit das Innere nur nicht in Aufruhe gerät.

Nein. Entspannung ist ein gutes Buch. Ein netter Spaziergang. Eine Radtour durch die nach Sonne riechende Luft. Auf dem Sofa liegen (AHA!) und gute Musik hören. Oder mit unfassbar aufsehenerregenden Freunden die Zeit zu verbringen. Einen Kuchen zu backen. Kekse auszustechen. Eben Dinge, die glücklich machen. Glück ist – wie auch das Denken – auf dieser Welt nicht weit verbreitet. Ich wiederhole mich, ja.

Der Bekannte aber wollte diese Tätigkeiten auf keinen Fall unter „Nichtstun“ ablegen. „Natürlich machst Du dann doch auch was“, sagte er und verordnete mir für das Wochenende eine homöopathische Dosis Nichtstun. „Ganz einfach“ sei das, sagte er und ich konnte die Freude in seinen Augen sehen, die das Wort „Nichtstun“ in seinem Kopf auslöste. „Entspann Dich mal“, sagte er und ging. Und wieder einmal wurde mir klar, dass jeder auf dieser Welt – siehe oben – Entspannung und Nichtstun gleich setzt.

In der Schlussfolgerung, so wurde mir deutlich, hält er mich wohl für unentspannt. Und das machte mich wirklich fertig. Karla Kolumna ist unentspannt, Ulle Kolumne ist das aber auf keinen Fall. Ulle Kolumne ist eine ganz lässige, sehr coole Person. Jawohl!

Vielleicht ist es so, dass es auch auf die Menschen ankommt, mit denen man gerade zusammen ist. Entspannung braucht Vertrauen – und ich rede hier nicht über sexuelle Eskapaden oder Kuschelpartys. Warum sollte ich entspannt sein, wenn mir die Menschen, mit denen ich gerade in der Kneipe sitze, am nächsten Tag böse in den Rücken fallen könnten und es vielleicht auch tun werden? Fehlendes Urvertrauen? Vielleicht. Oder Erfahrungswerte.

Allerdings habe ich beschlossen, den Rat des Bekannten anzunehmen. Er ist ein cooler Typ. Das weiß er selber. Und vielleicht kann ich ja noch etwas von ihm lernen. Das absolute Nichtstun – oder wie ich vermute: das männliche Nichtstun.

Denn ein weiterer Bekannter, den ich zum Thema befragte, konnte ebenfalls nicht verstehen, warum ich ein Problem mit dem „Nichtstun“ habe. „Ich habe kein Problem“, sagte ich und meine Stimme war vielleicht eine Spur zu un-entspannt. Auch er, so erklärte er mir, lege sich gerne einmal aufs Sofa, die Beine hoch, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und das Gehirn ganz und gar ausgeschaltet. Auch am Strand zu liegen, zwei oder drei Stunden, und einfach nur die Sonne auf seiner Haut zu spüren, das sei seine Vorstellung von einem guten Urlaub. Mir stellte es die Nackenhaare auf. „Dürfte ich ein Buch dabei haben?“, fragte ich und er sah mir fest in die Augen: „Nichts machen, Ulle“, sagte er: „Nichtstun ist nicht lesen.“

Auf dem Weg nach Hause, während der Geruch von Elefantenscheiße mich und das Mausoleum von Beutelratte Heidi umhüllte, überlegte ich, ob die zwei Männer nicht eventuell so etwas wie Meditation gemeint haben könnten. Aber das, so überlegte ich mir, sei den Zweien wahrscheinlich zu unmännlich. Meditieren Frauen? Und tun Männer einfach nichts?

Stay tuned…

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9 Kommentare zu “Einfach mal nichts tun

  1. Ich habe nach mehrtägigem Arbeitsmarathon, der heute Nacht endet, der Welt schon verkündet, dass ich morgen etwas absolut Ungewöhnliches tun werde. Nämlich nichts. Heißt bei mir: ausschlafen, mir was Leckeres zu essen selbst kochen, Fotos sortieren, Schönheitsschläfchen am Nachmittag, vielleicht ein bisschen bloggen.

    Ich nehme an, es handelt sich bei Ihrer Analyse tatsächlich um den Unterschied von männlichem und weiblichem Nichtstun. Beim männlichen Nichtstun würde ich mich fürchterlich langweilen, aber ganz bestimmt nicht entspannen!

    • meine rede! ich habe gestern tatsächlich versucht, nichts zu tun. bei einem ersten versuch bin ich eingeschlafen. der zweite versuch endete damit, dass ich nach zehn minuten aufsprang und einen spaziergang machte.

  2. Mir fällt persönlich fällt zum Nichtstun ein Kinderlied, „Paul ist faul“, ein. Der Ich-Erzähler des Liedes stellt darin fest, dass er nicht so faul sein kann, wie Paul. Pauls Faulsein wird in diesem Fall mit Nichtstun gleichgesetzt: „Gar nichts darfst du tun, sagt Paul, dann bist du automatisch faul. Mach es so wie ich mein lieber, rühr dich nicht und döse lieber.“ Ich denke, wenn du für dich feststellst, dass Nichtstun dir keine Entspannung bringt, ist das vollkommen in Ordnung. 🙂

    • du kennst lieder – unglaublich! ich hoffe, dass der entzückende sohn meiner arbeitskollegin, der paul heißt, das musikalische kleinod nicht kennt. es wäre für ihn wahrscheinlich eine rechtsfertigung, die seine mutter ganz traurig machen würde…

      • Namensassoziationen können fatal sein. Ich musste damals schlucken, als ich den Namen „Bastian“ auf einer Schülerliste saß und wiederum an eine andere musikalische Kindeheitserinnerung denken musste: „Bastian, der kleine Dackel“. Ich habe dem Schüler die Schmach erspart, ihn und seine Mitschüler mit diesem Kleinod deutscher Kinderliederkunst bekannt zu machen. 🙂

  3. Gib einem Mann einen Computer oder eines von den neuen Smartphones, und sein Nichtstun wird richtig anstrengend 🙂

    Ich kann wunderbar ein ganzes Wochenende damit vertrödeln, nichts produktives zu tun – und dabei muss ich noch hetzen, wenn ich das Einkaufen schaffen will. Am Ende habe ich nichts geschafft, nichts gelernt, nichts erlebt, mir nichts gemerkt – und das mit Fernsehen, Buch und Computer gleichzeitig.

    Hätt ich auch gleich Arme hinter dem Kopf verschränken und die Decke anstarren können, aber dafür bin ich zu zappelig *g*

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