Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Oops, I did it again

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„Sie sind überqualifiziert“, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung, plänkelt noch ein paar Worte vor sich hin und verabschiedet sich dann. „Überqualifiziert“. Für gewöhnlich bin ich unterqualifiziert. Und zwar massiv. Unter „überqualifiziert“ lege ich Menschen wie Miriam Meckel und Alan Shearer ab. Die, die irgendwie alles können – und dabei auch noch gut aussehen.

„Überqualifiziert“ hat mich noch nie jemand genannt. Und ich glaube, es hat auch noch keiner von mir gedacht. Im Gegenteil. Ich bin zu unterqualifiziert, um eine gute (richtige) Freundin zu sein. Da fehlt mir einfach das Händchen für das sehr Zwischenmenschliche. Ich bin auch zu unterqualifiziert, um Kolumnistin beim Spiegel zu werden. Dafür fehlt mir der lächerliche rote Iro und die Vielzahl an Lesern (mir reichen ohnehin die, die ich habe). Und ich bin ebenfalls zu unterqualifiziert, um eine brillante Köchin abzugeben. Weil ich mich weigere, Obst mit Fleisch zu vermengen. Und weil ich es lächerlich finde, dass ein Essen AN etwas liegt. Forelle an Salbeischäumchen…

Man kann eben nicht alles können. Das wäre ja auch noch schöner. Man stelle sich vor, man kann alles. Nie käme man in den Genuss, sich über etwas zu freuen, das jemand anders für einen gemacht hat. Als heute der Kollege ein feines Dressing für unseren gemeinsamen Salat mitbrachte, konnte ich mich freuen. Denn mein Dressing, das wäre nicht so gut gewesen. Dafür freuten er und die anderen Kollegen sich über meine Lasagne, deren Zubereitung ich – so sagen die Kollegen – beherrsche. Ist ja auch kein Obst drin. Nur Fleisch. Nudeln. Käse. Butter. Wein. Und noch so Kleinkram.

So funktioniert ja auch die Welt. Jemand kann etwas besonders gut und dafür wird er entlohnt oder wahlweise angelächelt. Ein ganz einfaches Prinzip, das durch den bösen Kapitalismus weich wie Mäusespeck wurde. Da arbeiten Menschen in Berufen, die sie nicht beherrschen, nur weil sie mit ihrem iPhone so wichtig aussehen. Oder weil sie die Aufgabe billiger anbieten als der, der die Aufgabe besser lösen könnte. Kein Wunder, dass das Essen vom China-Mann umme Ecke nicht schmeckt.

Aber wie schwierig es auch ist, sich auf den Punkt zu qualifizieren! Fußballfans wissen: Manchmal fehlt ein Punkt zur WM-Quali und manchmal bedeutet dieser eine mickrige Punkt auch, dass man das kommende Jahr am Montag spielen darf. Zweite Liga. Und manchmal trifft einen nicht einmal selbst die schuld. Der Schiri war ein Idiot oder Damien Duff spielt in der eigenen Mannschaft, der im alles entscheidenden Spiel ein Eigentor schießt – und sich danach aus dem Staub macht.

Und wie langweilig es wäre, wenn man sich immer nur auf den Punkt qualifiziert. Sicherlich: Im Sport würde dieser Umstand mindestens drei Magengeschwüre pro Saison verursachen. Aber ansonsten? Wie langweilig sind Menschen mit einer geraden Biografie? Mit einem Leben, das genau zum Punkt führt? Nee. Nee. Es gebe ja gar keine Überraschungen mehr. Und wie nett ist dieser Gesichtsausdruck, wenn ich Menschen erzähle, dass ich einen Führerschein für einen Gabelstapler habe. Der Job übrigens, für den ich „überqualifiziert“ bin.

Womit wir wieder am Ausgangspunkt sind.

Dass ich gelernt habe, wie eine Zeitung produziert wird und wie ich eine Meldung schreibe, bedeutet ja nicht, dass ich überqualifiziert bin, ein Fahrzeug zu lenken. Für diesen Beruf wäre ich nur dann überqualifiziert, wenn ich kleine Saltos mit dem Ding schlagen könnte und dabei sänge „Oops, I did it again“ – was fürwahr eine lustige Vorstellung ist. Ich muss gerade ein wenig lachen.

„Überqualifiziert“ scheint mir eine ganz schlechte Ausrede zu sein. Für was, das weiß ich allerdings noch nicht. Ich werde mich nun ohnehin erst einmal als Schläferin qualifizieren. Dafür braucht es nicht viel. Eine Wärmflasche, eine Decke. Und ein gutes Buch. Gut, dass der Kalte Krieg vorbei ist. Da hätte ich als Schläferin viel mehr können müssen.

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