Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Extrem medioker

2 Kommentare

Eigentlich mag der Mensch an sich das ganz Extreme nicht. Extrem-Rechts macht uns zu recht Angst (wie man nun an der Zwickau-Verfassungsschutz-Connection sehen kann), extrem-Links ängstigt ebenfalls, weil wir auch das nicht einordnen können. Extremer religiöser Fanatimus macht uns auch Angst, weil die Gesetze der Religion und Moral im Fanatismus nicht mehr zählen. Und trotzdem sehnen die meisten sich nach Extremen. Wir wollen „Extrem schön“ sein oder gleich ein „Superstar“, wir wollen „Topmodel“ werden oder „Traumfrau“. Alles, nur kein Positiv und Komparativ – immer am liebsten (!) der Superlativ.

Der Freund hat mir einen Artikel aus der FAZ ans Herz gelegt. Partner, Tausch und Börse – Was macht der Kapitalismus mit unseren Gefühlen heißt der und beleuchtet, warum es immer mehr Singles gibt. Auch ein Fall von falsch verstandener Steigerung.

Denn: Der Kapitalismus ist schuld. Weil vor allem wir Frauen keinen Mann mehr brauchen, sondern nur noch einen wollen. Und weil die Auswahl an Männern dank Kapitalismus so riesig ist, kann uns ein Mann, vielleicht der Mann, nicht mehr gut genug zu sein. Obwohl wir Frauen glücklich sind, kommen wir von dem Gedanken nicht los, dass irgendwo da draußen noch die Steigerung unseres Glücks ist – der Superlativ einer Beziehung also.

Und dabei werden wir unglücklich. Weil wir selbst die „perfekte Beziehung“ noch steigern wollen – dabei ist „perfekt“ gar nicht steigerbar. Und die Singles? Die lassen sich nicht mehr auf Versuche ein, auf einen Test. Wir geben keinem Mann mehr eine Chance, der nur zu 80 Prozent unserem Beuteschema entspricht – weil wir ganz, ganz sicher noch einen 87-prozentigen Mann finden und dann einen 92-prozentigen. Nur den 100-prozentigen finden wir nur schwerlich. Siehe oben. Emotionaler Extremismus.

Dabei müssen wir Frauen uns eingestehen, dass wir selber auch nicht 100 Prozent sind. Ich beispielsweise, ich bin vielleicht 60 Prozent. Wenn es hochkommt und die kalte Winterluft meine Wangen gerade rosig strahlen lässt. Aber es ist auch okay. Ich bin eigentlich ganz gerne medioker. So kann ich durch die Straßen gehen und werde nicht angestarrt, ich kann sein wie ich will – und niemand nennt mich Vorbild. Das finde ich gut. Vorbild-sein, das wäre mir dann doch zu anstrengend. Zu viel Verantwortung in dieser Welt, in der ich doch so gern dumme Dinge tue.

Ich gebe zu: Ehrgeiz ist ohnehin nicht meine Stärke. Ich möchte in meinem Job gut sein, ich möchte eine gute Freundin sein. Und wenn ich dann noch ganz gut backe und koche ist es schon gut. Aber mich mit anderen messen? Meinen Charakter zu einem einzigen Superlativ ausbauen? Lieber nicht, nachher bin ich für irgendjemanden nur noch „die Einzigste“ (ich habe mich kaum getraut, dieses in sich falsche Wort zu schreiben – es sei mir verziehen, bitte).

Was ist eigentlich passiert, wie kam es, dass das Mittelmaß schlecht wurde? Ich rede gar nicht von „mit dem Strom schwimmen“. Das können auch extrem schöne Menschen oder Superstars. Aber warum muss jeder Tag ein Besuch im Freizeitpark mit anschliessender wilder Knutscherei im Stadtgarten und einem pinken Sonnenaufgang im Hintergrund sein? Warum ist den meisten Menschen nicht das genug, was sie haben? Warum müssen sie auf der Tanzfläche wild die Arme hin- und herschwingen und dabei extreme Drehungen hinlegen und warum reicht es manchmal nicht einfach, in aller Ruhe mit einem Bier an der Hand neben der Tanzfläche zu stehen? Extrem medioker, extrem lässig.

Der Bekannte aus Ostfriesland beispielsweise. Er hatte ein gutes Auto. Irgendwie 120 PS, Ledersitze, Sitzheizung – cooles Gerät. Doch dann wurde er auf der Autobahn 31 in Richtung Emden überholt – und das nervte ihn. Die kommende Zeit verbrachte er damit, von Ostfriesland nach Stralsund zu fahren. Und nach Kassel. Einmal auch nach Köln. Und nach Berlin. Denn dort sollten coole Autos zum Schnäppchenpreis stehen. Mehrere Monate lang musste seine Freundin mit angenervtem Gesichtsausdruck neben ihm sitzen – bis er endlich ein noch cooleres Auto gefunden hatte. Sechs Monate fährt er es jetzt – und wurde auf der A31 schon wieder überholt. Ihr ahnt, wie die Geschichte weitergeht.

Interessanterweise bezieht sich dieser Steigerungswahn nur auf den persönlichen Teil der Welt. Geht es um „noch mehr Frieden“ und „viel weniger Hunger“ mag plötzlich keiner mehr steigern. Dann ist keiner mehr „Superstar on the Dancefoor“ sondern „Och, ich kann daran doch ohnehin gar nichts ändern“. Auch eine interessante Facette des Extremismus: Wo man steigern sollte und könnte, wird nicht gesteigert.

Ich fasse zusammen (ein Satzbeginn, den ich schon lange einmal nutzen wollte): Wir stürmen in einen Süßwarenladen und können uns vor lauter leckerer Bonbons und knuspriger Kekse gar nicht entscheiden. Und weil wir Angst haben, dass es woanders vielleicht noch bessere Bonbons und Kekse gibt, verlassen wir das Geschäft und rennen panisch die Straße herauf, hektisch hin- und herschauend, ob es nicht noch einen besseren Süßwarenladen gibt. Es wird kein Gedanke daran verschwendet, dass das, was wir in dem letzten Geschäft hatten, vielleicht genau das war, was wir wollten. Ganz schön traurig.

Und der Magen knurrt dazu sein melancholisches Lied.

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2 Kommentare zu “Extrem medioker

  1. Schön be- und geschrieben. In kleinen Dingen habe ich das auch schon oft genug bei mir beobachtet. Bei den Großen stellt sich diese Frage ja auf wundervolle Weise nicht mehr! 🙂

    Interessant an dem Geschilderten ist aber ja durchaus auch, wie lange es dauern kann, bis Verhältnisse und Bedingungen von einem Gesellschaftsbereich auf einen anderen überspringen. Immerhin begann der Optimierungswahn in der Wirtschaft bereits im 19. Jhd. mit Charles Taylor und Henry Ford. Plötzlich wurde wirklich alles, bis in die Privathaushalte hinein, optimiert und rationalisiert.

    Jetzt wird es zu soziologisch und zu wenig romantisch… Ich geh wieder! Bleib Du wie Du bist! 🙂

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