Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der gute Gastgeber

3 Kommentare

Wir leben in einer stillosen Welt. Obwohl jedem das Wort „Knigge“ geläufig sein müsste, sind wir doch kulturell Barbaren. Das habe ich zumindest in der gestrigen Nacht erfahren, als ich in einem meiner mir kostbaren Bücher gelesen habe. Diese Buchsammlung stammt aus den 1950er Jahren – und soll helfen, in der gesellschaftlichen Wildnis zu überleben. Durchaus sinnvoll, wie ich meine. Nur für heutige Verhältnisse so gar nicht mehr passend. Leider.

Das Buch heißt Der gute Gastgeber und es geht – wie man sich schon beinahe denken kann – um das gute gastgeben. „Wie behandele ich meine Gäste richtig“ ist die Frage, die durch die rund 200 Seiten führt – eine Lektüre, die auch der ein oder andere Leipziger Kellner (als ungeschlechtliche Form) sich einmal zu Gemüte führen sollte.

Und ich bin begeistert. Ich hielt mich bisher eigentlich immer für eine ganz passable Gastgeberin, verhungert und verdurstet ist bei mir noch niemand und ich traue mir zu, durchaus in bestimmten Momenten ganz ordentlich Konversation betreiben zu können – vor allem dann, wenn auch ich nicht vom Verdursten bedroht bin. Nun weiß ich: Ich bin nur ein Stück unvollkommenes Fleisch. Doch das wird sich ändern.

Denn dieses Büchlein ist eine Offenbarung und ich bin versucht, meinem Gast, den ich heute erwarte, mit den Tipps aus Der gute Gastgeber zu beglücken.

Als erstes: Keine Einladung ohne Programm. Selbst ein schnödes Kaffeetrinken sollte gewisse Programmpunkte enthalten, sagt mir das Buch und nennt auch gleich Beispiele: etwas Hausmusik hier, ein kleiner Gedichtvortrag dort. Besonders wenn es ein Treffen zu einem Glas Wein ist (laut Buch ein Zeichen von Kultur), ist etwas intellektuelle Berieselung abdingbar. Und sei es nur ein 15-minütiger Vortrag mit den Bildern von der letzten Reise zu den Trümmern der Taiga.

Ich versuche, mir das Gesicht meines nahenden Besuchs vorzustellen. Wie würde sie reagieren, wenn ich ihr erst höflich den Mantel abnehme, ihn in einen Raum bringe, den ich extra für diesen Besuch zur Garderobe umfunktioniert habe? Was würde sie denken, wenn ich danach einen Schnaps reiche, etwas Rauchwaren anbiete (wo doch zumindest ich Nichtraucher bin) und dann mit dem Programm beginne?

Eine halbe Stunde Konversation, dann würde ich lächelnd zu meiner Blockflöte greifen – zu anderen Instrumenten hat es bei mir nicht wirklich gereicht – und eine halbe Stunde Alle meine Entchen oder Es kommt ein Schiff geladen spielen – auch zu weiteren musikalischen Hochgenüssen reicht es leider nicht.

Danach gebe es eine Runde Kartenspiel, aber nicht 17und4, weil das frivol ist (keine Ahnung, warum!), und wir würden bei einem Likörchen den Abend enden lassen. Würde sie glückselig meine Wohnung verlassen – oder sich schreiend die Ohren halten?

Natürlich: Angemessen ist das irgendwie alles nicht mehr. Wobei ich die Idee mag, dass man sich die größte Mühe gibt, seinen Gästen etwas gutes zu tun – und sich auch somit.

Ich habe gerne Gäste, ich finde es toll, wenn man sich nett unterhält, gemeinsam Zeit verbringt. Nicht in einem Café, sondern in den vier Wänden, die auch etwas Privatheit bedeuten. Wenn man jemandem zeigt, wie man wohnt, zeigt man auch etwas von sich selbst.

Wer beispielsweise mich besucht, bemerkt meine Vorliebe für rote und weiße Möbel. Für Bücher. Meist geht der Blick auch in Richtung meiner grünen Wasserpfeife. „Schön“, sagt der Gast und fragt: „Benutzt Du sie?“ Und ich antworte: „Nein, ich habe sie von einem mir sehr wichtigen Menschen geschenkt bekommen.“ Und mein Gast weiß nun: Ich halte Geschenke in Ehren und es gibt Menschen, die mir wichtig sind. Das sagt doch schon viel über einen Menschen aus. Ebenso viel übrigens wie der Besitz von rosa Teddybären, die auf der aggressiv gemusterten Couch liegen und sich mit Herzkissen sowie Schafdecken mit „Ohne Dich ist alles doof“-Druck abwechseln. Es sei angemerkt: Ich besitze sowas natürlich (!) nicht.

Vor einiger Zeit überholte ich mit dem Rad einen Mann, der einen „Ohne Dich ist alles doof“-Rucksack trug. Er war ungefähr 40 Jahre alt und ich war geschockt. Leider konnte ich auch nirgendwo ein Kameraauto von Schwiegertochter gesucht entdecken. Normal sind solche Männer ja deren Fälle – aber das nur am Rande.

Wobei: Auch diese Rucksäcke, Kissen und Decken sind einfach stillos. Und damit hätte ich wieder einen Bogen zu obigem Buch geschlagen. Was gut ist. Denn darüber wollte ich ja schreiben. Manchmal verliere ich mich beim Schreiben. Ich denke nur, wenn sich die Finger bewegen.

Wir sind stillos. Wir schreiben Emails ohne Anrede, betrachten Angestellte als Kostenfaktoren. Wir bieten älteren Menschen in der Tram nicht mehr unseren Sitzplatz an, weil unsere Highheels doch so unbequem sind. Ich nehme das Buch Der gute Gastgeber nun überall mithin. Besser: Ich werde es auswendig lernen – es kann die Welt nur besser machen. Und jetzt gehe ich ein Gedicht von Ringelnatz suchen, das ich gleich meinem Gast vortragen kann…

Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!

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3 Kommentare zu “Der gute Gastgeber

  1. Hach… Du bist so GROSSARTIG!

  2. Jaaaaa, Ringelnatz ist toll. Ich kann das obige Gedicht auswendig und sogar eine Vertonung dazu singen. Wenn du für deinen nächsten Hausmusikabend ein Arrangement brauchst, schicke ich es dir gerne 🙂

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