Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Was ich noch nicht über mich wusste…

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe heute einmal am Studentenleben teilnehmen dürfen. Ich hatte frei und konnte tagsüber den Geburtstag einer Freundin zelebrieren – Sekt zum Mittag, Sekt zum Nachmittag und auf dem Rückweg gegen 17 Uhr das dumpfe Gefühl von „Ups, das letzte Glas war wohl nicht gut“. Es war interessant und schön, einmal wieder in den Tag hineinzuleben – auch wenn das studentische Leben natürlich nur an den wenigsten Tagen so war.

Irgendwann – im Laufe des Nachmittags – kamen wir auf das Thema Horoskope. Und obwohl niemand von uns so recht daran glaubte, hingen doch plötzlich fünf leicht angetüdderte junge Frauen vorm Laptop und recherchierten ihren Aszendeten. „Und was ist mit meinem Charakter?“, fragten wir alle der Reihe nach in Richtung Monitor und sahen gespannt auf das Ergebnis.

Wenn wir schon selbst nicht wissen, wer wir sind, so hofften wir scheinbar, dass die Sterne wüssten, wer wir sind. In der Not glaubt man eben auch das. Oder hofft zumindest, dass sich unter den phrasenhaltigen und nichtssagenden Sätzen wie „Ab und zu können sie sehr abenteuerlustig sein“ eine Wahrheit verbirgt.

So sagt mein Aszendent über mich aus, ich sei „unnahbar“. Eine Charaktereigenschaft, die ich für mich nie genommen hätte. Trotzdem saß ich auf dem Rückweg auf meinem Fahrrad, der kalte Nebel piekste im Gesicht, der Sekt waberte im Kopf und ich dachte nach: „Bin ich unnahbar?“, fragte ich mich und musste an all die Situationen denken, in denen ich gerne unnahbar gewesen wäre, stattdessen aber wie eine riesige Zielscheibe mit großen Beschreibungslettern durch die Gegend gelaufen bin.

„Unnahbar“ ist geheimnisvoll – und Geheimnisse umgeben mich nicht wirklich. Ich trage mein Herz meist auf der Zunge – und mein Gesicht ist nicht einmal in die Nähe eines Pokergesichts gekommen. Wenn ich hasse, sehe ich auch so aus. Leider sieht man mir auch immer an, wenn ich jemanden total toll finde (was prinzipiell gut ist, aber manchmal eben auch echt unschön). Das Horoskop hat unrecht – natürlich.

Allerdings ist es interessant, wie wir Menschen reagieren, wenn es darum geht, mehr über uns zu erfahren. Dabei sollte doch eigentlich jeder am besten wissen, wer er ist. Aber so einfach ist das eben nicht.

Deshalb machen wir auch Psychotests, lesen heimlich Horoskope und saugen Klatsch und Tratsch über uns mit einer Freude auf, die manchmal bedenklich ist.

So habe ich vor einiger Zeit erfahren, dass ich wohl ein Luder sei. Ebenfalls ein Label, das ich eigentlich nicht für mich verwenden würde. Ohnehin scheinen mir „Luder“ und „unnahbar“ irgendwie nicht zusammen zu passen. Aber egal. Weiter im Text.

Ich bin also ein Luder. Eine Beschreibung, über die ich lange nachdenken musste, die ich versuchte, mit Beispielen zu belegen. Ein oder zwei Punkte in meinem Leben fand ich, die darauf hinweisen könnten – gebe es sie aber nicht, würde ich wohl ein ganz und gar klösterliches Leben führen. Würde man mich dann wieder Frau-rühr-mich-nicht-an nennen? Ich überprüfte die Quelle dieser Information über mich und mein Wesen und stellte fest: nicht glaubwürdig. Zum Glück.

Um einmal mehr pastoral (eine Beschreibung, die eine Kollegin für mich fand) zu sein: Anstatt sich das Bild von sich selbst aus den Zuschreibungen anderer zusammen zu suchen, sollten wir ab und zu einfach mal kurz ins lauschen. Wir sollten die Musik ausstellen, die Fenster dicht machen und kurz nachdenken.

Dabei ist in den meisten wohl ziemliches Chaos und sehr viel Lärm. Weil wir ja auch so viel sein sollen – ich schrieb schon einmal drüber – und auch so viel sein möchten. Gute Freundin, gute beste Freundin, gute richtige Freundin, gut in unserem Beruf, eine schnelle Radfahrerin, eine selbstbewusste Frau, ab und zu eine schwache Frau, dann wieder eine starke Frau (Männer drehen das an dieser Stelle einmal alles auf ihr Geschlecht, bitte), eine gute Köchin, eine Spinnenmörderin, eine Tierschützerin und und und. Irgendwie alles. So sehr, dass man selber nicht mehr weiß, wer man ist.

Um eines klarzustellen: Heute Abend bin ich Oranje-Fan und biertrinkende Freundin. Über den Rest mache ich morgen Gedanken. Jawohl. Ich bin nämlich auch eine Aufschieberin. Das wusste das Horoskop übrigens auch nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s