Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Verwirrung im Emotionenlädchen

Ein Kommentar

Manchmal, da weiß man selber nicht mehr, wer man ist. Die Gefühle fahren kreuz und quer, rechts und linksherum im Kreuzverkehr. „Emotionenlädchen“ haben der Freund und ich es getauft. Mal hasst man, mal liebt man, dann weiß man nicht, was man tut, man weiß nur, dass man voller Leidenschaft ist. Es ist ein wenig wie Teenager-sein, nur im Erwachsenenalter. Man rennt durch die Regale, bedient sich bei „Hass“, „Wut“ und „Liebe“ – lässt andere ab und zu einmal rein, damit die auch was von den Gefühlen abbekommen – und hat irgendwann einen emotionalen Kater, der einen gar nicht mehr verlassen möchte. Der Kopf brummt, die Knie zittern und irgendwann kommen die Tränen.

Ein Schock kann dann Wunder wirken. So grausam er auch ist, der Schock. Wie nun in meinem Fall, als mir eröffnet wurde, dass ich bald arbeitslos sein werde. Ich saß dort, mir gegenüber der Mann, dessen Mund sich ab und zu für mich einfach nur bewegte – aber was er sagte, das drang gar nicht mehr zu mir durch. Plötzlich war das ganze Emotionenlädchen wie leer gefegt – oder eher: Das Licht war aus, ich wusste gar nicht mehr, wohin.

Wie ein wabbernder Vanillepudding lief die Welt an mir vorbei und dann, ganz plötzlich, sah ich wieder klar. Im Emotionenladen war Inventur, alles war wieder geordnet in den Regalen. All die Spuren der Menschen, die sich in den vergangenen Wochen aus meinen Gefühlsregalen bedient hatten – hier etwas Liebe, dort eine riesige Portion Mitgefühl, eine Tüte Mut und ein Barrel Trost – waren weggewischt.

Ich sah diesen Mann an, der immer noch seinen Mund bewegte und wusste plötzlich, wer mir in dieser Situation jetzt wichtig war. Wer mir die wichtigen Dinge sagen würde, wer alles stehen und liegen lassen würde, damit ich nicht ins Schwanken geraten würde. Und ich wusste, wer mir in diesem Moment die Hand halten sollte. Besonders dieses Gefühl lag so klar auf dem Fließband in Richtung Kasse, dass ich dem immer noch sprechenden Mann nur fest in die Augen sehen konnte und ein „Danke“ sagte.

Wahrscheinlich war er verwirrt. So viel Freundlichkeit hätte er in dieser Situation vermutlich nicht erwartet. Seine Hand zitterte und ich stellte fest: Ich hatte sein Emotionenlädchen zwar nicht zerstört, aber einem leichten Erdbeben ausgesetzt. Und das sorgte eindeutig für eine neue Lieferung im hinteren Bereich meines Ladens, dort, wo das Selbstwertgefühl in alten Barriquefässern lagert.

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Ein Kommentar zu “Verwirrung im Emotionenlädchen

  1. Wie, arbeitslos? Gastspiel in Leipzig vorbei?

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