Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Von Grinchen und den Anti-Grinchen

5 Kommentare

Die Freundin dreht sich mit den Gedanken im Kreis. Sicherlich: Sie wird den Weg aus dem mit Eis und Zweifeln übersäten Kreisverkehr finden – leicht ist es aber nicht. Schuld ist der Grinch. Naja, ich habe ihn so genannt. Grinch ist in diesem Fall ein Typ Mensch. Der, der sich freut, wenn es uns schlecht geht. Mit ihm. Bis wir alle Grinche sind.

Und es gibt sie wirklich, diese merkwürdigen Menschen. Getarnt als ganz normale Mitbürger mischen sie sich unter uns, um im richtigen Moment gemein zu sein. Sie waren die ersten, die Facebook für sich entdeckten. Dort können sie nämlich nachhaltig ihre destruktiven Botschaften verteilen – und all die, die in ihre Fänge geraten sind, müssen Dinge lesen wie „Das Leben ist scheiße“, „Warum immer ich?“ – hauptsache negativ. Das ist ganz wichtig.

Manchmal reicht ja auch schon das subtile „Wann ist nur endlich Sonnabend?“ Naja, sage ich: Wenn Donnerstag und Freitag vorbei sind. Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern. Doch der Grinch hadert mit seinem Schicksal – und alle anderen hadern mit.

Da sitzen dann die 391 Freunde und fragen sich auch: „Ja, warum ist Mittwoch, warum ist nicht Sonnabend?“ Anstatt sich mit Dingen aufzuhalten, die sie ändern können, beissen sie sich in Dingen fest, die sie nicht ändern können – außer sie wechseln die Zeitzone, aber eines sei gesagt: Der Mittwoch kommt gewiss.

Beliebt auch: „Warum ist es nur so kalt?“ Tja, ich verrate ein Geheimnis: Es wird Winter. Und im Winter ist es auf der nördlichen Erdhalbkugel für gewöhnlich schweinekalt. Das ist so. Einhundert Posts bei Facebook und Twitter können diesen Zustand nicht ändern. Angebrachter wäre die Frage: „Warum sterben täglich mehr als 9000 Neugeborene?“ Das ist etwas, daran kann man verzweifeln. Nicht an der Frage, warum im November plötzlich die Temperaturen in Richtung Minusbereich sinken.

Aber der Grinch, der hat seine Freude daran, die unwichtigen Dinge als Marter seines Lebens zu betrachten – und andere beinahe zombie-esk mitanzustecken. Weil es ihm selber schlecht geht, soll es gefälligst auch allen anderen Menschen schlecht gehen. Jetzt! Sofort!

Trifft der Grinch auf einen Menschen, der erkannt hat, dass es Dinge gibt, die man nicht ändern kann, dann versucht er es mit seiner letzten Waffe. Ein seufzendes Atmen, ein schwerer Blick: „Warum bist Du nur immer so gut gelaunt?“ wird der Es-gibt-Dinge-die-man-nicht-ändern-kann-Mensch angesehen – nennen wir diesen Menschen der Kürze halber: Anti-Grinch. Das klingt nach Kampf zwischen Gut und Böse.

Doch die „Warum bist Du immer nur so gut gelaunt“-Frage trifft den Kern des Ganzen nicht. Natürlich weiß der Anti-Grinch, dass man nicht immer gute Laune haben kann. Hat er ja auch nicht immer. Doch er weiß, dass es lächerlich ist, sich über den Mittwoch aufzuregen. Und natürlich kann es einem die Laune verderben, dass das Wochenende mit Rumknutschen im Morgengrauen und Brötchenfrühstück noch so weit weg ist: Doch wem bringt die schlechte Laune etwas?

Wir kriegen Falten am Mund und an den Augen – und es sind keine Lachfalten. Der böse Grinch-Ausdruck wächst, macht sich im Gesicht breit und liegt irgendwann wie ein Panzer über uns. Geändert ist nichts, wir sind nur hässlich. Und ich bin sicher: Ein Grinch friert immer, ein Anti-Grinch nur manchmal. Und wer Grinch-Falten hat: Der lacht auch am Wochenende nicht, weil er den Montag schon im Kommen sieht. Der Grinch, der freut sich nicht – der sieht immer das nächste Elend.

Wie furchtbar muss es sein, immer so zu denken. Sich nicht am Sonntag zurückzulehnen zu können und sich nicht darüber zu freuen, dass man den Nachmittag gerade mit tollen Freunden und einem Blick auf das herbstliche Leipzig (bitte hier anstatt „Leipzig“ eigene Heimat einsetzen) verbringen kann.

Nein, der Grinch darf uns nicht kriegen. Lächeln wir ihm ins Gesicht – und werfen ihn mit Schokolade ab! Denn die mag er nicht. Zucker findet er doof. Grinch halt.

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5 Kommentare zu “Von Grinchen und den Anti-Grinchen

  1. Da erkenne ich mich leider wieder. Aber ich glaube der Grinch ist das nölende Kind in einem, das bemitleidet werden will…

  2. Hmm, das stimmt natürlich alles absolut, aber manchmal befindet man sich leider in Lebensumständen, wo die Lichtblicke eher selten sind. Ich sag nur: kleine Kinder + viel Arbeit auf’m Schreibtisch, das schlaucht auf Dauer echt. Aber danke für deine erfrischende Sicht auf die Dinge! Lese übrigens neuerdings gerne hier mit.

    • oh, danke! das freut mich – mit dem lesen. weniger das mit der vielen arbeit und den kindern. aber ich habe in diesem leben ja die – naive – hoffnung, dass mit gutem mut alles besser zu ertragen ist. willkommen deshalb bei den antigrinchen!

  3. Huch. Den Artikel wollte ich auch schreiben.

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