Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

What would Biene Maja do?

Ein Kommentar

Die Freundin bat mich, über ein Thema zu schreiben. Eigentlich war es nur ein Stichwort, ein Hinweis. „Biene Maja“ säuselte sie ins Telefon, schob noch hinterher „Die mag ich so gerne“ und legte auf. Biene Maja also. Eine Zeichentrickfigur. Vielleicht wollte die Freundin mir einen philosophischen Hinweis geben. Denn sie, Anfang 30, steht auf eine Kinderserie. Ist das schlimm? Eigentlich sind wir Erwachsene ja auch nur Kinder, denen das Finanzamt und der Wochenendeinkauf im Nacken sitzen.

Wenn wir emotionalistert und verwirrt durch die Straßen laufen, weil uns ein Satz oder ein Blick aus dem Konzept gebracht hat, dann sagen wir uns „Ruhig Blut, Du bist erwachsen, da stehst Du drüber.“ Aber in Wirklichkeit ist es natürlich nicht so. Nur weil sich die Zahl hinter unserem Namen (Ulle, 30) ändert, haben wir ja immer noch Verhaltensweisen in uns, die nicht zu dem Bild passen, das wir von Erwachsenen haben. Ruhig, besonnen, zielstrebig. Reich an Erfahrung, die viele Situationen leichter ertragen lässt.

Natürlich hat man irgendwann schon ein bisschen was erlebt. Wir haben uns verliebt und entliebt, wir haben versucht und sind grandios gescheitert, wir haben Mut verloren und Erfolg erlebt, wir haben gekocht und uns die Finger verbrannt, wir haben das Bier getrunken und den Kater bekommen. All das wissen wir, wir ahnen vielleicht irgendwann mehr, worauf wir uns einlassen – rennen aber gerne sehenden Auges in das Unglück. Weil wir immer noch kindlich hoffen, dass alles besser wird und schlechte Erfahrungen nur der Weg zu einer guten Erfahrung sind.

Sicherlich wissen wir, dass immer etwas Neues kommt, dass „eine Tür schliesst sich, eine neue Tür öffnet sich“ zwar eine blöde Phrase, aber letztendlich die Wahrheit ist. Kaum jemand landet plötzlich in einer Besenkammer ohne Fenster, Lüftung oder Riss in der Wand – ohne Tür. Trotzdem macht dieses Wissen viele Situationen nicht leichter. Wenn man beispielsweise erfährt, dass man vielleicht oder ganz sicher seinen Job verliert. Es schnürrt einem dennoch das Herz zusammen, die Hände zittern und die Zukunft wird von neongrün plötzlich schwarz. Oder wenn man merkt, dass man nicht zurückgeliebt wird, weil es einfach nicht passte, die Macken nicht kompatibel und auch nicht angleichbar waren und nie sein werden.

Wenn der Freund sagt: „Lass uns alkoholisiert drüber reden“, dann ist es auch nicht anders als „Lass uns im Sandkasten eine Burg bauen“. Ablenkung ist doch irgendwie Ablenkung, egal, ob es der Alkohol oder die Konstruktion der besten Sandburg ist, die je in der Westoverledinger von-Weber-Straße gebaut wurde.

Und deswegen ist es auch überhaupt nicht schlimm, wenn die Freundin sagt, dass sie auf Biene Maja steht. Viel schlimmer wäre es doch, seine kindlichen Gelüste zu unterdrücken und einen auf „Cool“ machen zu wollen. Man kann manchmal einfach nicht cool sein, weil das Leben gerade nicht cool ist.

Als vor einigen Tagen das Nachbarskind nach seiner Mutter rief und gleich danach mit einer Umarmung und dem Versprechen auf einen warmen Kakao getröstet wurde, da wünschte ich mir, mir manchmal auch dieses Recht herausnehmen zu können. Einfach nach einer „Mama“ zu schreien, die es schon irgendwie richtet. Die dem Job, der nicht sein sollte, die Magie nimmt und dem Mann, der nicht zurückliebt, in den Arsch tritt. Und die danach die krumme und schiefe Sandburg lobt – oder das Bierdosen-Konstrukt.

Und: Ob wir in schweren Situationen nach einem Bier oder nach der Nuckelflasche schreien – wir wollen uns doch nur festhalten. An irgendetwas. Festhalten beruhigt. Der Greifreflex verändert sich eben nur, er bleibt aber.

In diesem Sinne: Ich muss mich auf eine Party vorbereiten. Und ich habe bisher nicht gelernt, dabei cool zu bleiben. Ich muss überlegen, was ich anziehe. Ob ich Lippenstift benutze oder nicht – und ob die Farbe nicht zu nuttig, spießig oder verwischgefährdet ist. Ob ein Parfum in einem vollgeräucherten Raum nicht vielleicht eher eine Belastung als eine Freude ist. Welches Getränk mitgebracht werden soll. Ob die Fingernägel eine Farbe bekommen sollen oder nicht. Wie man mit den Bissspuren an den Nägeln überhaupt umgehen soll.

What would Biene Maja do?

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Ein Kommentar zu “What would Biene Maja do?

  1. Willi anrufen und mit Willi auf die Party gehen. Nicht vergessen: Biene Maja fliegt weiter, weil sie Willi hat.

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