Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vermackt, der zweite Teil

Ein Kommentar

Rund viereinhalb Monate ist es her, dass ich über den Bekannten schrieb, der vermackt ist. Nun, es sei gesagt: Er ist es immer noch. Macken, die gehen nicht von einer Minuten auf die andere weg. Dann wären es keine Macken, es wäre ein Jucken an der Nase. Oder ein Zwicken im Ellenbogen. Aber es wäre keine Macke. Macken, ich schrieb es schon einmal, sind eben da. Vom auf die Schnauze fallen und in die Nesseln setzen. Ein Mensch ohne Macken, der ist noch nie in das Elend des Lebens gesprungen, um sich beim herauswinden das Knie anzuschlagen.

Seit einiger Zeit beschäftigen sie mich wieder, die Macken. Wie im ersten Teil angesprochen: Meine Persönlichkeit schlägt zuweilen Kapriolen. Und manchmal tritt die Eigenart ganz besonders hervor. Vor allem dann, wenn man Menschen trifft, die ebenso vermackt sind. Deren Leben danach ausgerichtet ist, den Dingen, vor denen wir uns fürchten, aus dem Weg zu gehen. Die sich täglich durch den Parcours ihrer Eigenarten winden, den Kopf immer leicht zwischen die Schultern gezogen, den Rücken angespannt, um im Notfall zur Seite springen zu können.

Denn der Versuch, seine Macken zu leugnen, der ist zum Scheitern verurteilt. Ein einfaches Beispiel: Der Kollege nahm vor einigen Tagen Milchreis zu sich. Ich hasse Milchreis. Milchreis ist die Strafe Gottes für die Existenz der passiven Abseitsregel. Der aufgequollene Reis, umhüllt von einer milchigen Schleimschicht – bah! Es gibt Dinge, die kann ich nicht verstehen. Milchreis gehört dazu.

Nun, der Kollege saß da, auf seinem Schreibtischstuhl. Ein leerer Becher mittlerweile auf seinem Tisch, ein glückliches Lächeln auf den Lippen. Während ich im Büro stand, ein paar nette Worte von mir gab, die auch der Wahrheit entsprachen und mit Koketterie und Ironie nichts zu tun hatten, da zog der Geruch von Milchreis in meine Nase.

Während des Studiums, so behaupte ich, konnte ich in meiner Wohnung knapp 500 Meter von der Mensa entfernt, riechen, wenn es Milchreis gab. Milchreis riecht. Und zwar ekelig. Der Studienfreund behauptete allerdings immer, ich würde schon am Montag auf den Mensaplan gucken und eine Grundpanik aufbauen, wenn es diese für ihn köstliche Speise gab. „Milchreis riecht nicht“, sagte er und ich konnte ihn nur entgeistert anstarren. Sein Tabakkonsum musste seine Geruchsnerven arg ramponiert haben.

Da stand ich also im Büro des Kollegen und ich wollte nicht unhöflich sein. Also versuchte ich, den Geruch der Reisspeise zu ignorieren. Fest sah ich dem Kollegen in die Augen, konzentrierte mich auch ein Lächeln, dachte an Milchkaffee, Brötchen und den Feierabend. Doch plötzlich brach es aus mir heraus: „Baaah, das ist so ekelig“ zischte ich. Der arme Kollege, er verstand erst nach einer stockenden Arie meinerseits, was mich emotional so aufgewühlt hatte.

Sicherlich, Milchreis ist ein schwaches Beispiel für eine charakterliche und persönliche Kapriole. Es gibt immerhin so viel mehr. Die Freundin mag nicht Fahrstuhlfahren. Beispielsweise. Ein armer Paketbote musste das vor einigen Tagen erfahren, als er sich zu uns den Fahrstuhl drängelte und auf Stockwerk „1“ drückte. „Können Sie die paar Treppen nicht laufen?“, fragte die Freundin und sah erst nach einer Schrecksekunde über den Ausbruch ihrer Kaprize leicht schuldbewusst aus der Fahrstuhlecke.

Eigenarten sind eben nicht für jeden ersichtlich und verständlich. So wie ich in der Kirche. Heruntergebrochen lässt sich sagen: Ich mag nicht singen. Wobei das falsch ist. Ich singe schon gerne, es soll mich nur niemand hören. Meine Stimme ist des Hörens nicht würdig. Und so sitzen der Freund und ich am Sonntag in der Kirche. Er singt gar lieblich jedes Lied mit, ich starre in Richtung Gesangbuch und bete, dass es vorbei ist. Wahrscheinlich bin ich die einzige, die beschämt auf die Noten starrt und deren Blick immer wieder panisch flackert. Völlig falsche Voraussetzungen für einen Kirchenbesuch, um sich zu erden und zur Ruhe zu kommen.

Die Macken also. Die einen haben mehr Schrullen, die anderen haben weniger. Aber was passiert, wenn sich zwei Menschen treffen, die nicht nur Mensch mit Schrulle sind, sondern jeweils eine wandelnde Schrulle? Wenn der eine Joghurt nur vom Metalllöffel ist, der andere aber Joghurt nur mit dem Plastiklöffel? Wenn der eine Pizza nur mit Tomatensoße mag, der andere Tomatensoße aber grundsätzlich ablehnt. Oder noch schlimmer: Der eine mag Milchreis, der andere nicht? In diesem Fall scheint meine tiefste Marotte, das Zerdenken, grundsätzlich sinnvoll. Da ist man (also ich) so sehr mit dem dadaistischen diskursanalytischen Denken beschäftigt, dass kein Blick mehr für den Metalllöffel oder die Tomatensoße da ist.

Wie ich auf dieses Thema gekommen bin? Jetzt wo die Blätter von den Bäumen fallen und die grausame Leere zwischen den Zweigen den Blick in das Wohnzimmer meiner Gegenübernachbarn gewährt, musste ich sehen, dass diese Menschen ihre Wände Terracotta gestrichen haben. Ich hasse Terracotta.

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Ein Kommentar zu “Vermackt, der zweite Teil

  1. Ich esse Ei nur mit Plastiklöffel. Ei + Metalllöffel = seltsamer Geschmack. Freund guckt mich komisch an, ich besorge auch für sein Zuhause Plastiklöffel, er schaut nochmal komisch, zuckt kurz mit den Schultern, nimmt es hin und isst fortan auch von Plastik. Wie ich ihn liebe, für seine Macken und seine Art, meine Macken hinzunehmen.

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