Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

An der Kreuzung links, rechts…. ääääh!?

Ein Kommentar

Da saß er nun, der Bekannte. „Hach, ich weiß doch selber nicht, wer ich bin“, sagte er und sah verzweifelt in sein Bierglas. Hätte man seine Situation mit einer Straße verglichen, so stand er wohl vor rund 20 Schildern, die alle in verschiedene Richtungen zeigten, aus der T-Kreuzung wurde gerade eine richtige Kreuzung mit Tunneln, Hochstraßen entstanden und von hinten schob sich lärmend die Straßenkehrmaschine an ihn heran. Es gibt Situationen im Leben, da fehlt einem nur noch dieses orangene Ungetüm zum Unglück.

Manchmal, da weiß man ganz genau wer und was man ist. „Industriemechatroniker mit Hang zur Selbstverliebtheit“ beispielsweise. Oder „Redakteurin mit Hang zum Kochen bei emotionaler Unausgeglichenheit“. Oder „Lieblings-Bunny mit ganz viel Liebe im Herzen“. So etwas eben.

Ab und zu weiß man aber auch gar nicht weiter. In vergangener Zeit fällt auf: Vor allem Männer werden überproportional oft von dieser Phase getroffen. Und da kommt das Straßenbild oben ins Spiel. Ein Kreisverkehr, der sich gleich schließen lässt.

Denn eine Studie hat bekanntlich gezeigt: Männer, die fragen nicht nach dem Weg. Sie fahren verzweifelt durch die Gegend, zu stolz, um nach dem Weg zu fragen. Irgendwann ist der Tank leer, der Lack hat einen Kratzer mehr und es ist dunkel. Die Situation ist ver-fahren. Mit Bezug auf das Bild vom Einstieg: Männer stehen immer noch verwundert vor den Hochstraßen, den Schildern und diesem interessant beleuchteten Tunnel. Die Augen sind weit aufgerissen, der Regen, der mittlerweile eingesetzt hat, behindert die Sicht. Die Krone der Schöpfung platscht bei jedem Schritt, der nun gegangen werden könnte.

Die Frau hat sich die Schilder angesehen, beschlossen, dass sie da alleine nicht durchsteigen wird. Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wie eine Blöde stehen bleiben, ängstlich in Richtung dunkle Wolken schielen und sich Sorgen um die teuren Wildlederstiefel machen. Oder eine Freundin anrufen und um Rat bitten. Eine zweite Meinung ist immer gut – man kann nicht alles im Blick behalten. Vor allem keine Kreuzungen mit Schildern, Ampeln und Baustellen.

Also wird die Freundin angerufen. „Du, das hier, das verstehe ich nicht“, wird gesagt. Und nach zehn Minuten Gespräch ist klar: Geradeaus durch den Tunnel und dann links ab. Da ist das Ziel. Während die Männer im Regen stehen, haben die Frauen schon warme Socken an, einen Kakao gekocht und erfreuen sich an der neuen Folge CSI New York. Der Kommunikation sei Dank.

Ein weiterer Bekannter, nicht der mit dem Bier, glaubt zu wissen, woran es liegt: „Männer haben keine Vorbilder mehr“, sagt er. Keine Orientierung mehr, keiner der sagt: „Pflanz einen Baum und vergrabe einen Mutterkuchen“. Die armen Kerle sollen sich selber finden. Irgendwo zwischen Beavis und Butthead, Bengalen im Fußballstadion und der Freundin, die seit Wochen nach der passenden Decke für das gemeinsam gekaufte Sofa sucht.

Deswegen geht die Midlife-Crisis mittlerweile nicht mehr von 40 bis 42 und wird dann durch den Kauf eines Sportwagens behoben. Die Midlife-Crisis ist eine das-ganze-Männerleben-Krise. Gerade aus der Universität entlassen, stehen sie an der Kreuzung und denken nur: „Scheiße, ich brauche erst einmal ein Bier.“ Das beginnt also so mit 25 oder 26 Jahren. Diese „Ich brauche erst einmal ein Bier“-Phase geht dann bis so… naja… sagen wir mal… ääääh…. bis immer vielleicht???

Und dann kommen wir Frauen auch noch mit unseren übersteigerten Ansprüchen. Nicht nur, dass wir jeden Einrichtungsmarkt der Umgebung nach der Decke für das Sofa absuchen. Wir wollen einen Mann, der unser Rad repariert, gleichzeitig aber keine eingerissenen Fingernägel hat. Wir wollen einen Mann, der ein richtiger Kerl ist, aber bitte nicht rülpst und dann laut „Schuuuuulz“ durch die halbe Kneipe brüllt. Wie soll man(n) sich da finden? Zwischen Kneipenklo und Tageskissen auf dem Designerbett? Genau: Gar nicht. Lieber noch ein Bier trinken und hoffen, dass noch genug Kleingeld in der ausgebeulten Hosentasche ist.

„Ihr Frauen seid da irgendwie cooler“, sagte der Bekannte vom Einstieg und sah neidisch auf meine Brüste. Beinahe so, als würden diese zwei Teile meines Körpers für das Wissen stehen, wie man ein Leben zu leben hat. Ich beugte mich zu dem Bekannten hinüber, bedeckte aber meinen Ausschnitt und verriet ihm ein Geheimnis: „Wir Frauen wissen es meist auch nicht. Aber wir fragen doch eher mal nach dem Weg. Oder geben uns einen Abend lang die Kante – und packen es danach an.“

Er sah weiter in den Ausschnitt, vielleicht fielen die Pupillen durch den gestiegenen Alkoholpegel auch automatisch nach unten. Man möchte ja niemanden beschuldigen. Ich glaube, er hat bis heute nicht verstanden, was ich ihm sagen wollte. Ich nahm meine Tasche, bezahlte, nahm mein Rad, ging über die Kreuzung, fuhr die Straße entlang und war angekommen. Wo er blieb: keine Ahnung. Das Bier müsste mittlerweile allerdings schal sein.

In eigener Sache: An dieser Stelle möchte ich übrigens den Blog meiner wunderbaren Ressortkollegin Isabelle Wiedemeier empfehlen. Die weiß eigentlich immer, wo es lang geht. Nämlich hier.

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