Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Bitte halten Sie Abstand!

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Erwähnte ich schon einmal, dass ich nicht so gerne angefasst werde? Nein, ich hatte keine schwere Kindheit, die mir die Körperlichkeit abtrainiert hat – es ist vielleicht einfach das distanzierte Ostfriesenerbe, das in diesem Fall bei mir durchbricht. Immerhin bin ich schon nicht knorrig und habe auch keine Schwielen an den Händen – was viele Menschen mit dem Ostfriesen an sich verbinden. Ich bin eben nicht so der Umarm-Mich-NUN-Mensch. Eigentlich bin ich ein Umarme-Mich-NIE-Mensch.

Das gilt natürlich nicht für meine Freunde. Also für die Menschen, die ich lange und gut kenne. Die dürfen ab und zu sogar um die Ecke kommen und mir ihre Hand auf den Arm legen – und ich zucke dann auch nicht zusammen. Naja, ich versuche es. Meist erschreckt mich dieser körperliche Kontakt aber schon. Aber ich bin ja erst 30 Jahre alt – ich kann das noch lernen.

Vor einigen Wochen war ich aber auswärts. So beruflich und so. Draußen aufm Acker, irgendwo in der Nähe von Jena (ganz nett da – übrigens). Ich stampfte durch Matsch und Gras, als die Menschen, die ich interviewen wollte, auf mich zukamen, die Arme ausbreiteten und: zu spät! Ich fand meine Nase in der Achsel eines Mannes wieder, der seit drei Tagen im Regen campte, eine funktionierende Dusche ziemlich weit weg.

Danach kam der nächste Mensch dran. Die Regenjacke fühlte sich an wie ein Frosch (naja, ich denke, dass sich ein Frosch so anfühlt), er riss mich an sich und herzte mich, als wäre er mein bester Freund, den ich seit drei Jahren nicht gesehen hätte.

Manche Menschen übertreiben es nämlich auch eindeutig mit der Körperlichkeit. Irgendeine Freude werden sie daran finden, sind dabei ungefähr so tolerant wie Raucher – die meinen auch immer, dass das bisschen Qualm schon geht.

Eine Bekannte erzählte mir, es gebe mittlerweile sogar Kuschelpartys. Dort treffen sich Menschen, denen im Alltag die körperliche Nähe fehlt. Da liegen sie dann, diese Menschen, bei Duftkerzen, molligen Temperaturen umhüllt von Kissen – und anderen Menschen. Mir zog es bei der Vorstellung glatt schmerzhaft in der Wurzel meines nicht mehr existenten Weisheitszahns. (Ich weiß allerdings nicht, ob die Dinger überhaupt eines Wurzel haben – bei Wikipedia konnte ich das leider nicht nachschlagen, da waren so fiese Fotos… ich musste wegsehen…). Ein Albtraum.

Mir reicht ja schon dieses permanente höfliche, aber äußert gesundheitsgefährdende, Händeschütteln. Wenn ich auf irgendwelchen Terminen zehn Menschen die Hand gegeben habe und mich danach am Fingerfood bedienen soll… Bäh! Ich wasche mir regelmäßig die Hände, aber machen andere das auch? Ich bin sehr sicher: Nein, sie tun es nicht.

Wahrscheinlich ist nur die Fernsehserie Monk schuld an diesem Gedanken, der es mir auch verbietet, Eis aus der Waffel zu essen, ausgepackte Kekse an meinem Milchkaffee zu vertilgen und in die Nüsschenschale in der Kneipe zu fassen. Weil Monk all diese Phobien hat, ist den Menschen (mir) wahrscheinlich erst aufgefallen, dass man diesen Spleen haben kann. Ehec und die Erkenntnis, dass einige Menschen sieben Tage lang eine Unterhose tragen, haben wohl ihren Rest dazu beigetragen.

Besonders erbärmlich und schlimm sind ja die Menschen, die im Supermarkt kuscheln wollen. Erst schieben sie sanft und heimlich den Einkaufswagen an meinen Hintern. Das mag der gar nicht und ich drehe mich mit einem nicht netten Blick um. Dann sehen diese Menschen betroffen auf den Boden, schieben sich dann aber selber an ihrem Einkaufswagen nach vorne, murmeln „Is so praktischer“ und gehen dann kuscheltechnisch in die Vollen. Irgendwann wird mir jemand sagen, dass das den Tatbestand der Nötigung erfüllt. Von diesem Tag an, werden ein scharfer Polizist und süßer Anwalt meine ständigen Begleiter sein. Der Gerichtsprozess findet noch an der Kasse statt, die Zeugen sind ja vor Ort. Als Richter muss dann eben die Frau hinter der Fleischtheke arbeiten – die gucken ja meist ohnehin böse.

Eine sehr liebenswerte Kollegin hat es sich übrigens zur Aufgabe gemacht, mir Körperlichkeit anzudrohen. Wenn sie mich am Ende des Flures sieht, wackelt sie schon mit den Fingern und bedeutet mir so: „Ich kitzel Dich gleich durch.“ Ich schreie schon, bevor wir überhaupt unsere Parfüms riechen können. Vor einigen Tagen fragte ich mich, was sie wohl denken würde, wenn ich plötzlich sage: „Bitte umarme mich.“ Wahrscheinlich würde sie anfangen zu schreien – und vor Schreck und Irritation über der Weltenlauf nie wieder mit den Fingern wackeln.

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13 Kommentare zu “Bitte halten Sie Abstand!

  1. Kuschelparties! Wie Sheldon Cooper und Adrian Monk sage ich dazu nur leise: „The horror …“ So muss das Fegefeuer sein, ewiges Kuscheln mit Fremden. Der Horror.
    Beste Grüße,
    Miss Fass-Mich-Bloß-Nicht-Ungefragt-An

    • ich könnte auf solch einer party wahrscheinlich nicht einmal zusehen, ohne dass mir der kalte angstschweiß ausbricht. eigentlich sollten nicht wir uns für das „bitte nicht anfassen“ entschuldigen. die kuschler sollten es für das ständige anfassen tun. jawohl!

  2. Dann warn ich dich lieber schon mal vor, dass ich dich umarme, wenn du das nächste Mal in Ostfriesland bist. Nur damit du dich schon mental darauf vorbereiten kannst 😉

  3. schau mal contagion…dann wirst du erst recht phobisch werden (also auf die nüsschenschalen bezogen). ich war bei sowas nie fies, jetzt schon…

  4. oh… aber vielleicht sollte der film dann lehrmaterial für alle kneipiers werden. damit die keine ekeligen nüsschenschalen mehr aufstellen?!

  5. Ich wasche mir immer mehrmals die Hände bei solchen Stehrumchen. Wenn ich berufsbedingt ständig Hände schütteln muss, dann muss ich den Rest des Abends nicht mit klebrigen Flossen verbringen. Vom Fingerfood ganz zu schweigen. Übrigens ist mir dabei mal aufgefallen, wie viele Menschen nasse Hände haben – in meinem Umfeld übrigens oft die angenehmsten. (Korrelation?)

    Da ich selbst eher distanziert im aktiven Austeilen von Umarmungen bin, mag ich es eigentlich ganz gern, wenn angenehme Menschen ungefragt die Barriere überwinden. Es gibt so grundsätzliche „Anfasser“, die so herzlich sind, dass ich mich gern überrumpeln lasse.

    • wenn die „grundsätzlichen anfassern“ nett sind, glückwunsch! aber ich kannte da mal einen, der musste ständig anfassen. hier eine umarmung, da eine umarmung – er schien beinahe überemotional dabei…

  6. Du bist nicht allein mit dieser Phobie – ich kenne das zu gut.

    Beim Austeilen von Umarmungen bin ich sehr linkisch und ungeschickt, es widerstrebt mir selbst bei Familie und Freunden. Und was zuviel Nähe betrifft – selbst wenn die Menschen NOCH SO GUT RIECHEN – werd ich spontan abwehrend.

    Was bei unangenehmen Menschen noch nachvollziehbar ist wie Du mit dem Hardcore-Camper und Monk trefflich beschreibst gilt bei mir eben auch bei angenehmen Menschen. Bei Familie, Freunden, bei allen. <= Du siehst, es geht also noch schlimmer 🙂

    • meine eltern haben es aufgegeben, mich umarmen zu wollen. und mein kleinster bruder jagt mich zwecks umarmung gerne einmal durch das ganze haus… er ärgert mich gerne mit meiner marotte, die ich übrigens auch liebevoll pflege.

  7. Ich hab eine ähnliche Einstellung zum Händewaschen wie Du. Und finde das gut! Man muss nicht an ein Dutzend Türklinken oder Menschenhände fassen und danach irgendein Fingerfood zu sich nehmen oder sich dauernd über Mund, Augen und Nase streichen… Der nächste Virus freut sich schon. 😉 Beim Umarmen bin ich nicht so streng, aber befreundet oder verwandt möchte ich mit den Leuten wenigstens sein…

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