Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Wie meine Stimme herabgestuft und meine Persönlichkeit degradiert wurde

8 Kommentare

Wie man es macht, man macht es falsch. Also ich. Mal wieder. Es gab nämlich eine Beschwerde. „Immer willst du alles selbst machen“ hatte der (nur so) Freund gesagt. Er hatte mir die Tür aufhalten wollen, ich war vorgeprescht und öffnete sie selber, die Tür. „Ich weiß, dass du selber eine Tür öffnen kannst“, hatte er gesagt und: „Lass mich das doch einfach mal machen.“ Ich schwieg und beschloss: Irgendwann würde ich seine Hilfe in Anspruch nehmen und ihm die Gelegenheit geben, der Mann zu sein. Und ich die Frau.

Der geneigte Leser erinnert sich: Es gab vor rund einem Jahr eine ähnliche Situation. Beseelt von dem Gedanken, niemanden zu brauchen, hatte ich mein Sofa, Regale und anderen Speermüll alleine an die Straße getragen. Chuck Norris-Sprüche gehen auch mit mir. „Das ist kein Vulkan, Ulle hat die Grillsaison eröffnet.“

Am Freitag ergab sich aber nun folgende Situation: Mein ganz eigenes Kryptonit hatte sich in meine Wohnung verirrt. Alle meine Sinne wurden geschwächt, meine ureigenen Kräfte machten sich aus dem Staub, was wiederum meinen Mund ganz trocken machte. Der Grund: Auf meiner Fensterbank saß eine dicke Spinne. Ein Monster, eine Kreuzspinne. Wahrscheinlich direkt aus Bitterfeld.

Mit letzter Kraft, meine Stimme war bereits zu einem Fiepsen herabgestuft worden, stellte ich einen Blumentopf auf das Ungetüm und rannte im Takt meines klopfenden Herzens aus dem Raum. Immer noch zitternd, neben meiner Stimme war auch meine Persönlichkeit degradiert worden, nahm ich meinen Laptop und schrieb obigem Freund, er müsse dringend vorbeikommen. Eine Spinne habe sich in meine Wohnung verirrt. Wenn sie noch nicht tot sei, dann müsse er der Henker sein.

Bis heute (es ist Sonntag!) habe ich nichts von ihm gehört. Und ich stelle mir die Frage: Wollen sich Männer eigentlich aussuchen, wann eine Frau schwach ist und die ritterliche Hilfe benötigt? Sicherlich: Er müsste rund drei Kilometer mit dem Rad hoch in meinen Stadtteil fahren (wie einst beschrieben: maximale Steigung fünf Prozent!), aber ist es das nicht wert, einer schwachen Frau, die dringend Hilfe benötigt, zu helfen?

Weil der Freund (über diese Bezeichnung wird nach dieser Eskalation der Lage noch nachzudenken sein) sich nicht meldete, habe ich also selber die Initiative ergriffen. Ich musste. Mit einem Schluck Schnaps in meinem Blutkreislauf nahm der Übermut von mir Besitz und ich wagte mich in Richtung Blumentopf. Ich drückte ihn mit aller Kraft nach unten und schob ihn mit einer schnellen Handbewegung nach rechts – Spinnenblut. Tier tot. Yeah!

Ich schäme mich ein wenig. Immerhin bin ich eine Tierfreundin. Aber der Spinnentod hätte sehr viel arachnoider (ist das das spinnenäquivalent zu human?) ablaufen können, wenn sich jemand meiner kreischenden Seele erbarmt hätte. Allerdings hätte sich das spinnerde Ungetüm auch vorher überlegen können, ob es sinnvoll ist, in die Wohnung von mir einzudringen. Ich lege Wert auf meine Privatsphäre.

Nun. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass ich mich wohl weiter um mich selber kümmern muss. Denn wenn man wirklich Hilfe benötigt, dann sind die Männer, die sich Gentleman oder respektive tapferer Ritter nennen, nicht da, nicht erreichbar oder wegen eines blauen Flecks am kleinen Finger unpässlich.

Wo soll die Welt hintrudeln, wenn sich die Männerwelt auf der einen Seite greinend beklagt, wir Frauen würden ihnen nicht mehr die Möglichkeit geben, ein wahrer Mann zu sein, sie uns aber auf der anderen Seite auch schmählich im Stich lassen!? Ist es da ein Wunder, dass ganze Paletten mit Haarspraydosen von schreienden Frauen zur Vernichtung von heimischen Spinnenpopulationen eingesetzt werden? Und was das erst für die Umwelt bedeutet! Das Ozonloch ist vielleicht nur eine Folge dieses Problems! Hat daran schon einmal jemand gedacht?

Ich für mich habe beschlossen: Wird obiger Mann, der nur stellvertretend für all die enttäuschenden Männer dieser Welt steht, sich das nächste Mal beschweren, weil er mir die Tür nicht aufhalten darf – ich werde ihn mit meinem Chuck Norris-Blick ansehen und mit ernstem, apokalyptischem Tonfall sagen: „Als ich Dich wirklich brauchte, da warst Du nicht da.“ Die Tür-aufhalten, das ist leicht, das kann jeder, es ist nur ein Lippenbekenntnis. Aber einer am Boden liegenden Frau, die vor einer Spinne zusammengebrochen ist, helfen: das können nur wahre Gentlemen; das ist eine wahre Heldentat. Wie es sie auf dieser spinnenbevölkerten Welt wohl nur wenige gibt.

PS: Ein Treppenwitz der Geschichte: Weibliche Kreuzspinnen, die meist größer sind als die eher mickrigen Männer, fressen ihre Geschlechtspartner gerne auf. Wohl bekomm’s.

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8 Kommentare zu “Wie meine Stimme herabgestuft und meine Persönlichkeit degradiert wurde

  1. Zum Thema Spinnen sage ich nur: STAUBSAUGER!!!
    Allein der Gedanke an Spinnenblut und ein zerquetschtes Exemplar auf der Fensterbank, das ich dann entfernen müsste jagt mir einen Schauer über den Rücken.

    Am Wochenende habe ich auch so eine furchtbare Riesenspinne im Keller gefunden. Zum Glück war der Mann im Haus, dem ich kreischend entgegen lief und nur noch „…riesige Spinne…Keller…Staubsauger“ entgegen schreien konnte. Er mag Spinnen auch nicht, aber in den letzten 10 Jahren hat er gemerkt, dass es besser für ist, wenn er die Spinne entfernt. Ich würde den Raum, in dem dieses furchteinflößende Tier sitzt nicht mehr betreten!!!

  2. Neben dem Staubsauger hilft auch eine Desensibilisierung. Man wohne zwei Jahre in einem kleinen Haus in Nordfriesland, allein mit hunderten von Kellerasseln und zig Spinnen. Nach einer gewissen Zeit gewöhnt man sich an den Zustand und verbrüdert sich mit den Raubspinnen, um den Kellerasseln Herr zu werden. Frau verzeihe mir meine voremanzipatorische Sprache.

  3. Spinnen töten gildet nicht als Verbrechen an der Natur! Nie!

  4. Ich hab immer Angst, dass sie aus dem Staubsauger wieder raus kommen. Bevorzuge entweder drauf hauen oder Glas überstüpeln, Papier drunter und über den Balkon entsorgen. Sicher auch nicht besonders tierlieb, aber immerhin haue ich sie dann nicht platt. Mit Fluginsekten verfahre ich mitllerweile auch so. 😉

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