Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein halbes Jahr Leipziger Liebeslied

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Ein halbes Jahr bin ich nun in Leipzig. Ein halbes Jahr! Mir kommt es vor, als wäre ich erst gestern mit meinem Auto von Ostfriesland nach Sachsen gereist, schreiende Katzen im Gepäck, die Ungewissheit im Blick. Auf der anderen Seite kommt es mir wiederum vor wie eine Ewigkeit, wenn ich an die Menschen denke, die ich kennenlernen durfte. Eine große Ehre, möchte ich beinahe behaupten. Ich weiß noch, wie ich im März in meiner alten Redaktion stand und sagte: „Das erste halbe Jahr wird sicherlich schwer…“ Jetzt sehe ich zurück und denke: „Oh mann! All die Angst: hinfällig!“

Natürlich: Manchmal vermisse ich Ostfriesland. Die Weite, meine ehemaligen Kollegen, meine immer-noch-Freunde, die mich mit Postkarten und Emails erfreuen und mir zeigen: 500 Kilometer sind nur 500 Kilometer.

Dabei bin ich – und das sei hier nur nebenbei angemerkt – nicht nur aus Ostfriesland weg, ich bin in eine Region hinein, deren Geschichte ganz anders ist als die meiner Heimat. Das habe ich allerdings hier schon essayiert und werde es deshalb nicht weiter ausführen. Nur eine kurze Anmerkung: Ich habe hier mehr über die DDR gelernt als in allen Politik- und Geschichtsvorlesungen zusammen.

Was also hat mir Leipzig, mein Umzug, neu gebracht?

Ich fahre jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit. Eine Freude, selbst wenn es für mein ostfriesisches Empfinden zu häufig zu steil hoch geht. Wir reden dabei von fünf Grad Steigung – es ist lächerlich. Mein Kollege aus dem bayrischen verspottete mich deshalb schon. Aber nun: Er soll erst einmal gegen den strengen Küstenwind anfahren und wir werden sehen, wer noch lacht.

Aber wie schön es ist, morgens nicht müde ins Auto zu steigen und ebenso müde im Büro anzukommen! Die frische Luft, der tägliche Kampf zwischen Fahrrad, Auto, Tram und Fußgänger: All das hat eine belebende Wirkung, die vor allem dafür sorgt, sich mit Schwung und Schweißperlen auf der Nase (immer da! Immer! Nie auf der Stirn, immer nur auf der frisch gepuderten Nase – argh!!!!) in den Schreibtischstuhl fallen zu lassen.

Ich könnte hier nun auch ein Loblied auf die Menschen singen, die ich kennenlernen durfte. Aber zum einen ist mein Gesang ganz und gar fürchterlich, zum anderem sehe ich das Elend bereits die Geschütze auffahren: ich vergesse jemanden, ich muss stundenlang Buße tun und meine neu erworbenen Barista-Kenntnisse einsetzen, um zu besänftigen.

Und das ist tatsächlich etwas, das ich hier schnell gelernt habe: Kaffee machen. Der ein oder andere Leser wird nun verwundert den Kopf schütteln. Aber ja: Im Vorstellungsgespräch wurde ich nach meinen Schwächen gefragt und gab murmelnd zu: „Ich kann keinen Kaffee kochen.“ Mittlerweile mache ich Latte Macchiato mit drei Schichten, trage das Getränk elegant auf einem eigens dafür besorgten Tablett durch den Flur, rein in unser Büro und lächele dabei auch noch.

Um auf die netten Menschen zurückzukommen: Die gibt es. Sie erfreuen mich in schweren und schönen Zeiten mit Pfefferminztee und tiefgehenden Gesprächen, mit badischen Spezialitäten und dem Schweigen des Wissenden auf einer sonnigen Wiese, mit Sprachkursen in Thüringisch (Göööra)/Sächsisch (fischschschschelant)/Brandenburgisch (Schlotte), gutem Wein, – und vor allem damit, dass sie alles essen, was ich ihnen vorsetze. Selten so dankbare Abnehmer für Apfelmus, Suppe, Lasagne, Kartoffelsalat und Kuchen gefunden. Eigentlich: noch nie.

So viel gelernt, so viel erfahren – so selten grinsend durch die Gegend gefahren. Natürlich gibt es auch untolle Dinge, für die ist hier aber ohnehin kein Platz und werden einfach verschwiegen.

Leipzig und ich, ich erwähnte es in einer anderen medialen Räumlichkeit bereits einmal, wir werden etwas. Jeden Morgen fahre ich an einem Haus vorbei, auf dem „Klein Paris“ steht und dann muss ich lächeln. „Mein Leipzig lob‘ ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute“ sagte Goethe über die Stadt, in der er zwar nur kurz lebte, aber seinen Lebenslauf mit all den Ausschweifungen schmückte, die uns die Deutschlehrer im Unterricht leider vorenthalten haben.

Natürlich: Die Stadt hat auch Ecken, die sind gar nicht so toll. Ich sah vor einiger Zeit das erste Mal einen Leipziger Tatort – und stellte fest: Kein Rosental, kein Clara-Park, kein Sonnenschein am alten Rathaus, kein Elefantenscheiße geschwängerter Nebel am Zoo. Stattdessen: die hässliche Georg-Schumann-Straße, ein Ausbund an Hässlichkeit und Lärm. Aber wo schön ist, ist eben auch manchmal hässlich. Sonst wüsste man das Tolle ja auch gar nicht zu schätzen wissen. (Es soll nicht vergessen: Leipzig ist die Stadt mit der höchsten Kinderarmut in Deutschland. Aber dazu demnächst mal mehr, wenn die Zeit ist). Insgesamt möchte ich mich aber Theodor Fontane anschliessen, der sagte, Leipzig würde berauschen. Tut es.

Mit Bier geht das hier aber nur schwer. Dabei gibt es hier tolle Biersorten, urige Cafés, gemütliche Biergärten. Leider ist der Leipziger Service-Mensch an sich kein Service-orientierter Mensch – Branche trügt. Ob nun sächsische Gemütlichkeit oder latenter Phlegmatismus: Auf das Bier muss man lange warten, und wer gerade beim Bäcker nicht passend bezahlen kann, wird gerne auch mal ange“mmmmmmhgrh“t. Oder wie die Kollegin am Donnerstag in der Cocktail-Bar sagte: „Wenn der Kellner gleich kommt, bestelle ich mir gleich zwei Cocktails. Ich verdurste ja sonst.“ Keine Ausnahme, die Regel. Aber immerhin: Es gibt schlimmeres.

Habe ich etwas in diesem Leipziger Liebeslied vergessen? Sicherlich. Die Eierschecke beispielsweise, eine phantastische sächsische Kuchen-Spezialität. Und die sportliche Betätigung, bevor man sich ein Spiel im Zentralstadion ansehen kann. Oder „Konsum Leipzig“ mit diesem feinen Käsesalat. Sooo viel vergessen. Aber der Rückblick auf die ersten sechs Monate – der kann eben nicht alles beschreiben. Wir sehen in einem halben Jahr weiter. Vielleicht bin ich bis dahin wegen Biernachschub-Problemen aber auch verdurstet.

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6 Kommentare zu “Ein halbes Jahr Leipziger Liebeslied

  1. Sie sind halt bei den Kaffeesachsen gelandet: Deshalb können Sie den dreifach geschichteten Milchkaffee aus dem Effeff, aber das Bier hat eben keine echte Chance! Und: Munden Ihnen die Leipziger Lerchen zum Kaffee?

  2. Ein halbes Jahr schon!? Das kann ich auch nicht glauben! Wahnsinn. Und ganz bald besuch ich Dich. Jawohl.

  3. Nur eine kleine Anmerkung: Ich habe auch immer alles, was du mir Montags vorgesetzt hast, brav und mit Begeisterung aufgegessen!!! 🙂

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