Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Entschuldigung, darf ich das schriftlich einreichen?

Ein Kommentar

Ich bin gar nicht spontan, auch gar nicht schlagfertig. Das ist ziemlich schade und bringt mich manchmal dazu, meinen Kopf verzweifelt einmal leicht gegen die Wand sinken zu lassen. Ich mag keine Schmerzen, deswegen nur das sinken. Sonst würde ich den Kopf gegen die Wand knallen. Aber wie gesagt: Ich bin nicht schlagfertig. Und das ist einfach doof.

Gestern beispielsweise. Da fragte mich die Nachbarin von links (nicht die mit den Wäscheklammern), mehr als 90 Jahre alt, warum ich eigentlich keinen Freund habe. Ich schrieb schon einmal: Irgendetwas in meinem Blut muss diese Frage magisch anziehen. Es gibt Menschen, die werden ständig von Mücken gestochen, ich werde ständig mit privaten Fragen belästigt.

Und ich stotterte so rum, was von „hat sich nicht ergeben“, „ist eben so“ und grinste unbeholfen in Richtung meiner orangenen Balkonfliesen. Die Frau meinte es sicherlich gar nicht böse, sie macht sich wohl nur Sorgen um mich. „Ist gefährlich hier als Frau“, sagte sie einmal zu mir und meinte damit wohl die Einbrüche in Leipzig. Dass mich davor auch ein Mann nicht bewahren könnte – das übersah sie wohl.

Als ich dann am Abend mit dem Rad durch die Leipziger Straßen fuhr, da hatte ich die Antwort, drei Stunden nach dem Gespräch. „Ich bin so gut, es ist meine oberste Pflicht, der Allgemeinheit vorbehalten zu bleiben“ kam mir in den Sinn (und meine Facebook-Freunde kennen diesen Status schon, ja…). 180 Minuten hatte ich gebraucht, um eine zufriedenstellende Antwort für mich zu finden. 180 Minuten!

Ich habe es nicht so mit schnellen Antworten. Auch bei Diskussionen würde ich am liebsten sagen: „Darf ich mich 20 Minuten zurückziehen und meine Antwort vielleicht schriftlich einreichen?“ Bei politischen Fragen dürfen es auch 30 bis 40 Minuten sein. Ich brauche Zeit, ich kann auch vorher gar nicht das sagen, was ich schreiben würde. Mir fehlen die Worte, ich muss sie visualisieren – sonst verstehe ich selber kaum, was ich da von mir gebe. Zum Thema früher Existenzialismus, Euro-Rettungsschirme und wie ich einen guten Bananenkuchen backe.

Ich kann mir beim Reden auch meist selber gar nicht folgen und wundere mich manchmal, dass mir Menschen interessiert zuhören. „Kann das sein?“, frage ich mich, während weiter Worte aus meinem Mund stolpern, die ich selber nicht im geringsten in einen Kausalzusammenhang bringen kann.

Es gibt Menschen, die können das so gut. Schlagfertig sein. Während einer Diskussion nehmen sie ihren Gegenüber mit einem Florett verbal auseinander und lächeln dabei auch noch. Bei mir werden nur die Hände kalt, ich merke, wie mein Hals trocken wird und in meinem Kopf die pure Panik ausbricht. Die Synapsen versuchen miteinander zu kommunizieren, aber weil sie nicht schreiben können, endet all das in einem Kommunikationsdesaster, das Luhmann zum debilen Grinsen und Händereiben treiben würde…

Aus diesem Grund mag ich auch keine Konferenzen. Sie sind mir geradewegs zuwider. Wenn ich erklären muss, worum es in einem meiner Artikel geht, denke ich nur: „Argh, das weiß ich doch selber noch nicht“ und versuche, irgendwie etwas zu sagen, dabei ein paar Witze zu machen. Lustige Dinge sind die Bettdecke der wortlichen Unvollkommenheit. Ablenken, denke ich nur: ABLENKEN!

Dabei rede ich eigentlich viel und ständig. Aber nur kurzes, belangloses Zeug. Alles, was einen IQ von mehr als zehn fordert, muss bei mir schriftlich ablaufen. Praktikabel ist das natürlich gar nicht. Man stelle sich vor, eine Diskussion um den Sinn von Ratingagenturen liefe so ab. Während so spontan Sätze eingeworfen werden, müsste in meinem Fall ein Schreibtisch aufgebaut werden. Statt 30 Sekunden Redezeit bekommt auf der Party jeder 20 Minuten Schreibzeit! Die Party wäre schnell vorbei – wobei ich mich ohnehin immer frage, warum einige Menschen auf Partys über so langweilige Dinge wie Ratingagenturen, Wirtschaftskrisen und Adornos Einstellung zu den 68er-Revolten sprechen wollen. Gerade auf Partys gibt es andere Themen. Beispielsweise warum die komische Blonde vergessen hat, sich was anzuziehen. Aber naja…

Um auf die mangelnde Schlagfertigkeit zurückzukommen: Ich habe mir obige Antwort nun notiert, auf einem alten Kassenbon mit Konsum-Herz. Es wirkt natürlich gar nicht schlagfertig, bei dieser einen Frage völlig halt- und orientierungslos in seinem Portemonnaie nach dem Bon mit der richtigen Antwort zu suchen. Aber was soll man machen, wenn die Synapsen in den Sprechstreik getreten sind?

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Ein Kommentar zu “Entschuldigung, darf ich das schriftlich einreichen?

  1. Du könntest auch sagen: „Mein letzter Freund hat mich geschlagen, deswegen will icherst mal keine weitere Beziehung.“ Das wäre auch ein Superargument, um den Zusammenhang von Freund und Sicherheit zu entkräften. Ist vielleicht taktlos gegenüber allen Menschen, die tatsächlich Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind…

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