Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das kleine Medien-Bashing

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Wir Journalisten sind ein komisches Völkchen, eine sehr eigene Art. Nicht nur, dass wir unfassbar sexy sind (zum Beweis bitte hier klicken), wir ständig auf der Suche nach starken Wörtern sind (nun, ich nicht so ganz. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine starke Szene pure, schlichte Wörter braucht. Sonst ist es ja, als ob man ein gutes Steak, das für sich phantastisch schmeckt, mit einer Champignon-Rahm-Soße ertränkt!), nein, die meisten von uns nehmen sich auch ganz schön wichtig.

Wer jeden Morgen seinen Namen in der Zeitung liest, der wird irgendwann wahrscheinlich zwangsläufig komisch. Wer dann ab und zu zu weltbewegenden Dingen seinen Senf geben darf, der hält sich vielleicht irgendwann für eine moralische Instanz. Und irgendwann ist der gefährliche Zeitpunkt gekommen, da glaubt man selber, man sei unfassbar wichtig – und nicht die Geschichte, die Nachricht, die man schreibt. Eigentlich wird die Geschichte, der Termin, nur noch zu einer Möglichkeit, seinen eigenen Namen mal wieder auf Seite 1 zu sehen.

Am Freitag war ich beim Papst. In Etzelsbach. Und wie meine Kollegen hatte ich mich schon mehr als einen Monat vorher akkreditiert. Jeden Fitzel wollten die Organisatoren (nun, der heilige Schützenstuhl) von mir wissen, hinter meinem ostfriesischen Lächeln könnte sich ja eine protestantische Freiheitskämpferin verstecken.

Da kam ich nun also über den Martinsweg durch den Staub angepilgert, wollte an der Infostelle meine Akkreditierung abholen – immerhin: Es gab ein Pressezelt, es gab dort eigene Toiletten, die dem Rest der 89.900 Pilger verwehrt waren, es gab Kaffee – umsonst! Für die meisten Journalisten ist das ein Qualitätsmerkmal einer Veranstaltung: Gibt es Kaffee für mich oder nicht?! Ich war mal auf einem Festival, da gab es gar nichts für die Journalisten. 20 Minuten ging es auf der Pressekonferenz nur darum. Als hätte man nichts besseres zu tun. Draußen hatten Slayer ihren einzigen Deutschland-Auftritt, drinnen streikten die Journalisten, weil sie ihren Kaffee selber kaufen mussten.

Zurück zum Papst: Die Akkreditierung war weg, kein Mensch wusste von nix.

Mir ist sowas dann egal. Ich bekam eine normale Eintrittskarte, weil ich nett lächelte, der Rest: geschenkt, kann passieren. Die Frau im Infoding sagte: „Aber sie können mit der Karte nicht auf die Pressetribüne.“ Und ich: „Naja, da bekomme ich ja von der Veranstaltung auch nichts mit“ und erklärte weiter: „Ich will ja eine Reportage schreiben, und das geht nicht, wenn ich nicht dabei bin.“ Die Frau lächelte nur, nickte mir zu und sagte: „Könnten Sie das bitte auch den anderen Journalisten sagen?“

Denn das mit der Akkreditierung, das hatte wohl nicht nur bei mir nicht geklappt. Kein Grund zur Verbitterung – für mich. Einen Kaffee kann ich mir gerade noch selber leisten, und mit lauter Journalisten auf einem Turm sitzen und auf die Gläubigen herabschauen? Mein ehemaliger CvD (Chef vom Dienst) würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: eine gute Geschichte bekommt man dort oben nicht. Denn eine Reportage, einen guten Artikel, den schmeckt, riecht und fühlt man, der Journalist beim Sammeln, der Leser beim lesen. Und wenn ich nur Kaffee schmecke, dann wird eben auch der Text so: kalter Kaffee nämlich. Eine lauwarme Brühe vielleicht, im besten Fall. Und wenn ich nur oben stehe, fabriziere ich nur Höhenluft – die bekanntermaßen sauerstoffarm ist. Leider, so entnahm ich der netten Frau, hatten das nicht alle Journalisten so gesehen.

Ich muss mich dann immer sehr schämen, für meine Kollegen. Für die, die meinen, dass ihr Name oder ihr Kürzel auf einem Blatt Papier – oder auf einen Monitor – bedeutet, dass sie anders – besser – sind als der Rest der Menschheit. Ich weiß dann gar nicht, wo ich hinsehen soll, lasse schnell alles verschwinden, dass mich irgendwie als zu den Journalisten gehörig auszeichnet. Block: weg. Stift: weg. Kamera: am besten schnell in die Tasche stopfen.

Für viele scheint es kein Privileg zu sein, Geschichten zu erzählen. Sie glauben, es sei die logische Konsequenz ihrer Existenz. Die Folge: Viele Journalisten drehen sich nur noch um sich selbst, ergötzen sich an ihrem Stil, an dem schwarz-weißen Foto von sich auf irgendeiner Internetseite. Da schreiben sie dann über sich selber in der dritten Person, nutzen nur ihren Nachnamen: „Müller studierte 30 Semester lang Kulturwissenschaften in Tübingen, London, Stockholm und Neu-Delhi. Er beendete sein Studium mit einer Abhandlung über die Wichtigkeit des Wortes „und“ in den Schriften Heideggers. Müller volontierte bei meedia. Heute lebt er als freier Journalist in Frankfurt und publiziert für die Welt, die Faz und die Taz.“

Bedeutet übersetzt: „Ich studierte 30 Semester willkürlich in der Weltgeschichte herum. Da man mich in Tübingen nicht mehr sehen wollte, ging ich bis zu meinem Rausschmiss nach London, dann nach Stockholm. Als meine Eltern schon die Hoffnung aufgegeben hatten, finanzierten sie mir einen kleinen Inder, der mir in Neu-Delhi eine Abschlussarbeit schrieb, die ich selber bis heute nicht verstanden habe. Ich machte drei Wochen ein Praktikum bei meedia, ob ich da wirklich volontiert habe, prüft doch ohnehin niemand nach. Nun lebe ich ziemlich arbeitslos in Frankfurt, schreibe ab und zu mal Leserbriefe an die Welt und die Faz und in der Taz habe ich vor kurzem eine Kontaktanzeige veröffentlicht. Gemeldet hat sich bisher niemand.“

Wobei ich gestehen muss: ein schwarz-weiß-Foto gibt es von mir auch.

Man stelle sich vor, ein KFZ-Mechaniker würde solch ein Brimborium um seine Person machen. Unsere Autos wären wahrscheinlich nach jeder Reparatur überzogen mit Aufklebern des Handwerkers und statt dem Bild eines Mannes mit Schraubschlüssel und ölverschmierten Blaumann würde am Eingang zur Werkstatt ein riesiges Plakat hängen: „Meier machte drei Jahre lang seine Ausbildung zum Mechaniker, bevor er sich darauf spezialisierte, kaputte Dichtungen zu entdecken. Heute lebt und arbeitet er in Steenfelderfeld für „Car-stens Cars“ und beschäfigt sich mit der richtigen Ölmenge für einen Ford-Fiesta.“

Dabei geht es bei KFZ-Mechanikern wirklich um Leben oder vor dem Baum enden. Da werden Bremsen justiert, kaputte Reifen ausgewechselt und Glühbirnen getauscht. Und auch wenn es das hehre Journalistenideal gibt, man wolle Missstände aufdecken und die Welt durch seine Recherchen zu einem besseren Ort machen – wenn es schon daran scheitert, dass man den Kaffee nicht umsonst bekommt… Na, gute Nacht!

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