Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Kaffeedate des Grauens

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Der Bekannte und ich sprachen über Datingverhalten. Über dieses unkonkrete Verhalten, dieses unfassbare (!) unkonkrete an der ganzen Sache. Genauer ging es um das leidige Kaffeetrinken. Denn Kaffeetrinken ist nett, ein angenehmer Zeitvertreib. Man kann Menschen beobachten, lästern und dabei etwas Milchschaum (den man in der eigenen Küche nie so perfekt hinbekommt) zu sich nehmen. Ganz entspannt.

Aber, und der Bekannte und ich, wir waren da schnell einer Meinung, wann ist ein Kaffee zwischen Mann und Frau nur ein Kaffee – und wann ist ein Kaffee ein Date? Wir grübelten ein wenig und er erinnerte sich an ein Austauschsemester, wo „Kaffee“ immer auch „Da geht was“ war.

Vor einigen Jahren war ich öfter mal mit einem jungen Mann Kaffee trinken. Das war ganz angenehm und ich fand ihn ganz witzig. Irgendwann später, wir trafen uns in einer Kneipe, er hatte mittlerweile eine (ziemlich toastbrotähnliche) Freundin. Und er nannte mich „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“. Ich fand das nicht so nett, er war ziemlich betrunken und sagte etwas wie (auch ich war betrunken und kann mich inhaltlich noch erinnern, aber nicht sprachlich exakt) „Na, Du hast Dich ja nicht anfassen lassen. Immer schön auf Abstand“.

Ein wenig verdattert sah ich ihn an – in der Nachbetrachtung hoffe ich, dass ich dabei nicht gesabbert habe. Alkoholkonsum wirkt sich schnell und schlecht auf meine Motorik aus. „Wir waren doch nur Kaffeetrinken“, erwiderte ich und er sah mich enttäuscht an: „Das waren Dates, Ulle“, sagt er und ging zu seiner merkwürdigen Freundin.

Nun, ich war tatsächlich nur Kaffeetrinken gegangen, er war vor allem ein Idiot. Würde ich nicht immer nur Zerdenken oder mich um mich selbst-drehen sein, hätte ich aber vielleicht gemerkt, dass er mehrfach meinen Kaffee bezahlt hat. Und dass er eigentlich immer ganz gestriegelt war. Ich bin manchmal emotionsblind, eine Krankheit, die noch ausreichend erforscht wurde. Aber warum sagte er nie: „Ist übrigens ein Date, Ulle“? Dann hätte ich gesagt: „Och, neeeee.“

Aber wir gehen ja alle ständig irgendwie Kaffeetrinken. Das verwässert die Grenze, wir kriegen Blümchenkaffee. Der Kaffee vor der Arbeit, während der Arbeit (ääh: während der Pause), nach der Arbeit, am Wochenende. Manchmal ist es auch Tee. Bier ist irgendwie schon konkreter. Glaube ich. Und Wein noch einmal sehr viel mehr konkreter.

Auch der ganz-obige Bekannte, glücklich vergeben, aber dennoch inmitten einer innerlichen KaffeeDateTrink-Gedankenspirale, dachte darüber nach. Und wir fragten uns ein wenig, ob dieses Unkonkrete, dieses „Lass uns mal einen Kaffee trinken“ nicht auch etwas von Unverbindlichkeit hat. Ein „Wir treffen uns, uns testen im Prinzip an, ob wir irgendwann vielleicht ein Bier trinken. Was die Vorstufe zum Wein ist. Was dann vielleicht, aber nur wenn nicht mit dem Wein gekleckert wird, zu einem Date führt.“ Kaffee: ein pre-pre-pre-Date-Ding?

Dieses ganze zwischen den Menschen, es ist einfach zu kompliziert. Und ich, ich trage meinen Teil dazu bei – ich weiß. Weil ich zerdenke und zerrede und nie sage: „Aber nur Kaffee, okee?“ Oder weil jeder Kaffee mit einem Menschen des anderen Geschlechts ab nun von den Lesern dieses Blogs kritisch beäugt wird. „Kaffee oder Kaffee?“ werden nun alle verunsichert fragen – und der Gegenüber wird sich verwirrt abwenden.

Nein, wir müssen konkreter werden. Denn Kaffee trinken – das ist etwas so nettes, das sollte nicht durch Gedankeneruptionen kaputt gemacht werden. Deswegen fordere ich (als ob ich in der Position wäre! Teenies und Krankenschwestern laufen mir den Rang ab, hinzu kommt meine Zwinkerparanoia – da kann ich froh sein, wenn mir jemand den Vortritt am Wasserspender lässt!), dass wir wieder richtige Dates haben. Kaffeetrinken kann jeder, aber ein gutes Restaurant finden, wo man was leckeres Essen kann, ein gutes Ausflugsziel bestimmen, das beiden gefällt – oder ein Essen kochen, das beiden schmeckt, nein, das kann nicht jeder.

Das würde auch das alleinige Kaffeetrinken einfacher machen. Wie häufig sitzt man doch im Café, einen Kaffee vor sich, die Zeitung in der Hand – und da sitzen sie, die zwei verkrampften. Er hält es für ein Date, die Schweißflecken aus dem Hemd zeugen davon. Für sie ist es nur ein Kaffeetrinken mit der Gelegenheit, die neuen künstlichen Fingernägel auszuführen. Da sitzen sie, verstockt, und wissen nicht, über was sie reden sollen.

Und am Nachbartisch sitzt man selber, gefesselt von dieser realen Mitten im Leben-Folge und möchte seine Zeitung lesen. Aber stattdessen muss man zuhören – wie er ansetzt, etwas zu sagen („Äääh…. oooohm….. hihi…. Die Sonne scheint!“), wie sie versucht, die Situation zu klären, ohne zu verletzen („Boah, heute morgen total verpennt und der Typ von letzter Nacht wollte einfach nicht gehen“) und wie einer von beiden irgendwann zumindest den Kaffeelöffel fallen lässt – nur um kurz mit dem Kopf unter dem Tisch zu verschwinden und einmal tief durchzuatmen.

Die Conclusie dieser Geschicht: Kaffee ist ein richtiges Date – nicht! Allerhöchstens ein Vorgeplänkel – oder eben ein Missverständnis. Am besten aber: nur ein netter Kaffee mit viel Schaum und netter Unterhaltung.

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