Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Bekannte-Bekannte und sein zweites Ich

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Die Kulturpessimistin in mir schrie auf und wand sich unter Qualen. Der Bekannte erzählte von einem Bekannten (nein, es folgt keine urbane Legende), der sich ein zweites Leben aufgebaut hatte. Nicht mit einer zweiten Familie, nein im Internet. Gut, das haben wir alle irgendwie. Wir bloggen, sind bei Facebook, bei Twitter – und dann war da auch noch Google+. Ein sehnenscheidenbehafteter Albtraum!

Aber der Bekannte-Bekannte, der hatte es übertrieben. Er selber war nur im Internet zuhause, das, was sich tagtäglich aber durch eine mitteldeutsche Großstadt schob, war nur mehr seine körperliche Hülle.

Jede Stunde twitterte er, so erzählte der Bekannte, mindestens einmal. Jeden Tag bloggte er. Bei Facebook stellte er rund dreimal am Tag durch eine iPhone-App verunzierte Bilder von sich selbst hinein. Dann gab es da noch unzählige andere Foren, Soziale Netzwerke und Chatdienste, von denen selbst ich – immerhin bei einem Medienportal schreibend – noch nie etwas gehört hatte. Vielleicht ist das auch ganz gut so – die Tatsache, dass ich nicht alles kenne.

Seine Sätze waren sexistisch-wütend, seine Bilder aggressiv. Doch das, so erzählte der Bekannte, unterschied sich massiv von dem, wie der Bekannte-Bekannte sonst auftrat. Verunsichert, schüchtern – beinahe unterwürfig und eher zum Übersehen. Nur ab und zu sagte er etwas – und das war meist ohne Belang. Frauen sahen durch ihn hindurch, Männer nahmen ihn nicht als Konkurrenz wahr.

Die Geschichte erinnerte mich an jemanden, den ich kannte (zum Glück, sonst würde das hier ja tatsächlich noch in einen urbanen Mythos übergehen). In der alten Heimat war er der, der in einem exzessiven Takt Bilder seiner Muskeln postete (es handelt sich übrigens um jenen Bekannten, der ein scheussliches Wohnzimmertischchen sein eigen nennen konnte). In Wirklichkeit war er allerdings ein ziemliches Würstchen, das tatsächlich nur durch einen beachtlichen Bizeps überzeugen konnte. Der Rest war mehr Wollen als Sein.

Aber die Sozialen Netzwerke machen es einem ja auch so leicht. Wer alleine in der Diskothek steht, während die Kollegen einen Tisch weiter so tun, als ob sie einen nicht sehen, der nimmt sein iPhone, schreibt „bin in der Bambi Bar mit Karl Mustermann, Ivan-dem-Schrecklichen und Markus Muggelbrot“ – und erscheint doch irgendwie als Mensch, der unterwegs ist. (Dem interessierten Leser sei die Facebook-Folge von South Park „You have 0 friends“ ans Herz gelegt). Zur Not denkt man sich Freunde aus, die bei Einträgen „Gefällt mir“ klicken – nennt sich dann übrigens Onanie 2.0: Das selber den Gefällt-mir-Button drücken, weil es sonst keiner tut.

Wer ab und zu einen Gedankenblitz bei Twitter postet, immer fleißig folgt, retweetet und antwortet – der bekommt mehr Aufmerksamkeit als in drei Bürowochen, in denen das Büro-Meerschweinen sich mit einem das Büro teilt – und Katzenschnupfen hat. Dass es vielleicht sinnvoller wäre, das Hunger darbende Tierchen zu füttern und seine Kollegen durch Aufmerksamkeit zu beeindrucken: geschenkt. Der nächste Tweet, die nächste Statusmeldung, die nächste Gelegenheit, sein Gesicht in das iPhone zu halten, wartet schon.

Und der obige Bekannte und ich, wir fragten uns ein wenig: Ist das nicht irgendwie zwiegespalten, zweischneidig – was wissen wir was? In einer mitteldeutschen Großstadt der mit dem Umhang, der unsichtbar macht, im Internet King of Tweets? Oder ist das ganz normal – und wir sind die, die komisch sind, weil unsere geheimen Gelüste nicht in einer Parallelwelt ausleben?

Ich könnte beispielsweise im Internet versuchen, die Weltherrschaft an mich zu reissen. Alle meine Profilbilder, in denen ich aussehe, wie ich eben aussehe, mit einem Darth-Vader-Helm verschönern, einen dunklen Hintergrund drapieren und Dinge schreiben, die bei einer späteren Gerichtsverhandlung als Beweis für meinen Vorsatz gewertet werden könnten. Ich brauche nur noch ein gutes Pseudonym. So was wie „Der Teufel trägt Ulle“ oder „Satanulle“ (oder kürzer Satulle?), wie „Darth Vulle“ oder „Frau Ulle, die Frau, der die Welt sich windend zu Füßen liegt“. Ich werde das mal mit meinem imaginären Freunden besprechen.

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