Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Auf der Suche nach der richtigen Marotte

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Es gab eine lange Untersuchung. Ich habe sie durchgeführt. Der geneigte Leser weiß: Ich schwadroniere nicht nur, ich untermauere mein Schwadronieren mit Fallbeispielen. Es ist ein Zugeständnis an die Wissenschaft, der ich mich in geringem Maße verpflichtet fühle. Der Rest ist Gefühl, Ärger und das Gefühl von emotionaler Verkaterung. Aber nun: die Untersuchung. Über einen längeren Zeitraum hinweg habe ich festgestellt: Männer stehen auf – und vergessen wir kurz, dass ich das Wort in beinahe aller Gänze ablehne – Verrückte.

Natürlich sind nicht alle Freundinnen von Männern verrückt. Der Anteil besorgniserregender Menschen würde in diesem Fall ja noch einmal ansteigen und dafür sorgen, dass ich nicht nur hoffe, dass ich irgendwann eine Insel für mich alleine bekomme – nein, ich würde mir ein Floß aus Büchern bauen und in See stechen. Die Elster ist hier vor der Tür: Ulle Ahoi!

Doch das Beispiel des Bekannten soll meine Erkenntnis näher bringen: Er hat eine Freundin. Vergessen wir, dass ich sie nicht mag. Nur: Er hat eine Freundin. Sie hasst Menschen, sagt sie. Wobei: Das ist so nicht ganz richtig. Sie geht gerne auf Konzerte, verbringt Wochenenden auf dem Flohmarkt und kann dort sehr wohl mit Menschen reden. Nur wenn es darum geht, dass man sich mit dem Bekannten trifft – dann nimmt sie seinen Arm, die Oberlippen fängt an zu zittern und sie haucht: „Aber ich habe doch Angst vor Menschen.“ Gerade eben noch hat sie mit dem Flohmarkthändler beinahe einen Balztanz aufgeführt – nun findet sie Menschen doof, unheimlich und will den Bekannten nur noch für sich. Und er, der Bekannte, nimmt sie in den Arm, haucht ihr einen Kuss auf das schnell noch wirr zurecht gezupfte Haar und sagt: „Dann lass uns nach Hause gehen.“

Jedesmal wenn ich diese beiden sehe, dann weiß ich: Der wahre Grund weshalb ich Single bin, ist nicht mein Aussehen, aes hapert auch nicht an anderen Dingen: Ich bin nicht bekloppt genug (naja, die Wäscheklammer habe ich nun ja!). Obige Frau hat zwar nicht meine Konfektionsgröße, zieht aber ihre Hosen gerne bis unter die Brust – auch ein Ausdruck des Wahnsinns, der scheinbar entzückt. Denn als die beiden kurz getrennt waren, da konnte sie sich vor Verehrern nicht retten. Ich sah und staunte und dachte darüber nach, mir eine Marotte zuzulegen.

Nicht so eine einfache Marotte wie „Ich knibbel an meinen Fingernägeln“. Nein, das ist viel zu gewöhnlich. Ich dachte darüber nach, vielleicht einen unsichtbaren Freund mein eigen zu nennen. Mit dem würde ich durch die Stadt laufen, lange Reden über den Sinn einer Diskursanalyse führen oder die Architektur der Macht in meiner neuen Heimatstadt ergründen. Irgendwas, was in seiner Komplexität für Aufsehen sorgt.

Weiterer Fall: Ein anderer Bekannte hatte ebenfalls eine Freundin (Dinge gibt es!). Und diese Frau neigte dazu, im Alkoholrausch dumme Dinge zu tun. Die Krux: Bei ihr sorgte schon ein Glas Sekt für drei Promille. Die Grenze zwischen nüchtern und volltrunken war und ist bei ihr also sehr schmal. Sie warf – auf der feuchtfröhlichen Seite der Grenze – mit Flaschen, trat um sich und sagte am nächsten Morgen – auf der aspirin-trockenen Seite der Grenze – Dinge wie „Du hast es eben nicht anders verdient“. Dazu kam, dass sie im Prinzip alle anderen Frauen doof fand. Wer ihrem Freund zu nahe kam, der ahnte: Jenseits der Grenze könnte man selbst das Opfer werden.

Der Bekannte fand all das „aufregend“, „anders“ und „sie meint das eben nicht so“. Auch nach einer längeren Trennungsphase (sie hatte ihm vor rund hundert Leuten zwischen die Beine getreten) zog er sie wieder verliebt an sich: „Sie braucht mich“, sagte er und nahm die Position des Helden ein, der seine verrückte Prinzessin schützt. „Sie ist eben ein wenig gestört.“

Jetzt frage ich mich allen ernstes, warum ich mit 21 Jahren aufgehört habe, mit vollen Bierflaschen zu werfen. Warum habe ich mir nicht eine Angst zugelegt, mit der ich das Gefühl vermittele, etwas besonders beschützenswert Verrücktes zu sein? Angst vor Treppen mit mehr als 52 Stufen, Angst vor Kindersitzen, Angst vor grünen Weidezäunen – irgendetwas?? Ich habe Sorge, dass es nun – mit 30 Jahren und den ersten Zeichen der Schwerkraft – zu spät ist, sich noch so eine richtig schöne Marotte zuzulegen und die Chance zu bekommen, einzigartig zu werden. Eine frustrierende Erkenntnis – über die ich, so kommt mir gerade in den Sinn und sorgt für ein frohlockendes Grinsen auf meinem Gesicht – verrückt werden könnte. Yeah!

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11 Kommentare zu “Auf der Suche nach der richtigen Marotte

  1. Wer Schweißausbrüche und Angstanfälle bekommt, wenn das Nasenflötenorchester pfeift, Theo Lingen oder wer anderes singt, panische Angst vor Killerwelsen beim Anblick von einem Haufen Federn bekommt, hat meiner Meinung nach ’ne Marotte 😉

    Schätzelein, für misch bist du einzischartisch 😉

  2. Jetzt frage ich mich gerade, mit welchen Marotten ich den Herrn an meiner Seite rumgekriegt habe. Mit meiner Angst vor Meisenfüßen vielleicht, oder mit meinem Hang für Dinge in pink und bunte Bettwäsche. Ich weiß es nicht. Und ich glaube, ich will es auch gar nicht so gerne wissen.

  3. ich denke, wir haben alle macken. wir müssen nur die richtige person treffen, die auf sie anspringt.

    • weil wir eben alle vermackt sind, finde ich ja auch (habe ich ja auch schon einmal beschrieben)… aber siehe oben: also marotten-neurosen… schwer anzugewöhnen, glaube ich. und schwer zu lieben. aber vielleicht lieben männer lieber schwierig – und ich bin einfach zu einfach zu lieben (äääh, nein!).

  4. Das führt mich jetzt dazu, nach meinen eigenen Macken zu suchen…*grübel*…
    Ansonsten stimme ich auf jeden Fall Julia und auch schubi zu… und wüsste gerne, ob lasabia andere Vogelfüße mag oder wenigstens toleriert… 🙂

    • mmh, bei dir fällt mir auch gerade keine ein – aber wir haben uns auch eindeutig zu lange nicht mehr gesehen! da fällt mir ein: was wäre die mitte von paderborn, aachen, moorrege und leipzig?

  5. Oha… das ist eine gute Frage.. ich könnte mal versuchen, mit Zirkel und Lineal auf der Landkarte, die an meiner Wand hängt, einen Mittelpunkt zu „berechnen“… 😉 Spontan würde ich sagen, wir landen irgendwo bei Hannover, also fast in meiner Heimat.

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