Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Was wir nie lernen müssen

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Gestern, wir hatten den Nachmittag dem Wetter entsprechend im Park in der Nähe einer Wasserfontäne verbracht, beschlossen der Freund und ich, noch etwas zu essen. Sein Vorschlag, mich zu bekochen, wurde mit Wohlwollen und Magenknurren zur Kenntnis genommen. Ich ging Teile der Zutaten (das kalte Bier) einkaufen, er setzte das Nudelwasser auf. Und als ich da so stand, inmitten des Getränkeregals, da klingelte mein Handy. „Kannst Du mir noch Kippen mitbringen?“, fragte der Freund und ich sagte „ja“.

Ich dachte immer, Zigaretten liegen im Regal, die ich wie Eier aus selbigem nehme, um sie dann zu bezahlen. Wenn man etwas nicht braucht, wird einem nicht klar, dass manche Dinge eben nicht so leicht zu kaufen sind. Da stand ich nun an der Kasse und sah mich um: keine Zigaretten. Ich formulierte im Kopf schon meine – mir äußerst unangenehme – Frage, wo denn wohl die Zigaretten liegen würden, als ich über dem Kopf der Kassiererin einen Plastikautomaten hängen sah – angefüllt mit Tabakwaren.

Ich starrte dahin, starrte die Kassiererin an und wusste einfach nicht, wie ich denn nur die Zigaretten bekommen sollte. Musste ich an der Kasse wirklich danach fragen? Würde die Verkäuferin mich nach meinen Ausweis fragen? Und welche Marke noch einmal? Aaaah!

Im Endeffekt wusste ich schnell wieder, was noch einmal die richtige Marke war, bezahlte sie, wunderte mich über diesen hohen Preis, den einige scheinbar gerne für eine geteerte Lunge bezahlen und konnte dem Freund voller Stolz die Zigaretten überreichen. Immerhin erkannte er meine Heldenleistung und lobte mich über den tabakhaltigen grünen Klee – aber ich wusste: Zigarettenkaufen ist etwas, das hätte ich nie lernen müssen.

Und es gibt so vieles, was man gar nicht lernen muss. Das fiel der ostfriesischen Leipziger Freundin und mir schon beim kürzlich zelebrierten Treffen auf. Weil ihr Bruder nämlich ein ganz phantastischer kleiner Beatboxer ist. Aus seinem Mund kommen fernab von Sprache und Rülpsen Geräusche, die nur zu bewundern sind. Er hat nicht nur einen Kopf, der Bruder, er hat ein Instrument auf seinem Hals. Beeindruckend.

Und natürlich würden wir das auch gerne können. Gibt es einmal eine berufliche Schieflage, könnten wir immer noch als Duo in der Leipziger Innenstadt Musik machen. Da befinden sich Leute, die haben definitiv keine einzige musikalische Zelle in ihrem Leib – und haben immer ein volles Hütchen. Die Freundin und ich – wir könnten zur Not auch in dieses Geschäft einsteigen, als Beatboxer. Schnell fiel uns aber auf: Nein, man muss nicht alles lernen. Sollen andere doch mit Hamsterbäckchen durch die Gegend laufen und ihre Lippen plusternd nach vorne werfen – wir sind eindeutig zu eitel dafür.

Und als wir so darüber nachdachten, da fielen uns noch so viele andere Dinge ein. Vor kurzem beispielsweise erlebten wir Menschen beim Lästern. Ja, auch ich bin manchmal eine lästerliche Person. Ich kann hassen, da wird dem anderen Angst und Bange. Aber was wir erleben durften, das war: puh!

Da wurde einem beim Zuhören nicht nur Angst und Bange – und wurde ganz anders, Schwefelgeruch stieg vor lauter Hass empor, an unseren Ohren züngelte das Höllenfeuer. Da wurde nicht nur schlecht über einen Menschen geredet, da wurde der Untergang der anderen Person geplant. Nicht nur so, um seinem Hass ein Ventil zu geben. Nein, da sollten erste Schritte in die Wege geleitet werden, um dieser Person wirklich weh zu tun. Und nicht Gaddafi wurde da gehasst, sondern scheinbar eine ganz normale junge Frau, deren einziger Fehler es scheinbar war, nicht zu dieser Clique gehören zu wollen. Nein, so sehr hassen, auf diese intrigante Weise, das muss man auch nicht lernen. Wirklich nicht.

Und als gerade der hässliche Nachbarsjunge mit seinen Inline-Skates beim gewollt lässigen Sprung vom Bordstein mächtig böse auf sein Gesicht fiel, da wusste ich: Auch Lässigkeit muss man nicht lernen. Gelernte Lässigkeit ist nämlich ganz schön unlässig. Und tut weh.

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3 Kommentare zu “Was wir nie lernen müssen

  1. Was ihr Eitelkeit nennt, war jahrhundertelang eine Ausrede dafür Frauen zu unterdrücken und ihnen u.a. das Erlernen von Blasinstrumenten zu verweigern. Angeblich schicke es sich nicht für eine Frau, Grimassen zu schneiden und das Gesicht zu verzerren.
    Also: Mädels, lernt Beat-Boxen als Zeichen der Emanzipation 🙂 (Natürlich nur, wenn ihr Lust dazu habt.)

  2. Bestimmte Dinge hätte man vielleicht nicht lernen müssen, aber dann hätte man auch keine Ahnung, wie schlimm sie wären:

    * Dorfdisco: Vor Jahren packte mich einmal der Rappl und ich dachte: He, wenn alle in die „Fledermaus gehen“, dann muss es dort doch gut sein. Offensichtlich fehlt mir schlicht das Gen, in einer Mainstream/DJ Ötzi-Umgebung Spass zu haben. War das schlimm!

    * Alkohol ist kein Freund. Man glaubt gar nicht, WIE schlecht es einem gehen kann. Wobei hier das Lernen erstaunlicherweise immer wieder von Rückfällen geprägt ist.

    * Niemals gegen Kuhzäune pinkeln.

    • Also in dieser Zigarettenangelegenheit wäre es mir wie dir ergangen. Ich hätte keinen blassen Schimmer, wie ich an das Zeug komme. Derweile sind meine Mama und mein Bruder wahre Kettenraucher. Und dass du „dem Freund“ eine Schachtel kaufst, ist für mich schon fast sowas wie ein Liebesbeweis 😉

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