Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Zwischen den Welten

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In der achten Klasse, im Werte und Normen-Unterricht, habe ich tatsächlich etwas fürs Leben gelernt. Vielleicht – ziemlich sicher sogar – war mir nicht sofort klar, dass ich etwas gelernt habe, das ich irgendwie immer wieder brauche. Und auch wenn ich die zwei Begriffe „Interrollenkonflikt“ und „Intrarollenkonflikt“ eigentlich nicht mehr nutze, so weiß ich doch mittlerweile, dass die Krux des Lebens darin besteht, dass wir so viele Rollen innehaben – und sie irgendwie ausfüllen. Zumindest versuchen wir es.

Wir sind nämlich eine ganze Menge. Wir sind Sohn oder Tochter, Freund oder Freundin, Lebensgefährte oder Lebensgefährtin, Vater oder Mutter, Angestellter oder Angestellte – und dann sind wir auch noch eben: wir. Mit dem Wunsch, vielleicht heute Abend auf dem Sofa zu bleiben, obwohl die Freundin das gar nicht verstehen kann und doch unbedingt mal wieder mit uns tanzen will. Außerdem müssten wir dringend mal wieder unsere Mutter anrufen, und irgendwie denken wir auch die ganze Zeit an den Stapel Aufgaben, den wir im Büro zurückgelassen haben.

Und als wäre all das nicht schlimm genug, schlagen in unseren Herzen zwei Seelen. Meistens, oder: bei vielen. Weil wir beispielsweise die Freundin von einer Person sind. Und mit dieser Person sprechen wir über das Leben, wirbeln Ebenen durchbrechend durch philsophische Fragen, freuen uns über einen guten Wortwitz, den andere auch nach der Direkteinspritzung des Duden nicht verstehen. Und dann ist da die andere Person. Mit der gehen wir weg. Tanzen vielleicht. Bier trinken. Wir hören laute Musik und gröhlen 90er-Jahre-Hits mit.

Beides sind wir. Teile eben. Und das ist auch gut so. Bis zu dem Punkt, an dem wir beide Personen – nennen wir sie A und B – zusammenbringen. Und da stehen wir nun, mit A und mit B. Die tanzbare Musik juckt in unseren Füßen, wir wollen schreien „Hoch die Bierflaschen“ und merken, dass Freund A uns gar nicht wiedererkennt. Weil nicht nur die Bierflasche in der Hand so ungewöhnlich ist, sondern es maximal eine philosophische Ebene gibt. Die von Heraklit: „Alles fließt.“ In diesem Fall eben das Bier.

Natürlich, gute Freunde kennen alle Seiten von uns. Sie wissen: „Ach, manchmal spackt er/sie eben ab.“ Und sie wissen: „Manchmal überkommt ihn/sie das philosophische schwadronieren.“ Und dann ist es auch gut so.

Trotzdem machen wir es ja gerne allen recht. Und sind dann enttäuscht, wenn das irgendwie nicht klappt. Weil Person A mit tanzen muss und Person B nur „Idem velle atque ide nolle, ea demum firma amicitia est“ versteht. Weil eben die wenigsten Menschen alle Interessen miteinander teilen, wir uns aber trotzdem wichtig sind. Manchmal auf die A-Art, manchmal auf die B-Art.

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