Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Darf ich vorstellen – Monsieur Minderwert

5 Kommentare

Mit dem Selbstwertgefühl ist das so eine Sache. Eigentlich ist alles ganz gut. Man ist sich seiner Person und deren Eigenschaften recht sicher: Nicht außergewöhnlich vielleicht, aber ganz witzig. Nicht wunderschön, aber hej – so faltenlos sollen andere erst einmal sein! Und man ist vielleicht nicht die hellste Kerze im Adventskranz, aber weiß immerhin, dass es Worte gibt, die nie nie nie gesteigert werden können.

Ab und zu winkt er dann aber zur Tür rein, der Monsieur Minderwert. Meistens schickt er eine Vorhut, damit sich sein Besuch auch lohnt. Monsieur Minderwert ist ein kluges Köpfchen und bestimmt die hellste Kerze – überall!

In meinem Fall bestand die Vorhut aus rund zehn leichtbekleideten jungen Damen, die an mir vorüberzogen und kicherten, ohne dass ich verstehen konnte, worum es gehen sollte. Ich sah an mir herunter, sah wieder hoch und da stand der Monsieur und blickt mir grinsend in mein Gesicht. „Vielleicht machen die Dinger sich über Dich lustig?“, fragte er mich und ging wieder. In meinen Ohren klang noch lange sein diabolisches Gelächter nach.

Der Zweifel war da und selbst das beste Zureden der netten Bekannten und der Freundin konnte nichts daran ändern: Monsieur Minderwert errichtete gerade sein Jacuzzi in meinem Kopf und wärmte in meinen Eingeweiden schon einmal das Wasser dafür vor.

Nach 30 Jahren, in denen ich schon gefragt wurde, ob meine Narbe am Halsansatz lebt, in denen mir mehrfach das Wort „Dickerchen“ nachgerufen wurde und mir ein Mann sagte „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mich in Dich verlieben könnte“ (Wenn ich mich recht entsinne, bekam er danach irgendetwas der Beulenpest ähnliches und sieht heute aus wie ein gebrochener Mann) – ja, nach diesen 30 Jahren sollte man über lachenden Hühnern stehen. Sich sagen, was man kann und das augenscheinliche erkennen: Ich kann mich anziehen, sie vergessen scheinbar ihre Hosen.

Aber nein. Denn das wäre zu einfach, und auch wenn Monsieur Minderwert das leichte Leben, liegend im Jacuzzi, liebt, anderen möchte er es schwer machen. Er wäre ja arbeitslos, wenn sich Zweifel und Komplexe wie einen Wasserfleck einfach wegwischen lassen würden. Und Arbeitslosigkeit wird in diesem Land ja bekämpft. In diesem Fall: aktiv.

Der bohrende Selbstzweifel – die Geliebte von Monsieur Minderwert, die sich in Erwartung des dampfenden Jacuzzi schon die Hände reibt und den Bikini aus ihrer Strandtasche holt – ist da und will auch gar nicht mehr weggehen. Da wird die kleine Rötung auf der Hand zum ersten Altersfleck und der Blick des Mannes an der Kasse zu einem vernichtenden Urteil zur aktuellen Lage der Haartion.

Selbst die schwächste Kerze im Adventskranz weiß: dem Monsieur darf man nicht einmal die Tür öffnen. Hat er erst einmal seinen Fuß zwischen Tür und Angel, ist es zu spät. Durch den kleinen Spalt schiebt er erst sein Handtuch, dann die Flasche Sekt für sein Date mit Madame Selbstzweifel, irgendwann sich selbst. Er hat kurz die Luft angehalten und ist drin. Dann ist es zu spät.

Dann liegt man (wir) nachts im Bett und denkt nach. Im Kopf dampft der Whirlpool vor sich hin und es kommen diese Gedanken, denen man am hellichten Tag kaum eine Chance geben würde. Selbstscham überkommt einen, es wird zerdacht und gemartert. Vor allem: sich selbst gemartert. („Wie konntest Du nur denken, dass Du in dem Kleid gut aussiehst?“ „Du solltest Dir ein neues Lachen zulegen!“ „Die Friseurin hatte recht: Deine Oberlippe ist wulstig.“ „Du solltest an ein Homeoffice denken, damit Deine Kollegin Dich, Deine Art und Deine Oberlippe nicht mehr sehen müssen.“)

Nun, glücklicherweise ist Monsieur Minderwert (nebst Geliebter) ein unsteter Mann. Und so packt er irgendwann seinen Jacuzzi wieder ein (ein zusammenklappbares Ding, dessen Patentierung er wohl gerade anstrebt), trocknet die Badehose und verschwindet. Ein kleines Post-it hinterlässt er aber: „Ich komme wieder…“ Damit man zumindest etwas gewappnet ist und alle möglichen netten Dinge geistig notiert, um den nächsten Kampf vielleicht zu gewinnen. Denn die nächste Vorhut kommt bestimmt. Und wir wissen dann: Monsieur Minderwert kommt gleich mit dem Wasserbehälter um die Ecke.

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5 Kommentare zu “Darf ich vorstellen – Monsieur Minderwert

  1. Monsieur und Madame sind letzte Nacht bei mir eingezogen – sie scheinen vom letzten Kurzurlaub zurückgekommen sein und haben sich die ganze Nacht über häuslich eingerichtet.

  2. Kenne ich auch und ich hab es noch nicht geschafft, den Monsieur endgültig vor die Tür zu setzen… v.a. in der Schule passiert mir immer mal wieder, was Du über die ‚kichernden Mädchen in Gruppe‘ schreibst. Ich hoffe, ich kann irgendwann ein Hausverbot durchsetzen.

  3. Das wär toll, wenn man das einfach so könnte… 😉

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