Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Entschuldigung, Ihre Brille ist zerschlagen

9 Kommentare

Heute hatte ich ein interessantes Gespräch. Wobei es wohl eher in der Nachbetrachtung interessant wurde. Es ging um Brillen und Kontaktlinsen. Ein Thema, das die meisten Menschen wahrscheinlich doch eher langweilt. Aber wieder gab es in diesem Gespräch den Moment, in dem ich kurz nachdenken musste: „Was bin ich eigentlich?“, fragte ich mich: „Brillenträgerin oder nicht?“

Ich trage eine Brille. Seitdem ich drei Jahre alt bin, was mittlerweile immerhin 27 Jahre sind. Eine ganz schöne lange Zeit. Prinzipiell haben meine Kurzsichtigkeit und ich vor zwei Jahren Silberhochzeit gefeiert. Wir haben nicht gefeiert.

Und weil ich schon so lange eine Brille trage, ist mir gar nicht bewusst, dass ich überhaupt eine trage. Aber wehe, sie ist nicht auf meiner Nase. Dann sehe ich nur die Hälfte der Welt – und das sehr verschwommen. Ein Zustand, den ich manchmal mit Absicht herbeiführe. Es gibt Menschen, die stecken sich auf unelegante Art und Weise die Finger in die Ohren, um sich abzuschotten. Ich nehme meine Brille ab und nehme die Welt fortan nur noch durch einen Schleier wahr. Wer mich ansieht, bekommt einen verwirrten Blick zugeworfen und flüchtet.

Nur manchmal merkt man als Brillenträger eben doch, das da was auf der Nase ist. Wenn man am Morgen völlig unkoordiniert mit den frisch eingecremten Händen gegen die kleinen Gläser haut. Oder jetzt bald wieder – wenn es kalt ist und man beim Hereingehen in ein Gebäude schnell feststellt, dass es in den Räumlichkeiten entweder brennen muss, jemand einen Saunaaufguss gemacht hat (Nur: Wo ist der Tannengeruch?) – oder: achja, die Brille.

Als ich am Dienstag mit der Freundin zur Ablenkung noch ein wenig durch die Innenstadt lief, wir das Leben und seine Unzulänglichkeiten diskutierten, bemerkten wir bei einer schwedischen Bekleidungsfirma Brillen. Während ich für meine Brille einen kleinen Urlaub bezahlt habe, gab es dort welche für zehn Euro. Ich stutzte, die Freundin stutzte – dann sahen wir: Fensterglas.

Und das hat mich wirklich geschockt. Nun, ich mag mich mit Brille, sie gehört zu mir und ohne sie sehe ich irgendwie sehr nackt aus – so ist das eben nach 27 Jahren Gemeinschaft, in denen sich nur das Äußere von uns beiden änderte. Aber warum sollte sich jemand freiwillig ein medizinisches Gerät (denn das ist sie nun einmal, die Brille) auf die Nase setzen?

Der Satz eines Bekannten fiel mir ein: „Mit Brille sehe ich so intellektuell aus“, hatte er gesagt und seine neue Brille mit einem Finger leicht hochgeschoben. Fensterglas übrigens, fiel mir vor diesem Regal in der Leipziger Innenstadt ein.

Ich erinnere mich noch an ein pinkes Gestell in den 1980ern. Als ich damit in die Schule kam, die Gläser bedeckten mein ganzes Gesicht, lachten mich alle aus. „Brillenschlange“ wurde ich genannt. Und als ich einmal zu einem Mitschüler sagte, dass ich gerne lesen würde, sagte er: „Du trägst ja auch eine Brille.“ Als ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Intelligenz und Brille gibt.

Eigentlich gab es in der Grundschule doch die Gleichung „Brille = klug = Streber = Kopf in die Kloschüssel-halten“. Heute scheint es die Gleichung nicht mehr zu geben. Stattdessen ist die Brille cool und hip. Ungefähr so „Brille = rotweintrinkender digitaler Boheme = intelligent“. Ob man dann mit minus sechs Dioptrien durch die Weltgeschichte strauchelt, oder nur mit Fensterglas und einem Hauch von Scheibenreiniger: egal.

In meiner Welt gilt allerdings eher „Fensterglas in der Brille = pseudointellektuell = Kopf in die Kloschüssel halten“. Natürlich bin ich nicht so elitär und gehässig (also gehässig schon, aber nicht jetzt), dass ich mit einer Wut mein Brillen-Territorium verteidigen will. Soll doch jeder eine Brille tragen – dann ist die Chance umso größer, in der Not jemanden mit Brillenputztuch zu finden.

Aber: Eine Brille tragen, nur damit man intellektueller wirkt? Ist die Brille die neue fettige Haarsträhne, die vor lauter Ungewaschenheit auf der Stirn festklebt? (Ich sage nur einen Namen: Dirk von Lowtzow) Fangen bald alle an, gleichzeitig Bier zu trinken und in der Nase zu popeln, nur weil der – btw unerträgliche – Sascha Lobo das auch tut?

Nebenbei bemerkt: Die Größe der Brille scheint eine wichtige, ja entscheidende, Rolle zu spielen. Mit meiner rosa Grundschulbrille wäre ich heute wahrscheinlich die Klügste auf Leipzigs Straßen. In meiner leicht getrübten Erinnerung knallt mir der untere Rand des Kassengestells auf meinen Bauch. Zwei Gläser, groß wie Wagenräder vor dem Gesicht von Klein-Ulle.

„Große Gläser = hoher IQ“ scheint zum neuen mathebrillitischen Formelkodex zu gehören. Mit meinem Designergestell (Jetzt, wo die Eltern nicht mehr bezahlen müssen) würde ich allerdings auch wohl der unteren Kaste angehören. Ich kann oben drüber und unten drunter durch gucken und eine Großfamilie findet unter dem Gestell bei Regen auch keinen Platz. Aber vielleicht ist bei mir auch Fensterglas (Hopfen) und Plastik (Malz) verloren.

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9 Kommentare zu “Entschuldigung, Ihre Brille ist zerschlagen

  1. Huch! Jetzt fühle ich mich gerade sehr erwischt, stand ich doch heute erst vor einem Regal voller Fensterglasbrillen mit dicken schwarzen Gestellen und großen Gläsern und überlegte ernsthaft, ob das nicht vielleicht … so als hippes Accessoire … Ähm, ja.

  2. Als ich vor ca. 16 Jahren meine erste Brille aussuchen musste, sagte die Optikerin: So eine Brille ist ja auch ein Accessoire. Nur…damals war es noch gelogen, damit ich mich besser fühle *g*

  3. Meine erste Brille war auch rosa. Man hat mir damals (mit 13 oder 14) gesagt, sie würde mir stehen. Wenn ich mir die Bilder anschaue, war das gelogen. Wenigstens war es nicht so ein Modell was meine Mutter und Tanten in ihrer Jugend mangels Alternativen tragen mussten – Glasbausteine in schwarzem Rahmen.

  4. Zuerst war des die dicke Brille, die vom Ball getroffen duch die Turnhalle flog
    Jetzt sind es Kontaktlinsen, die die 8 Dioptrien ausgleichen.
    Beruhigend war immer der Augenarzt, der hauptete,
    dass die Kurzsichtigen meist klüger sind als die Normalos.
    Warum, fragte ich.
    Ja, sie lesen mehr, meinte er.
    Dafür bekommen sie öfter den Ball an den Kopf,was die Intelligenz sicher nicht fördert, sagte ich.
    Also, hier scrollen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenz_als_Pers%C3%B6nlichkeitseigenschaft

  5. Das Ärgerliche ist, dass die hippen Brillen mit schlechten Augen leider immer fies teuer sind. Also sitzt eine Brille immer jahrelang auf der Nase. Nee, also Fensterglas, da krieg ich die Pimpernellen. Wer Brille trägt, soll auch schlechte Augen haben und nicht nur modisch tun!

    Jetzt fängt langsam der Spaß mit den Gleitsichtgläsern an. Da kann man schon mal einen Kleinwagen zusammensparen. Und sich hinterher wahrscheinlich nur noch ein Bekleidungshaus-Gestell dazu leisten.

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