Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Wer vertraut, der sei der erste Crowdsurfer!

Ein Kommentar

Vertrauen ist wohl das zerbrechlichste Ding, das es gibt auf der Welt. Die teuren Sektgläser mit dem dünnen Glas sind nichts dagegen. Manchmal stellen wir aus Unachtsamkeit die Gläser in die Geschirrspülmaschine, vielleicht denken wir auch: Och, ein Waschgang geht schon, meine Finger sind doch gerade so nett lackiert, die will ich nicht beim Spülen kaputt machen. Und schwupps: hinüber.

Als ich ungefähr 13 Jahre alt war, da war ich ziemlich doll in einen Jungen verliebt. Als ich ihn vor kurzem wieder sah, da überragte ich ihn um einen Kopf und irgendwie sah er mit seinen 30 Jahren trotzdem immer noch wie damals aus. Das ist gar nicht gut – nebenbei bemerkt. Kein Mann sollte mit 30 Jahren wie 13 aussehen. Das ist nicht nur nicht gut, das ist bedenklich.

Aber: Ich war verliebt in ihn. Und ich erzählte es einem Freund. Zumindest dachte ich, es wäre einer. Dieser ermunterte mich, doch so einen peinlichen Zettel zu schreiben: „Willst Du mit mir gehen? Ja/Nein/Vielleicht“. Ich tat es und war das Gespött des Jahrgangs, natürlich hatte mein „Freund“ gewusst, dass der andere nie im Leben an mir hässlichem Ding interessiert sein würde. Er ließ mich für den Spaß ins offene Messer laufen und natürlich wurde diese peinliche Aktion öffentlich gemacht. Ganz ohne Facebook, Twitter und den anderen Gedöns. Flurfunk nannte sich das früher. Demütigend war das.

Fakt ist aber: Der Freund war nicht mehr mein Freund. Warum auch? Im Nachhinein betrachtet, ist es nur ein dummer Jungen-Streich gewesen. Ein sich-aufspielen. „Siehst Du die Hässliche dahinten?“ wird er meinen Schwarm (ein Wort, das nur im Zusammenhang mit Fliegen benutzt werden sollte!) gefragt haben und der Schwarm wird angewidert genickt haben. Angewidert vor allem deshalb, weil er Frauen wahrscheinlich nur aus dem Playboy seines Vaters kannte – und von Erzählungen, die er und seine Freunde zum besten gaben. Erzählungen, in denen Frauen beim Anblick eines scharfen Mannes eine dritte Brust wuchs und bei dem ein leises Seufzen schon das höchste der Erfüllung war. Aufklärung war anders. Für den 13 Jahre alten Schwarm sahen alle Frauen aus wie Cindy Crawford – oder wie seine Mutter. Nicht wie ich.

Da standen die beiden nun also auf dem Schulhof und haben sich wahrscheinlich köstlich amüsiert. Mein ohnehin geringes Selbst-Vertrauen war danach natürlich am Boden, ebenso das Vertrauen in die Männerwelt. Ich habe es überlebt. Nur so nebenbei.

Wenn so etwas aber mehrfach passiert, dann kann man wahrscheinlich sehr vermackt werden. Wir vertrauen nicht mehr jedem einfach so. Und wenn wir jemandem vertrauen, dann trauen wir uns nicht mehr. Weil wir daran denken, dass wir doch beim letzten Mal vertraut haben – und dann doch nicht richtig lagen. Das jemanden nicht vertrauen hat also nicht immer was mit der anderen Person zu tun – sondern mit uns selber.

Wahrscheinlich würden kluge Menschen nun sagen: „Spiele mehr Kennenlernspiele.“ Vor allem das, wo einer in der Mitte eines Kreises steht, sich fallen lässt und von den anderen aufgefangen werden soll? Erwähnte ich, dass ich mich NIE nach hinten fallen lassen würde? Ich würde mich auch bei keinem Konzert über das Publikum tragen lassen. Nicht nur, weil ich von wildfremden Menschen angefasst werden würde – sondern weil bestimmt mindestens ein gemeiner Mensch unter mir stünde, der keinen Bock hätte, mich zu tragen. Wer das nicht glaubt, der sei der erste Surfer! Plumps.

Zu dieser kleinen wahllosen Geschichte sei auch noch gesagt: Ich habe nie wieder einen Zettel mit „Willst Du mit mir gehen“ geschrieben. Ich habe gelernt. Wenn ich liebe, dann nicht nur heimlich, sondern auch ohne Spuren. Es gibt keine Briefe, keine Fotos, keine Fingerabdrücke. Wobei: Naja. Es ist eine kleine Geheimoperation. Damit danach niemand einen Zettel aus einem Hausaufgabenheft rumreichen kann. Auf der einen Seite die Lateinhausaufgaben, auf der anderen Seite der Liebesschwur. Heutzutage kann man das ja auch noch fotografieren und übers Web verteilen! Wie gut, dass ich nicht mehr 13 bin.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Wer vertraut, der sei der erste Crowdsurfer!

  1. Die Phase in der Jugend, in der man sich lächerlich macht, hat wohl jeder durch.

    Ich hab meinem Schwarm ein Tape zusammengestellt (in den 80ern gab es noch kein YouTube, ich hatte noch nicht einmal CDs) mit ein wenig Gestotter von mir dazwischen – da hat dann die Schule auch eine Woche drüber gelacht, da die nix besseres zu tun hatte als es kichernd ihren Freundinnen vorzuspielen. Man braucht keinen Freund, der einem in den Rücken fällt, um sich zu blamieren 🙂

    Habe ich daraus gelernt? Ja, ich hab den falschen Schluss gezogen, dass ich ein Freak wär, für den sich eh niemand interessiert. Als ich später meine grosse Liebe traf, hatte ich ihr (diesmal ohne eigene Sprüche) ein Mixtape geschenkt, welches sie 15 Jahre aufbewahrte und mir vor kurzem beichtete es verloren zu haben, wo es ihr doch soviel bedeutete. => Will sagen, es liegt eben NICHT an den Zetteln an sich.

    Das mit dem Vertrauen ist nicht einfach zu lernen, und man kann bitter enttäuscht werden. Aus meiner persönlichen Sicht heraus hatte es sich bisher aber *IMMER* gelohnt. Nicht alles verläuft nach Plan, aber dass mich Menschen trotz meiner naiven Gutgläubigkeit nicht ausgenutzt haben ist eine grossartige Erfahrung.

    Also trau Dich in Zukunft etwas mehr. Wer mit Offenheit nicht umgehen kann hat Dich einfach nicht verdient. Punkt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s