Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Hülle mit der Bierflasche in der Hand

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Da standen wir, die Freundin und ich. Beim Casting für Germanys Next Topmodel. Nicht, dass wir je davon geträumt hätten, irgendwann Model zu werden. Nein. Sie zwar schön, aber einen Kopf zu klein, ich für jedwede Form von Präsentation völlig ungeeignet. Und wir sahen uns – aus rein beruflichem Interesse, natürlich – die Frauen an und machten uns so unsere Gedanken zu Schönheit und dem, was das überhaupt ist. Das bleibt nicht aus, wenn Heidi Klum zwar nicht einmal per Videobotschaft anwesend ist, Modelscouts aber jedes Mädchen in Highheels anstieren – und uns gar nicht beachten.

Und als wir dann am Abend, nach der Arbeit, beim Franzosen einkehrten, Cidre tranken und Flammkuchen in einem abendsonnedurchfluteten Innenhof zu uns nahmen – da waren wir ganz froh, keine Models zu sein. Natürlich. Wer will sich schon von Wattebäuschen, die in Orangensaft getunkt wurden, ernähren? Niemand. Zumindest niemand, der nicht all seine Geschmacksnerven verloren hat und gerade vor einem Flammkuchen mit eiskaltem Cidre sitzt.

Doch während der Recherchen und des Denkens zum Thema „Schönheit“, da kam dann in meinem Kopf doch folgende Frage auf: Wenn man wegen fehlendem Liebreiz nicht auf den ersten Blick, ja, meist nicht einmal auf den zweiten Blick, überhaupt gesehen wird: Wie soll man dann punkten? Während die Schönheit neben uns trotz einer IQ-Höhe von rund fünf von allen angesehen und sofort beachtet wird, können wir – mit weitaus weniger körperlichen Attributen ausgestattet – nicht einmal ein Mü (eine interessante und erst in Leipzig gelernte Mengeneinheit. Ein Mü = seeeeeehr wenig!) Beobachtung bekommen.

Wie sollen wir dann unseren Witz zeigen, der sich unter den Augenringen verbirgt? Ohne eine Chance stehen wir da und … äääh… wir trinken eben. Bier.

„Qualität setzt sich durch“, sagte eine Bekannte aus der Heimat einmal dazu und brach nach einer Minute des Nachdenkens in Tränen aus. „Nein“, sagte sie und weinte immer weiter. Gerade erst war sie verlassen worden. Für eine Frau, die ihrem Freund morgens das Brötchen schmierte und sich abends zum Blödchen machte. Ein Toastbrot hatte er sich geholt, leicht in der Handhabung, in der metallenen Special-Edition-Box (sein Auto) auch so hübsch anzusehen.

Der Bekannte übrigens, der wusste Rat. Er sah mir in den Ausschnitt, als ich das Thema mit ihm im Zuge einer selbstzerstörerischen Nachdenkorgie besprach: „Mensch, Ulle. Du hast doch Brüste“, sagte er und zeigte mit dem Finger auf selbige: „Hochschnüren, rauspressen. Da kann keiner widerstehen, dann sieht man ohnehin nur den Ausschnitt. Und dann, dann darfste Deinen Charakter zeigen.“ „Echt?“, fragte ich und sah ihn skeptisch an: „Naja, vielleicht solltest Du einfach doch weiter Deine Brüste zeigen und den Charakter lassen, wo er ist.“

Ich sank in mir zusammen. Jetzt sollte ich nicht nur nur zwei Körperteile von mir zeigen – sondern auch noch meinen Charakter verbergen. Es musste schlimm um mich stehen, Dinge, die ich nicht im Spiegel erahnen konnte, waren auch mit Hässlichkeit geschlagen – gut, dass ich den Bekannten hatte, der mich über mein wahres Ich aufklärte. „Und was bin ich dann denn?“, fragte ich aufgeregt. „Eine Hülle“, sagte der Bekannte und sah sinnierend an die leicht dreckige Zimmerdecke. „Eine Hülle“, wiederholte er mit belegter Stimme.

Als er wieder aus zugleich hüllenreichen und hüllenarmen Tagträumen zu sich gefunden hatte, klärte er mich auf: „Die meisten Männer wollen eine einfache Frau“, sagte er. Und ich wurde traurig, wollte das nicht glauben: „Aber dann bin ich ja unglücklich. Ich kann doch keine Hülle sein!“ widersprach ich, fiepste beinahe. „Na, dann“, sagte der Bekannte auf eine äußerst altkluge Art, „dann wird es sehr schwer für dich.“

Aber, ich bin ja auch eine Forscherin, nicht nur eine Zerdenkerin, das konnte ich nicht so stehen lassen. Wie auch? Ich bin ja keine Hülle, vielleicht eine H-Ulle – aber das ist ja etwas anderes. Nun, ich forschte also, dachte und fragte nach und bemerkte: Auch Männer leiden darunter, dass manche Frauen auch einfach nur eine männliche Hülle suchen. Einen Mann, der es ihnen möglichst einfach macht, den sie mit eigenen Wünschen und Wertvorstellungen aufladen können.

Denn natürlich, einige Männer sind vielleicht ganz glücklich damit, nur eine Hülle zu sein. So können sie sich vor den Fernseher setzen und müssen gar nicht so viel tun – von einer Hülle erwartet man nicht viel. Außer, dass sie funktioniert, wenn sie funktionieren soll. Zum Müll runterbringen – oder Bier holen. Und eine Hülle zu sein, kann sich ja auch lohnen. Wenn er 25 Jahre alt ist – und sie 104, beispielsweise. In seinem Fall lohnt es sich. Umgekehrt… Na, lassen wir das.

Zurück zur Schönheit. Denn es darf nicht vergessen werden: Es gibt auch Schönheiten mit Charakter und Witz und und und und. Prinzipiell haben wir Normalsterblichen dagegen gar keine Chance. Aber daran darf man nicht denken.

De Bekannten teilte ich zumindest mit, dass ich mich nicht zu einer Hülle machen lassen würde. Zu keinem Zeitpunkt, sagte ich ihm und er verzog grinsend den Mund: „Na, aber Du könntest trotzdem deine Brüste nach oben hieven und einen tiefen Ausschnitt tragen“, meinte er und grinste noch breiter: „Mir würde das zumindest gefallen.“

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5 Kommentare zu “Die Hülle mit der Bierflasche in der Hand

  1. Warum soll man auch nicht auch auf das optische achten?

    Und um gut auszusehen muss man auch nicht nur noch Orangensaft mit Wattestäbchen essen. Eine gesunde normale Ernährung und dazu Sport reicht auch.

    • ich rede ja auch von den models. und ich werde – leider, leider – trotz einer recht gesunden ernährungsweise und sport nie in eine größe 34 passen… aber klar: ich achte auch auf das optische. es ist eben ein dilemma!

  2. „Bist du zu schlau um nicht unangenehm aufzufallen und nicht schön genug um damit durchzukommen? Weißt du genau wie es ist immer rauszufallen, nur nicht weit genug woanders anzukommen?“ Lieblingslied von den Helden

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