Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der perfekte Nachmittag mit Schatzi-Haselpurzelbaum

7 Kommentare

Ich bin keine Romantikerin. Wobei das wahrscheinlich gar nicht einmal stimmt. Aber wenn ich dieses gutmenschliche lese (und manchmal selbst schreibe (Arbeit)!), dann muss ich mich innerlich schütteln und auch ein wenig würgen. Geschichten von Rosen und orangenen Sonnenuntergängen sind für mich ein Graus. Unverständlichkeit macht sich in mir breit. Rosen mag ich nicht, Sonnenuntergänge finde ich durchaus reizvoll, verstehe aber leider gar nicht, warum sie Zweisamkeit noch zweisamer machen. Vielleicht ist das aber auch nur deshalb so, weil Sonnenuntergang Einsamkeit noch einsamer macht – und alle Zweisamen dann glücklich sind, dass sie nicht einsamer werden. Deshalb werden sie einfach mal zweisamer.

Ich für meinen Teil lege auf andere Dinge wert, aber um mich soll es gar nicht gehen. Ich stehe hinter der Geschichte zurück, wie es sich für eine Beobachterin des Alltags (denn nichts anderes bin ich) gehört.

Es geht um das Pärchen, das ich am Sonntag beim Bäcker antraf. Ich war nach der Arbeit noch ein wenig mit dem Fahrrad durch den Regen gefahren und hatte beschlossen, dass ein Stück Kuchen meine Figur auch nicht weiter ramponieren konnte. Also stand ich überlegend vor der Kuchentheke, welches Stück auf meinen Hüften am wenigsten Unheil anrichten würde. Da kam dieses Pärchen rein.

Man kennt diese Zweinschen (eine Mischung aus Zwei und Menschen, also etwas menschliches, das nur im Doppel auftritt) aus seinen Albträumen. Weil es regnete, trugen sie beide ziemlich identische Regenjacken einer Outdoor-Firma. Sie sahen entzückend aus, wie sie triefend nass die Bäckerstube betraten. Während ich also weiterhin sinnierend auf die Auslage sah und der Mann vor mir sich nicht entscheiden konnte, ob er nun etwas Pflaumen- oder Schokokuchen haben wollte, malte Zweinschen sich den folgenden Nachmittag aus.

Wobei: Zweinschens Konturen lösten sich etwas auf, denn vor allem sie sprach. Und mich überkam Fremdschämen. „Wir machen dann gleich gemütlich ein paar Kerzen an“, sagte sie und sah ihren Freund verliebt an. „Und dann kuscheln wir uns gemütlich unter die Decke.“ Meine Mundwinkel zuckten. Ich finde es immer sehr unangenehm, wenn ich doch Zeuge eines verbalen Vorspiels werde, das nur der eine spielt. In diesem Fall: sie. Denn der arme Tropf (und tatsächlich hatte er auch immer noch mit den Folgen des Regens zu kämpfen) sah irgendwie sehr beschämt auf den Boden.

Seine Freundin führte also noch eine ganze Zeit lang etwas aus, das sie wahrscheinlich als „perfekter Nachmittag mit Deinem Schatzi-Haselpurzelbaum“ in einer Frauenzeitschrift gelesen hatte. Der Mann vor mir konnte sich weiterhin nicht entscheiden, warf mittlerweile aber immerhin einen Blick in sein Kleingeldsammelsurium. Und ich, ich grinste.

Um den Bogen zum Beginn zu bekommen: Die letzten Worte vom weiblichen Zweinschen waren: „Das wird sooooo romantisch!“ Ihre Stimme hatte dabei einen Wir-lassen-die-Luft-aus-dem-Ballon-und-ziehen-ihn-dabei-auseinander-Ton bekommen. Im Gegenzug hatte sich das Gesicht des Mannes in Richtung Erdbeercreme verfärbt.

Und ich kam nicht umhin mich zu fragen: Warum a.) einige Frauen ihren Freund scheinbar in der Öffentlichkeit demütigen wollen und b.) warum diese Männer sich demütigen lassen. Denn diese Zurschautragung von Intimität und Wir-sind-zusammen: die ist doch wirklich nicht für Dritte (also für mich) bestimmt. Mal ganz davon abgesehen, dass bei diesem Pärchen scheinbar die Defintion von „Romantik“ keine gemeinsame war. Und meistens sind es die Frauen, die einem Mann auf diese Art den „Besetzt-Stempel“ aufdrücken. Wiesu bluß?

Sicherlich: Auf dem Sofa sitzen, Tee/Kaffee trinken, während draußen der Regen die Fenster runterrennt, ist total toll. Gemütlich, ja. Romantisch: nein. Aber die Definitionen sind da sicherlich verschieden und meine ohnehin eher selten. Dieses ganze Inszenierte macht mir auch irgendwie Angst.

So viele Dinge, die dann doch berücksichtigt werden wollen! Es muss regnen, man muss Kaffee oder Tee zuhause haben, der Bäcker muss leckeren Kuchen da haben, die Lieblingsdecke darf nicht voller Katzenflusen sein, das Telefon darf nicht klingeln, die Regenjacken müssen identisch sein, die Füße müssen richtig temperiert sein (kalt genug, damit man sie an ihm wärmen kann. Aber nicht zu kalt, weil es sonst echt ätzend ist!), die Kerzen dürfen nicht rußen und müssen noch ein paar Stunden brennen und das Sofa muss passend für zwei sein (Platz ist aber glücklicherweise auf der kleinsten Liegefläche). Was für ein Aufwand, um am nächsten Tag im Büro sagen zu können: „Habe gestern Abend einen romantischen Nachmittag mit meinem Freund auf dem Sofa verbracht.“ Bei so viel Organisationsstress bräuchte ich schon wieder eine Runde Yoga. Alleine übrigens. Niemand soll mich je im Hund sehen.

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7 Kommentare zu “Der perfekte Nachmittag mit Schatzi-Haselpurzelbaum

  1. Warum sie ihren Freund in der Öffentlichkeit demütigen? WEIL SIE ES KÖNNEN 🙂

    • da stellt sich die frage: wo sind die richtigen männer geblieben? die, die sagen: „alte, wir essen nun kuchen. aber spar mal die kerzen für den nächsten stromausfall. und das kuscheln – nur als belohnung für wat gaaaanz anderes, klar??!“

  2. Ich kann mir die Szene sehr plastisch vorstellen. Bei mir kämen da auch akute Fremdschämgefühle auf… Wie hat eigentlich die Verkäuferin auf die Szenerie reagiert? 😉

    • sie war mit dem entscheidungsunfreudigen mann vor mir beschäftigt. leider. ich mag eigentlich dieses „blickkontakt mit der verkäuferin und sich über augenbrauen-mimik unterhalten“.

  3. das heißt „wiesu denn bluß?“ #besserwissmitbeweis http://www.youtube.com/watch?v=qtIOfd1XhrY

  4. Ha, in zehn Jahren solltest du nochmal beim Bäcker nach ihnen Ausschau halten…dann triffst du wahrscheinlich nur noch sie mit zwei nörgelnden Kindern, er ist gleich auf dem Sofa geblieben…weil seine alte Regenjacke eh undicht geworden ist…

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