Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ein lautes „Hooray“ vom Aussichtsturm

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Wir haben ein Motto, der Bruder und ich. Weil der Kleine im angetrunkenen Zustand vor einigen Jahren ein Problem mit dem Wort „Priorität“ hatte, stammelte er irgendwann „Pirat“ und hoffte, ich wüsste, was er meinte. Und daraus hat sich etwas entwickelt, das wir immer wieder sagen, wenn Dinge uns überrollen und wir das Gefühl haben, in unseren Gedanken und dem Leben zu ertrinken: „Manchmal muss man sein eigener Pirat sein.“ Sprich: Manchmal müssen wir unsere oberste Priorität sein.

Aber „Pirat sein“ klingt einfach viel, viel besser! Und es steckt so viel dahinter. Wer sieht nicht einen coolen Typen mit Augenklappe, der alleine mit seinem durchdringenden Blick ein ganzes Schiff vor den bösen anderen Piraten beschützen kann? Hah, genau. Wer sein eigener Pirat ist, der kann riesige Schiffe durch die Weltmeere lenken, Seeungeheuer zum Frühstück verputzen und kommt aus jeder noch so brenzligen Situation alleine heraus – weil irgendwo ein Seil hängt, mit dem sich der momentane Aufenthaltsort ganz schnell verlassen lässt. Es ist toll, sein eigener Pirat zu sein.

So lässt sich der Kampf um die eigenen Prioritäten auch mit dem lachenden Auge sehen, das nicht hinter der Augenklappe ein düsteres Dasein fristet. Denn wenn wir ehrlich sind: Die Suche nach den Prioriäten im Leben, die ist wirklich schwierig. Und mehr als unerfreulich. Da ist es ganz gut, zwischendurch den Degen zu ziehen und Peter Pan auf ein Bier an Bord einzuladen.

„Was ist Dir wichtig im Leben?“ wurde ich vor kurzem gefragt. Und das ist nun wirklich eine gemeine Frage. Denn die wichtigen Dinge in meinem Leben, die sind ungefähr so fließend wie der Rum durch des Piraten Kehle. Natürlich habe ich Werte in meinem Leben. Aber was sind meine Prioriäten? Ich sah den Bekannten, der mir die Frage gestellt hatte, lange an. Irgendwann fragte ich ihn: „Hast Du eine Lebenskrise, oder was?“

Es war so flapsig (und vielleicht auch so wahr), dass der Bekannte von dem Thema abließ. Ich dachte dann jedoch an meinem Lieblingsnachdenkplatz (genauer: unter der Dusche) weiter darüber nach, ließ das Piratenschiff aber umgekehrt zu Wasser und fragte mich: Auf was könnte ich gut verzichten?

Und da kam einiges zusammen. Den Fernseher habe ich schon pünktlich zum Umzug komplett abgeschafft, auch auf mein Handy könnte ich gut und gerne verzichten. Das Internet wäre schon schwieriger – aber hej! Ich bin beinahe 20 Jahre lang gut ohne diese Modernität ausgekommen (nun, ich bin Online-Redakteurin. Vielleicht sollte ich über diesen Punkt also noch einmal nachdenken). Aber bei den fleischlichen Dingen, da wurde es schwieriger.

(Nein, Vegetarier dieser Welt, fühlt euch bitte nicht angesprochen. Ihr bekommt mich nicht. Ich habe in den vergangenen Jahren mein eigenes Fleischprogramm entwickelt, mit dem ich ganz gut esse. Vegetarismus lehne ich alleine schon wegen seines missionarischen Eifers ab, der mir zuwider ist. Selbst wenn ich gar kein Fleisch mehr essen würde, Vegetarier würde ich mich nie nennen! Oder aus Trotz einmal im Monat ein riesiges Rind am Stück verspeisen. Jawohl.)

Natürlich meine ich mit fleischliche Dinge meine Freunde. Menschen an sich. Und da gibt es einen Gradmesser: Wie sehr vermisse ich sie, wenn sie nicht da sind, die Freunde. Es ist eine Krankheit unserer piratenarmen Zeit, dass wir flexibel wie ein Segel im Wind sein müssen. Und da sind die Freunde eben weit weg. Weil wir flexibel in den Teilen der Welt verteilt sind.

Ich muss es niemandem sagen: Leipzig hat eine schlechte schiffliche Anbindung an den Niederrhein, Hannover, den Pott und und und…. Da kann ich mit meinem riesigen Piratenschiff nicht mal eben durch Deutschland schippern. Obwohl es verlockend wäre. Ich, oben auf dem Aussichtsturm und da unten der Schleusenwärter, dem ich mit den Worten „Nimm dies!“ eine Golddukate zuwerfen würde. Aber kommen wir zurück zum Kern der Sache.

Die wahren Prioriäten, also die anderen Piraten, erkennt man erst, wenn sie – und sei es nur temporär – nicht da sind. Wenn sie als Kundenbunny das Internet und als Gärtnerin die graue Stadt zu einem schöneren Ort machen. Wenn sie ihr Tante-sein genießen und als beste Grundschullehrerin der Welt der Verdummung entgegen arbeiten. Wenn sie auf der Suche nach dem Piraten in sich die Einsamkeit suchen. Wie sehr auch materielle Dinge wichtig sein können, weiß jeder, der den Wocheneinkauf bezahlen wollte und merkte, dass das Portemonnaie zuhause auf dem Küchentisch liegt. (Und dann gibt es natürlich noch die Gesundheit, die wir hier nun aber einmal – eben – gesund schweigen). Aber die Freunde, die sind eben eine ganz besondere Piratität, äh, Priorität.

Alles kleine Piraten, unsere Crew. Viel cooler als das Traumschiff oder das Loveboat. Weil wir nämlich alle eine Augenklappe tragen, ab und zu Kautabak über die Reeling spucken, auf Schatzsuche gehen (und sei es nur der beste Cocktail der Stadt) und die Nicht-Piraten über Bord werfen. Hah!

Ja, das ist die wilde Geschichte der Piratin Ulle und des Piraten Kleiner Bruder. Es sei vielleicht kurz angemerkt, dass die Piratin in mir manchmal ihren Kompass verliert. Sie weiß dann nicht mehr, wohin sie wollte, wohin sie noch will und was sie ohnehin tun soll – aber mit einem lauten „Hoooooooray“ lässt sich jede richtungstechnische Verwirrung überspielen. Denn das ist das Wesen des Piraten: Selbst in der größten Verwirrung schreit er noch lauthals ein respekteinflössendes „Hoooray“ und macht so auf sich aufmerksam. Damit auch niemand ihn je vergisst.

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