Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Nun zerdenken wir das alles erst einmal eine Runde

2 Kommentare

Der Bekannte sah mich mit leicht schräg gelegtem Kopf an. „Wie? Zerdenken?“ fragte er mich. Eben hatten wir uns noch nett unterhalten, nun musste ich ein schon ein gedankliches Konzept – das durchaus künstlerische Aspekte beinhaltet – erläutern: das Zerdenken nach Ulle. Bewusst abzugrenzen vom Zerdenken bei Freud, der eindeutig sprachprägender als ich war und sogar ein Fremdwort für das Zerdenken hatte: Usur. Und weil meine letzte Anleitung zum Zerdenken bereits mehr als 2 1/2 Jahre alt ist , gibt es hier eine neue, Zerdenken 2.0 sozusagen. Ein Blick hinter die Kulissen meiner hier veröffentlichten Texte vielleicht.

Das Zerdenken ist ja im Prinzip einfach. Wie schon vor zweieinhalb Jahren, damals von Kesro, festgestellt wurde: Es ist eine durchaus weibliche Sache, der manchmal aber auch Männer anheim fallen.

Alles beginnt mit einer Beobachtung. Vielleicht sind wir involviert, es muss aber nicht sein. Diese Beobachtung wird festgehalten und dann dadaistisch in ihre Bestandteile zerlegt. Ein Beispiel ist das Zwinkern. Uns wird ein nettes Zwinkern zugeworfen, das dann analysiert wird. Diskursanalytisch. Um noch einen klugen Kopf einzubringen: es wird nach Foucault diskursanaylisiert.

Also: Wir rekapitulieren, wann uns die vergangenen Male zugezwinkert wurde. Und dann wird sondiert, in welchem Zusammenhang das zuckende Lid nicht nett gemeint war. Die guten Male werden gestrichen. Das ist der Grundgedanke des Zerdenkens: alles positive streichen. Die Welt ist nicht gut, also ist es auch keine Handlung. Punkt.

Übrig bleibt: das Zwinkern als wir vom Klo der Disko kamen und Unmengen Toilettenpapier sich um unsere Schuh gewickelt hatten – wir hatten damit schon zweimal die Tanzfläche umrundet, einmal zu No Doubts „Just A Girl“ getanzt und vier Bier getrunken. Erst als der Mann mit dem über den Gürtel hängenden Bauch uns zuzwinkert, ahnen wir: irgendetwas ist falsch. Immerhin würde solch ein Typ sonst nie wagen, Kontakt zu uns aufzunehmen. Irgendetwas muss in der letzten halben Stunden unseren Marktwert also extrem nach unten haben sinken lassen. Geschickt fühlen wir nach, ob wir auf dem Klo vergessen haben, unseren Reissverschluss an der Hose zu schließen. Nein. Wir sehen nach unten und entdecken den mittlerweile durch Kippen und Kaugummi ergänzten Klumpen Klopapier an unserem Fuß und alles ist klar.

Wir haben nun also das Zwinkern in einen Zusammenhang gebracht: Zwinkern, Toilettenpapier = alles Scheiße. Also kann auch dieses eine Zwinkern nicht nett gemeint sein. Wir haben zwar kein Klopapier am Schuh, aber wahrscheinlich einen riesigen Rouge-Balken im Gesicht, einen Popel von der Größe Belgien an der Nasenspitze oder heute morgen vergessen, den BH anzuziehen und selbst Außerkörperliche merken, dass wir ein Problem mit der Schwerkraft haben.

Ähnlich ist es mit Sätzen, die allerdings schon mehr Übung erfordern. Weil ein Zwinkern nur ein Zucken eines Lids ist. Ein Satz besteht aber aus vielen Wörtern. Ganz Geübte (ich also) schaffen es, auch die Tonlage und die Mimik einzubeziehen. Sage wir, jemand sagt den Satz „Können wir machen, aber ich muss noch eben in meinem Terminplan gucken, ob ich auch wirklich Zeit habe“.

Ein ganz normaler Satz, der so häufiger einmal gesagt wird. Und wir sind alle schwer beschäftigt und deshalb ist ein Blick in den Terminplaner immer sinnvoll – wenn man das Ding denn vernünftig führt. Der geübte Zerdenker weiß allerdings, dass ein „aber“ nie gut ist. Und deshalb – Schritt 1 – schaltet er nach dem „aber“ bereits ab und hört nur „Können wir machen, aber…“ und ergänzt durch „… eigentlich nicht“. Wer genau sucht, findet sicherlich ein Zucken im Finger, dass den Unwillen des Gegenübers ganz deutlich macht. Nämlich den Unwillen, überhaupt mit uns zu reden.

Diese Erkenntnis ist der Anfang, der zweite Schritt ist noch zerstörischer. Wir – die Zerdenker – überlegen uns dann nämlich, was der Grund für diesen Unwillen sein könnte. Hat unser Gegenüber vielleicht von dem Klopapier-Debakel gehört und möchte nicht mit uns gesehen werden?

Es folgt Schritt drei und die Frage: Sind wir vielleicht für unsere Mitmenschen eine Belastung? Sollten wir vielleicht die Eremiten-Kultur wieder hoch leben lassen? Sollten wir es vielleicht sogar Maria von Ägypten gleich tun, die sich in die Wüste verzog und erst nach Jahrzehnten wieder Besuch empfing – obwohl sie mittlerweile von unfassbar vielen Haaren überdeckt war und damit erst recht einen Grund gehabt hätte, der Öffentlichkeit zu entsagen? Oder wie Landelin von Ettenheimmünster einen einsamen Eremitentod sterben, der die Finder seiner Leiche damit beglückte, dass unter seinem Körper fünf neue Wasserstraßen entstanden waren? Vielleicht, vielleicht…

Blöd nur, dass die Eremiten alle sterben. Sie wurden zwar (beinahe) alle heilig gesprochen, aber da habe ich als Newcastlantin (also: Fußballgläubige) ohnehin kaum eine Chance. Obwohl – langjährige Leser wissen das – ich eine ausgeprägte Schwäche für Heiligenlegenden habe und sogar Lieblingsheilige mein eigen nenne (Klick hier für Lantpert von Lüttich und den faszinierenden Gangolf, der seine ehebrecherische Frau mit einer großen Kalamität verfluchte).

Vergessen wir die Heiligen. Zerdenken ist toll. Hat aber Nebenwirkungen. Ich übernehme also keine Haftung, rate aber nach dem Zerdenken und der Erkenntnis, dass nur ewiges Einsperren in einem großen Turm hilft, zu folgender Maßnahme: trinkt ein großes Glas Martini. Prost!

2 Kommentare zu “Nun zerdenken wir das alles erst einmal eine Runde

  1. Du scheinst ja ein großer Fan von Alkohol zu sein.
    Das zieht sich wie ein roter Faden durch deine Artikel.

  2. Wie ein roter Faden?!
    Du hingegen scheinst gerade auf Entzug zu sein…

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