Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Leid eines Spielodisten

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Gestern an der Straßenbahnhaltestelle. Sie hält in der Hand einen durchscheinenden Jutebeutel, drin: Die Siedler von Catan, inklusive eines Erweiterungspacks. Er steht daneben, beide starren gedankenverloren auf die Baustelle, an der ein riesiges und unnützes Kaufhaus entsteht. Die Kräne zeichnen sich vor dem eher herbstlichen Himmel ab, es riecht nach Abgasen. „Ich freue mich auf heute Abend“, sagt sie. Er: „Mmmh.“ Schweigen. Sie sieht zu einer unbekannten Kontrolle in den Jutebeutel, er starrt auf den Hintern des Mädchens am anderen Bahnsteig.

Das war natürlich Wind in meinen nach Sachsen exilierten Windmühlenblättern. In meinem Kopf arbeitete es. „Bestimmt sind sie auf dem Weg zu einem Spieleabend“, dachte ich mir, innerlich musste ich mich schütteln. Spieleabende sind für mich ein Graus. Nur Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, spielen Spiele. Finde ich. Das Pärchen hatte sich eindeutig gar nichts mehr zu sagen.

Leider stehe ich mit meiner Meinung recht alleine. Die meisten Menschen in meinem Umfeld lieben Gesellschaftsspiele, während sie für mich nur störend sind. Da sitzt man dann da, in einer Diskussion über eine neue Serie, ein neues Album oder vielleicht sogar über gesellschaftliche oder emotionale Probleme – und dann kommt schnarrend von dritter Seite: „Du bist dran, Ulrike.“

Dabei geht es gar nicht darum, dass ich nicht verlieren kann. Ich kann sehr gut verlieren, ich habe Übung darin. Das Verlieren, die ultimative Niederlage, hat mehrere Gründe: Mir fehlt zum einen der Ehrgeiz bei Gesellschaftsspielen genug Erz anzusammeln oder Holz. Oder Sand. Und dann: Ich verstehe die Spiele meistens nicht. Bis heute ist es mir ein Rätsel, worum es bei den Siedlern auf Catan geht. Was ist der tiefere Sinn von Therapy? Warum spielt man Tabu, wenn der Sprachschatz der meisten Menschen doch zu gering ist, um der Tagesschau zu folgen?

Wenn ich mich mit meinen Freunden treffe, dann möchte ich mit ihnen reden. Erfahren, was sie so machen, was sie bedrückt, glücklich macht. Ich möchte nicht drei Stunden in der schlecht formulierten Spielanleitung nachsehen, ob man nach einer Sechs noch einmal würfeln darf – oder die Insel verlassen muss. Ich bin ein Spielodist – und ich stehe dazu. (Für die Duden-Redaktion: Spielodist = Spiel + odi (lat. für „ich hasse“) + st (für den wissenschaftlichen Klang).)

Doch der Leidenstrug ist immens. Vielversprechende Bekanntschaften sind daran zerbrochen. „Wie, Du magst keine Gesellschaftsspiele?“, wurde ich gefragt und nie wieder auch nur zum Kaffee eingeladen. Als ob die Ablehnung von Spieleabenden gleichauf liegt mit „Ich esse kleine Kinder“.

Ein bisschen sind diese Spielanthropen (für die Duden-Redaktion: Spielantrop = Spiel + anthrop (griechisch von anthropos: Mensch) = Spielender Mensch) wie Raucher. Sie verpesten die Luft (die einen mit Rauch, die anderen mit unnützen Worten zum Thema Brettspiel) und haben keinerlei Verständnis, wenn man sagt: „Bleibt mir weg damit.“ Spielodisten müssen sich immer und überall rechtfertigen.

Dabei wollen wir nur in Ruhe gelassen werden. Mit Spielfiguren lockt uns niemand vom Sofa vor den Würfelbecher. Und wenn wir lesen wollen, dann lesen wir ein Buch – keine Spieleanleitung. Und doch: Wir können verlieren. Ist nur die Frage: Warum sollte man sich der Schmach einer Niederlage freiwillig hingeben? Und nein, ich esse wirklich keine kleinen Kinder. Nur kleine Lämmer.

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9 Kommentare zu “Das Leid eines Spielodisten

  1. Ooooh die Siedler! Vielleicht auch noch… Risiko? Monopoly? Cluedo? Will auch mal wieder einen Spieleabend machen!

  2. Hach. Ich hasse Spiele-Abende! Aus genau den Gründen! Hach.

  3. Ich habe den grandiosen 😉 Plan, meine Schüler auf der Klassenfahrt zu einem Spieleabend zu zwingen. Dafür habe ich ein Roulette und Unmengen Jetons gekauft und die Jungs bringen ihre Pokerkarten mit. Mal schauen, was wird…

  4. DANKE! Ich bin nicht allein! Darf ich bei Frau Kesro und Ihnen in der Spielodistenecke mitstehen und ein gepflegtes Gespräch mit Ihnen führen?

    Ich sag ja immer, wenn man mich zu Spieleabenden versucht einzuladen: Nein danke, ich spiele nur mit Menschen. Dann hat sich’s mit einem Versuch meist erledigt.

  5. Ich finde es kommt auf’s Spiel an. Bei meiner letzten Fortbildung haben wir Abend für Abend „Die Werwölfe von Düsterwald“ gespielt. Dabei kann nun wirklich kein Gespräch entstehen- das heißt: Es MUSS ein Gespräch, ja eine Diskussion entstehen. Wenn da nun 13 Sozialarbeiter_innen diskutieren müssen… gut. Aber wie auch immer, am letzten Tag in der Abschlussreflektion hatte ich das Gefühl meine Kolleg_innen besser zu kennen, als das auf jeder anderen mehrtägigen Gruppenveranstaltung möglich gewesen wäre. Und das, obwohl ich noch nichtmals weiß, ob xy Kinder hat, oder Single ist. Ich kenne niemandes Musikgeschmack, aber ich weiß wie sie taktieren, wie gut sie lügen (oder auch nicht…) etc… Also, kann auch beziehungsfördernd sein so ein Spiel oder?
    Nicht zu vergessen: Ernste GEspräche. Krisenhaftes ansprechen- auch in meinem Job. Ich bin tatsächlich eine der Jugendamtstanten, die kleine Fingerhandpuppen (besonders beliebt- KRA die Krähe), Bauklötze etc mitbringt. Und zur Not tuts Mau Mau oder Mensch ärger dich nicht. Schaut man auf ein Spielbrett, ist es so viel einfacher gefragt zu werden: Wie is’n das bei euch zu Hause. Haut deine Mama dich? Und es ist soviel einfacher an ein: „hm ja“ ein „du bist dran.“ anzufügen.

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