Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vermackt

Ein Kommentar

Der Bekannte ist ein wenig enttäuscht. Er wollte wissen, was ich – als Frau – von ihm halten würde. Ob er eine gute Partie sei, so wie er sei. Ob er sich ändern müsse. Ob er seine Prioritäten anders setzen solle. Ich sah ihn an, leicht erfreut darüber, dass er meine Meinung doch scheinbar schätzte. Und deswegen wollte ich ehrlich sein. Nun weiß ich: Ehrlichkeit zieht einen Schlangenschwanz an Unannehmlichkeiten nach sich. Ich hätte sagen sollen: „Du bist toll, so wie Du bist.“ Aber ich, ich sagte: „Naja, du bist schon ein wenig vermackt.“

Der Bekannte ist ein paar Jahre älter als ich. Und wenn ich ehrlich bin: Ab 27 Jahren haben wir doch alle unsere tief verwurzelten Macken, wir sind eben – vermackt. Wir haben Narben auf dem Herzen und auf der Seele, Narben auf den Knien und den Armen vom ständigen auf die Schnauze fallen und blaue Flecke und rote Flecke am Hintern vom vielen in-die-Nesseln-setzen.

Und wenn wir dann jemanden kennen lernen, dann haben wir eben nicht nur die Katze auf unserem Sofa und den angesprungenen Becher vom letzten Streit in der Wohnung, wir haben eben auch Ballast. Bindungsängste, eine bestimmte Anordnung unserer Duschgele auf dem Duschwannenrand, eine Abneigung gegen knallrote Handtücher und die feste Überzeugung, dass der Salbeitee immer auf der Dose für den Frühstückskaffee liegen muss.

Wir sind eben keine 16 Jahre alt mehr, wo man die Freitagnacht und die Sonnabendnacht zum Tag macht, ohne Rücksicht auf die acht Stunden Schule am Montag. Wir lassen nicht mehr jeden an uns ran, geben nicht mehr jedem unsere Telefonnummer und springen nicht mehr jedem um den Hals.

Und auch der Bekannte ist eben – vermackt. Es ist eigentlich gar keine Wertung dahinter. Er jedoch, er wertete es als Angriff auf seine Persönlichkeit. Auf seine Überzeugungen, seine leidenschaftlichen Rauchpausen. Ich hatte einen Fehler gemacht. Ich hätte eben einfach sagen sollen: „Du bist toll so wie Du bist – aber für mich wärest Du nichts.“

Denn: Auch wenn wir Macken haben, wir suchen uns dann doch gerne den Gegenüber, der zumindest ein wenig an unsere Ticks heranreicht. Der die selben Dinge mag, verabscheut und schätzt. Die kultivierte Wortsensibilität vielleicht. Die Liebe zur selbst gewählten Einsamkeit, zu dem Gefühl, dass man nun drei Stunden auf dem Sofa sitzen muss, in Stille. Ohne ein Wort. Alleine.

Der Bekannte aber, der konnte das irgendwie so nicht stehen lassen. Ob er sich denn nun ändern solle, fragte er und brachte den Todesspruch: „Vielleicht bin ich eben ein Wok – für mich gibt es keinen Deckel.“ Seine Macke: Die Liebe zu Phrasen und zu Gruppennamen aus dem Studivz.

Macken, versuchte ich ihm zu erklären und ich wurde schon leicht angenervt, spürte, wie meine Beine vor Ungeduld zuckten, seien doch das, was uns ausmachen würden. Und es sei doch kein schlimmes Wort, nur eine Umschreibung für besondere Eigenschaften und wunderliche Gewohnheiten, die sich im Laufe eines Lebens eben entwickeln. Und der eine Mensch, sei eben weniger vermackt als ein anderer. Ob das nun schlecht oder gut sei – das sei doch auch irgendwie eine persönliche Sache. Er sah mich und spielte mit seinem Feuerzeug.

Ich beschloss nach diesem anstrengenden Gespräch, das Wort vermackt nicht mehr zu verwenden. Andere Umschreibungen sollen fortan über den Beigeschmack der Wunderlichkeit hinwegtäuschen: „Du hast Deinen Stil gefunden“ werde ich das nächste mal sagen – das klingt nach coolem Modeblog und Selbstfindung. Und auf meine Macken angesprochen (sollte das jemals passieren) sage ich: „Meine Persönlichkeit schlägt zuweilen Kapriolen.“

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Ein Kommentar zu “Vermackt

  1. Oh, das finde ich gut, das mit den Kapriolen.
    Und ich kann meine Macken nicht mehr zählen. Zuweilen schwankt die Anzahl.

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