Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Welt auf Zucker

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„Die Welt ist süß“ stand auf der Zuckerverpackung, die ich für meine Kollegin beim Bäcker des Zweifels bekam. Ich nahm dieses kleine blassbraune Röhrchen in die Hand, drehte und wendete es und wunderte mich ein wenig. Noch nie hat mir jemand gesagt, dass die Welt süß ist. Schlecht vielleicht, ja. Bei Hormonschüben auch mal: Gut. Oder: ein Jammertal. Aber süß?

Einer meiner größten Makel ist, dass ich diese Dinge hinterfrage. Ich kann die Zuckertüte nicht einfach nach oben in das Redaktionsbüro transportieren und meiner Kollegin den Kaffee nebst Zuckertütchen hinlegen. Und so dachte ich darüber nach, ob die Welt süß ist. Und was sie ist, wenn sie es nicht ist: süß, also Zucker.

Ich kann dieses Wort ja ohnehin nicht gut leiden. Süß. Als Eigenbeschreibung lehne ich es bekanntermaßen wie „verrückt“ komplett ab. Menschen, die sich trotzdem diese Label gehen, fallen gnadenlos durch mein Aufmerksamkeitsschema. Sie könnten vom Blitz getroffen werden und ich würde sie wahrscheinlich nicht einmal als Brikett wahrnehmen.

Also kann die Welt nicht süß sein. Weil ich sie wahrnehme. Meistens sogar zu sehr. Wenn ich bierbeseelt im Bett liege und ich genau spüre, wie die Welt sich durch das Weltall dreht – mit Geschwindigkeiten, die dafür sorgen, dass mein Magen sich an das Frühstück erinnert. Oder wenn ich wieder irgendwo gegen laufe. Weil der Baum schon vor 100 Jahren gewachsen ist, meine entrückte Gedankenwelt mich aber zeitlos werden lässt. Gerade noch in erkenntnisreicher Meditation, nun schon vor dem Baum.

Ohnehin scheint mir die Welt weitaus komplexer zu sein, als ein Päckchen Zucker vom Bäcker des Zweifels. Der zwar pünktlich zu EHEC seine Gurken-Frischkäse-Brötchen aus dem Programm genommen hat, ansonsten aber über keinerlei Zweifel erhaben ist. Wobei eben festzustellen ist: süß ist die Welt nicht. Selbst wenn man den Zucker in den Kaffee rührt und noch etwas russische Kondensmilch nimmt: auch dann hat der Zucker noch nicht genug Komplexität.

Die Zusammensetzung des Kaffees würde ich nämlich vielleicht noch verstehen. Ein Chemiker würde mich beiseite nehmen (es müsste allerdings ein Chemiker mit viel Geduld sein) und mir sagen, was da passiert ist. Warum sich Dinge aufgelöst haben (der Zucker), warum der Kaffee seine Farbe verändert hat (von schwarz zu ekel-braun), warum das nun anders schmeckt (nicht mehr bitter, sondern süß). Nach vielleicht einer Woche hätte ich es verstanden. Nun, andere brauchen vielleicht nur fünf Minuten dafür. Meine geistigen Kapazitäten reichen dafür nicht aus – oder anders: ich nutze meine Ressourcen gewinnbringender und zerdenke das Leben.

Nun: die Welt verstehe ich nicht. Nicht in Ansätzen. Ich habe so viele Fragen zu der Welten Gang, dass ich drei Leben bräuchte, um sie zu stellen. Und am Ende meiner drei Leben, die ich mit reden, mich winden, mich zerfleischen, mit quälenden Zerdenkungen verbringen würde, sähe mich die Welt mit ihren strahlendblauen Ozeanen an und würde einfach nur „42“ gurgeln. Dazu würde mir ein Vulkan Asche ins Gesicht pusten, der mir so sagt: „Blöde Fragen, echt!“

Ich bin ja keine Philosophin. Ein Philosoph könnte mir nun sagen, was die Welt ist. Gut vielleicht. Schlecht. Wie ein Blatt Löwenzahn. Wie ein gutes Fußballspiel. Wie ein schlechtes Fußballspiel. Oder wie eine komplexe Abfolge von Stadien der Erkenntnis, Selbsterkenntnis und Selbstzerstörung (eine unweigerliche Folge der Selbsterkenntnis). Ziemlich sicher würde er mir allerdings sagen, dass die Welt nicht süß ist. Da bin ich mir sehr sicher. Wirklich: sehr.

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