Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ullzilla gegen die Welt

7 Kommentare

Ich habe ja vor nichts Angst. Ich bin so etwas wie Ullzilla, eine Mischung aus Godzilla, Destoroyah und – äh – mir. Trampelnd laufe ich durch die Welt, einfach zu groß und zu breit, um irgendetwas nicht kaputt machen zu können. Wenn man vor irgendetwas Angst haben muss, dann vor mir. Dachte ich. Ich bin der weibliche Chuck Norris. Ohne Roundhouse-Kick, dafür mit Ungeschick-kick.

Wobei: So ganz stimmt das natürlich nicht. Ich habe sogar vor ziemlich vielen Dingen Angst, begegne ihnen aber mit Godzilla-artiger Schlagkraft. Zur Not wird der Clown (ich hasse Clowns!) eben ignoriert, das merkwürdige Geräusch auf dem Balkon auch einfach überhört und mit der einen Hand nach der Strumpfhose in meiner Schublade gegriffen. Hände hoch, sie hat eine Strumpfhose! Wer dann nicht flüchtet, ist selber schuld. Wobei auch hier natürlich die beste Waffe die Ignoranz ist – Decke über den Kopf ziehen und so tun, als würde man tief und fest schlafen: dann sind die Geräusche auch nicht da und der Einbrecher (oder wie der Bruder als Kind immer sagte: Einverbrecher) ist getäuscht. Ullzilla täuscht sie alle – am besten sich selbst.

Gespielte Angst kann aber ja auch eine gute Waffe sein. Wir erinnern uns an die furchtbaren Bambi-Frauen? Die produzieren sich ja mit ihren gespielten Ängsten. Besser: Sie definieren sich über ihre Ängste.

Gestern beispielsweise. Ich befand mich auf dem Rückweg von der Arbeit, hatte im Supermarkt noch eingekauft, und konnte es kaum erwarten, meine verschwitzten Füße von mir zu strecken und den Sommer mit einem Glas kalten Wassers in der Hand zu verfluchen. Innigst. Mühsam schleppte ich mich mit meinen Einkäufen die Straße hoch, als ich neben mir ein Kreischen vernahm. „Aaaah“ machte es. Und noch einmal „Aaaah“. Ich drehte meinen Kopf und sah Sachsen-Bambi. Weiße Leggins, Gummi-Sommer-Stiefel und pinkes Top. „Aaaah“ machte es noch einmal. Ihr Freund – nicht viel dezenter als sie gekleidet – nahm ihre Hand.

„Was ist Schatz?“, fragte er aufmerksam-genervt. „Ein Schmetterling!“ rief sie und zeigte mit ihren künstlichen Krallen (natürlich! Wie hätte es auch anders sein sollen!) in die Luft. Da war nichts. Das sah auch ihr Freund, der ihr auf leicht abschätzige Art den in der zu kleinen Leggings eingequetschten Hintern tätschelte. „Schatz, da ist nichts“, sagte er und tätschelte noch einmal. Ich verlangsamte mein Nach-Hause-geh-Tempo. Das Fluchen auf den Sommer hatte ja noch den ganzen Sommer Zeit.

„Dohoch“ kreischte sie und zeigte wieder in die Luft. Die Straße, an der wir gerade liefen, ist – nebenbei bemerkt – ein vielbefahrenes Ding, ein Verkehrsmoloch-Monster, da überlebt nicht einmal eine Kakerlake mit Ullzilla-mäßigem Überlebenswillen. Er sah in die Luft, ich sah fasziniert in die Luft, sie sah panisch in die Luft. Er tätschelte ihr den Hintern noch einmal: „Da ist echt nichts“, sagte er. „Du verstehst mich einfach nicht“, sagte sie und schob ihre Unterlippe trotzig vor.

Da trennten sich leider unsere Wege. Ich überquerte die Straße in Richtung Wem-es-zu-wohl-is-der-zieht-nach-Gohlis-(Mitte), das Paar bog aber in Richtung keine-Ahnung-da-stehen-nur-hässliche-Häuser. Ich sah noch einmal in den Himmel: kein Schmetterling.

Zum einen mag ich Schmetterlinge. Nun, sie müssen sich nicht unbedingt in meinen Arm kuscheln. Vielleicht mag ich auch eher die Vorstellung von Schmetterlingen. Aber – zum anderen -warum bekommt man denn Angst vor Schmetterlingen? Und warum muss man nicht nur seinen Freund mit dieser Paranoia in Aufregung versetzen, sondern auch mich?

Ich habe ja eine Theorie. Und die in letzter Zeit arg gebeutelten Männer werden sich nun freuen, dass die Frauen es diesmal abbekommen: Die meisten Frauen haben Ängste nur, damit sie beschützt werden – diese meine Theorie ist nicht neu. Im Prinzip ist sie eine der Grundlagen meines Blogs. Angst vor der Mücke am Glas: Schon kann der Kellner mit dem Knackarsch sie retten. Angst vor Dunkelheit: Zu zweit ist es überall gleich viel netter. Spinne: Endlich ein Grund, den Nachbarn nachts aus dem Bett zu klingeln und ihn vollzuweinen und sich nach vollbrachter Heldenleistung seinerseits trösten zu lassen. Bei mir: Die Mücke wird mit dem Finger rausgeschnippt, im Dunkeln schlafe ich und die Spinne wird so lange mit Haarspray eingesprüht, bis sie für meine Ur-Ur-Ur-Enkel noch konserviert ist.

Und die Weiterentwicklung der Theorie ist auch keine Neuheit: Bambi-Ängste sind dafür da, damit Dumbo-Männer sich toll fühlen können. Als Helden. „Wir sind Helden“ können sie dann singen und Chuck Norris lobpreisen.

Vielleicht – habe ich mir überlegt – probiere ich das mal aus. Nicht mehr Ullzilla sein, sondern Ullwittchen. Ein bisschen Angst hier, ein bisschen Angst da (Bindungsangst fällt übrigens – und das nur nebenbei – nicht unter Angst, sondern unter: sinnvolle Charaktereigenschaft, die Unglück von mir abhält): mal sehen, ob mir das einer abkauft. Gleich morgen stelle ich mich mitten auf die Straße und schreie „Aaah, eine Straßenbahn!“ Wir dürfen gespannt sein, was passiert.

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7 Kommentare zu “Ullzilla gegen die Welt

  1. Eine gute Freundin von mir hat auch panische Angst vor Schmetterlingen. Was der Hintergrund dieser Sache ist, verstehe ich allerdings auch nicht!
    Allerdings muss ich zu ihrer Verteidigung auch noch sagen, eine BAMBI-Frau ist sie definitiv nicht!

    Ach ja, … Spinnen gehören in den Staubsauger. 🙂

  2. Diese Geschichten wurden mir auch schon öfter erzählt. Ich lasse den Staubsauger nach dem „Spinne aufsaugen“ immer noch ein paar Sekunden oder auch Minuten 🙂 laufen. Und bisher sind mir selbst die ganz dicken nie wieder begegnet. Das hätte ich gemerkt. 😉

    Außerdem habe ich mal einen Bericht gesehen, in dem das ausprobiert wurde. Bei dem Test, ob da noch was lebendig ist, sind alle Spinnen durchgefallen. Das liegt wohl daran, dass deren Körper die Saugkraft eines Staubsaugers nicht aushalten können. Eklig zu sehen, aber die Neugier hat gesiegt… 😉

  3. Huch, wo ist mein zweiter Kommentar denn hin… ???

  4. Ich möchte unbedingt einen detaillierten Bericht über die Reaktionen auf „Ahhh, eine Straßenbahn!“ 🙂
    Da diese Dinger jedes Mal versuchen mich zu überfahren, bin ich bei denen ja auch etwas skeptisch. Aber da begegne ich ich ihnen genau wie du mit Ignoranz. Auf Schienen läuft es sich einfach am bequemsten, da ist immer so viel Platz!

    Ansonsten bitte ich höflichst um Erlaubnis deine Definiton von „Bindungsangst“ als „sinnvolle Charaktereigenschaft“ in Zukunft oft und gerne zitieren zu dürfen. Hat mir letztes Wochenende, umgeben von 6 glücklichen Pärchen, echt gefehlt…*g*

  5. natürlich darfst du es benutzen! trag die worte der prophetin in die welt hinaus!

    uund: heute kurz geschrien „ah, eine straßenbahn“. es hat niemanden interessiert. mir fehlte einfach die weiße hose… echt!

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