Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Diagnose: Zwinker-Paranoia

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Vor einigen Wochen saß ich in der Tram (schon wieder der Nahverkehr! Was habe ich getan, als ich noch mit dem Auto zur Arbeit gefahren bin?). Ich starrte von meinem Platz aus dem Fenster, als sich ein junger Mann neben mir setzte. Und weil ich das Landei in mir nicht ausschalten kann, lächelte ich ihm zu. Wenn man schon so dicht aneinander sitzt, dann kann man auch lächeln. Finde ich. Als ich mich dann an meiner Ausstiegshaltestelle an ihm vorbeischob und „danke“ sagte, zwinkerte er mir zu. Ich war verwirrt.

Aufmerksamkeitsbekundungen aller Art machen mich ohnehin verlegen. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. In meinem Kopf öffnet sich sofort eine Excel-Tabelle mit merkwürdige Spalten. Mit einem komplizierten Algorithmus (den ich selber nicht im geringsten verstehe) wird diskutiert und erarbeitet, ob die Aufmerksamkeitsbekundung nun nett/ironisch/verachtend/verarschend gemeint ist. Dabei haben die Wörter in sich noch diverseste Abstufungen. Ich erspare dies dem geneigten Leser. Es macht nur traurig. Wirklich.

Also: Der Mann zwinkerte mir zu. Und anstatt mich zu freuen – denn wer wird am Morgen schon angezwinkert? -, sah ich ihn böse an. Da war er verwirrt. Aber wir hatten noch kein Wort gewechselt, ich musste aussteigen – und in dieser Stadt leben 520.000 Menschen. Wie groß ist also die Gefahr, dass ich ihn wiedersehe und er sich an die merkwürdige Bahn-Zwinker-Bekanntschaft erinnert? Nicht sehr groß. Hoffe ich.

Ich finde zwinkern merkwürdig. Von allen Aufmerksamkeitsbekundungen ist sie für mich die mysteriöseste. Was bedeutet das Zwinkern genau? In meinem Kopf geht sofort ein Blinklicht an, das mir sagt: „Männer, die zwinkern, nehmen Dich nicht ernst.“ Ich bin der festen Überzeugung: Wenn ein Mann mich anzwinkert, kann er mich nicht toll finden.

Dabei gibt es doch weitaus schlimmere Gesten. Das milde-Handauflegen beispielsweise. Diese beliebte Geste, wenn ich mich über Fußball ereifere und Männer, die mich noch nicht richtig kennen oder einfach doof sind, mir ihre Hand auf den Arm auflegen, dabei tief einatmen und sagen: „Ach, Ulrike.“ Ist schon passiert. Da fühlt man (also ich) sich doch sofort wie geistig zurückgeblieben und nicht ernst genommen.

Oder das breite-Brust-zurücklehnen. Als hätten sie diese unsägliche Fußball-Phrase geradezu verschluckt, lehnen sich einige Männer im Gespräch zurück, spannen ihre Schultern nach hinten, atmen auch hier tief ein (scheinbar ein evolutionär bedingter Reflex, wenn man Verachtung ausdrücken möchte), mustern einen mehr als abfällig (so als wäre man der neue Stürmer bei seinem Lieblingsfußballverein, dessen Verpflichtung man aber bisher nicht im geringsten nachvollziehen kann) und sagen etwas. Es kann auch sein „Der Himmel ist blau“ und ich denke sofort „Jetzt darf ich nicht sagen, dass ich vorhin schon eine Wolke gesehen habe“.

Wenn Luhmann (oder Ika) sagt, dass Kommunikation unwahrscheinlich ist, dann hat er mich wahrscheinlich beim Tramfahren beobachtet. Oder beim Umgang mit zwinkernden Männern. Wobei Luhmann wahrscheinlich eher damit beschäftigt war, kleine Schmierzettel nach einem ebenfalls unverständlichen Algorithmus in Fächer einzusortieren.

Zurück zum Zwinkern. Warum tun Männer das also? Ich bin noch nie von einer Frau angezwinkert worden und wüsste es wahrscheinlich noch viel weniger zu deuten. Beinahe möchte ich behaupten, dass ich eine Zwinker-Paranoia habe. Wenn ich einen Mann toll finde und er zwinkert mir zu – dann merke ich körperlich, wie mein Herz bricht. Weil das Zwinkern für mich das eindeutige Signal ist, dass er mich nicht nur für völlig derangiert hält, sondern auch für intellektuell anspruchslos. Ordinär vielleicht.

Im Fall der Tram-Begegnung war ich auf dem Gehweg zur Arbeit dann übrigens der festen Überzeugung, mir klebe ein Batzen Zahnpasta an der Wange. Ich war froh, als ich im leeren Fahrstuhl hoch in die Redaktion stand und mein Äußeres überprüfte. Keine Zahnpasta auf der Wange, keine Haarsträhne mit Kaugummi verklebt – und auch meine Brüste waren an Ort und Stelle. Klopapier hing mir auch nicht aus der Strumpfhose, ebenfalls hatte ich nicht vergessen, meinen Rock zur Strumpfhose anzuziehen (passiert hier in Leipzig eigenen Beobachtungen nach sehr oft).

Vielleicht, sagte ich mir dann auf dem Weg zu meinem Schreibtisch, war der Tram-Mitfahrer aber ja auch einfach ein Landei. Wie ich. Und hatte eine Maulsperre, weshalb er nicht lächeln konnte. Und in der Not zwinkerte er einfach.

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8 Kommentare zu “Diagnose: Zwinker-Paranoia

  1. Wahrscheinlich war es nur ein zurück gezwinkertes „bitte“ und du machst die Sache viel zu kompliziert (auf den zwinkernden Smiley verzichte ich mal besser…)

  2. Interessant ist, dass du nur darüber nachdenkst, was der Mann mit dem Zwinkern über dich aussagen wollte. Zweifelsohne ist Zwinkern eine mysteriöse Form der Reaktion. Da gebe ich dir schon Recht. Aber anders betrachtet: was sagt es über IHN aus, dass er zwinkerte. Für mich bleiben drei Möglichkeiten:

    1.) Er wollte dich damit wirklich gering schätzen. Dann kann es dir egal sein. Er ist ein Arsch.
    2.) Er fand es cool. Das sollte dir tatsächlich egal sein. Er ist ein Trottel
    3.) Er fand es lustig. Das muss dir egal sein. Wenn er lustig genug zum zwinkern wäre, hätte er direkt was anderes noch lustigeres gemacht wie ein netter Spruch oder so.

    So oder so: Das Zwinkern sagt nichts über dich, aber viel über ihn aus. Und keine der Alternativen ist rosig 🙂

    • das beruhigt mich. irgendwie. vielleicht sollte ich beim nächsten zwinkernden mann einfach einen zettel mit den drei obigen alternativen dabei haben. den halte ich dem mann dann einfach vorbei und sage: „kreuze an, du looser.“ und dann zwinkere ich?!

  3. mmh, also ich kann verstehen, dass dich das zwinkern verunsichert hat. ich kann das auch nie so richtig einordnen, was die leute damit bezwecken. mal davon abgesehen, dass die absichten tatsächlich sehr unterschiedlicher natur sein können, deshalb ist das mit dem zwinkern ja so mysteriös. aber du musst das einfach als eine freundlichkeitsbezeugung hinnehmen, so würde ich es tun (in meiner manchmal grenzenlosen naivität) 😉

  4. ich finde zwinkern auch mysteriös und kann mich nicht erinnern, es außerhalb des internets oder beim catwalk von geramny’s next topmodel jemals gesehen zu haben. vielleicht habe ich es aber auch verdrängt. martins erklärung finde ich sehr sinnig!

  5. hey thatgirlthere, ich fand deinen Text sehr amüsant und mag deinen Schreibstil sehr. Da es mir mit dem Zwinkern oft genauso geht und ich mich frage, was will er damit jetzt sagen, habe ich mich sehr reinversetzen können 🙂

    • das freut mich sehr! das zwinkern ist aber gemeinhin eine fiese sache – ich habe nun im umkreis von fünf meter um mich herum ein „zwinkerverbot“ erlassen. leider hält sich keiner daran!

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