Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Mit dem jungen Kopf in der Kloschüssel

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Eigentlich hätte es gestern Abend nur ein Bier werden sollen. Nur ein Kleines, nach der Arbeit. Denn wenn wir unten aus dem Gebäude rauskommen, in dem wir arbeiten, dann stehen da gleich die Stühle der Kneipe. Wir müssen uns nur noch fallen und das kühle Bier unseren Rachen hinunterrinnen lassen. Es ist eine Freude. Nun, manchmal bleibt es nicht nur bei einem Bier. Im gestrigen Fall gab die Rechnung eine weitaus höhere Bierzahl wieder, als ich mir gemerkt hatte.

Früher – als wir noch jung waren und Erdanziehungskraft nur ein Wort war – da sagte man nach solchen Abenden Dinge wie „Uah, da haben wir aber viel getrunken“. Wir verglichen die Ausfallerscheinungen, die dem Kater immanent sind. Kopfschmerzen waren nicht nur Kopfschmerzen. Sie waren Gradmesser für unsere Coolness, für unseren Willen, Herr über den Alkohol zu werden. Früher war alles anders. Früher ist noch gar nicht lange her.

Heute, zehn Jahre später und mit einem Zeh im Altersheim, sieht das ganz anders aus. „Nein, mir geht es nicht schlecht“, versichert man sich nun gegenseitig. Die Kopfschmerzen haben was mit dem in den kommenden Monaten drohenden Wetterumschwung zu tun, die leichte Übelkeit muss wohl stressbedingt sein.

Das hat was mit erwachsener Coolness zu tun. Weil wir viele Dinge gewohnt sind, dürfen wir uns darüber nicht freuen/ärgern – oder sollten zumindest nicht mehr darüber kommunizieren. „Wir sind nun groß“, sagen wir: „Da ziemt es sich nicht mehr, wie mit 18 Jahren mit anderen um den schlimmsten Kater wettzueifern.“

Und während es mit 16 Jahren irgendwie noch echt lässig war, den Freund mit einem Knutschfleck zu brandmarken, ist das jetzt doch irgendwie peinlich. Wobei, ich korrigiere: Knutschflecke fand ich persönlich schon immer peinlich. Eben wegen dem brandmarken. Aber genug andere Leute fanden das super. Ich erinnere mich an eine Freundin, die ihren Freund regelrecht ans Bett gefesselt hat, um alle vier Tage den Fleck zu erneuern. Die zwei sind angeblich immer noch zusammen – ich sollte mal herausfinden, ob er immer noch als Besitz gekennzeichnet wird.

Früher auch beliebt: die Nacht durchmachen. Fand ich irgendwie cool. Vor allem, wenn man erzählte: „Um fünf nach Hause, geduscht und dann zur Arbeit“ (der Nebenjob). Heute schlage ich meine Hand an den Kopf und frage mich, wie ich Schlaf nur so wenig abgewinnen konnte. Schlaf ist so toll. Man muss dabei keine Verantwortung tragen und im Traum erscheinen einem Männer, die kochen können. Man sollte den ganzen Tag schlafen.

Zurück zum veränderten Kater-Verhältnis. Ich erinnere mich, wie mein kleiner Bruder, noch mit dem Kopf in der Kloschüssel, in die er gerade all das getrunkene Bier nebst Döner wiederkäute, sein Handy nahm und schrieb: „Geiler Abend, kotze gerade.“ Und auch ich erinnere mich an eine Episode in meinem Leben, als ich mehrmaliges Übergeben als Sieg feierte – nicht als Niederlage.

Heute würde ich keinem mehr erzählen, dass ich mich vom Alkohol übergeben habe. Nun, das ist auch schon seit Jahren nicht mehr passiert. Ich empfinde es auch gar nicht mehr als erstrebenswert, mit dem Kopf in der Kloschüssel den Abend/die Nacht zu beschließen. Zu Vor-Studenten-Zeiten (und während des Studiums) war das Ziel mancher Nacht. Ich frage mich: Warum nur?

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