Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Schlampenschlacht/Der Füße Unglück

9 Kommentare

Ich fahre gerne im/mit dem Nahverkehr. Wenn die Häuser an mir vorbeiziehen und ich Menschen beobachten kann – dann ruhe ich völlig in mir selbst. Nicht immer ertrage ich diese geballte Portion Menschlichkeit, aber meistens. Und wofür wurden MP3-Player erfunden? Sicherlich nicht, um damit in erster Linie Musik zu hören, sondern um störende Geräusche ausblenden zu können. Aber rund 51 Prozent der Zeit liebe ich es, den Menschen zuzusehen. Wie sie beispielsweise ganz schlimm beschäftigt tun, wenn sie in die Tram (so heißt die Straßenbahn hier) steigen und immer irgendwie wichtig tun – sich durch die Haare steigen, einen Blick auf das Mobiltelefon werfen oder den Sitz der Kopfhörer korrigieren. Kaum einer steigt einfach so ein, lässig und desinteressiert.

Aber was die Menschen in der Tram tun, ist natürlich noch viel interessanter. Und manchmal dann doch etwas – nunja – gewöhnungsbedürftig. Gerade wenn die Menschen in der muckeligen Bahn vergessen, dass sie sich im öffentlichen Raum befinden – und privateste Gespräche führen.

Heute beispielsweise. Da sitzt ein Mann hinter mir und bespricht mit breitesten sächsischen Worten ein Beziehungsdilemma. Ein Dreiergespann. Der Maik/MIke hat nämlich eine Freundin. Die Doris. Und noch eine Freundin – oder eine Geliebte. Den genauen Status wusste der MItreisende in der Tram nicht. Zumindest nannte er die zweite aber durchgehend „Schlampe“ (Ich war bei Bushido. Ich habe keine Angst mehr vor solchen Kraftausdrücken). Gut. Doris hat nun von „Schlampe“ erfahren – und sie hasst „Schlampe“ ohnehin. Weil „Schlampe“ nämlich „so eine richtige N**** ist“. Sagt der Mann in der Tram. Irgendwas wurde daraufhin am anderen Ende der Leitung gesagt. Leider hatte er seine Freisprechdingens nicht an, sonst wäre ich ganz im Bilde – vielleicht hätte ich ihn darum bitten sollen. Aber man muss es ja nicht übertreiben. Bevor aber aufgelegt wurde, sagte der Mann hinter mir noch: „Das wird so geil, wenn die sich prügeln, die Schlampen.“ Auch Doris war zur Schlampe geworden.

Es war wunderbar. Ich versteckte meine Neugier gar nicht, sondern lehnte meinen Kopf ein wenig nach hinten, um jedes Wort verstehen zu können. Neugier ist eine Tugend.

Aber die anderen Fahrgäste hatten da schon mehr Mühe. Der Frau neben mir sah man die Qualen beinahe an. Sie hatte ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, aber blätterte über mehrere Minuten einfach nicht um, immer wieder versuchte sie sich auf die gedruckten Buchstaben zu konzentrieren – aber die gesprochenen Worte waren einfach zu sehr da. Eine andere Frau versuchte krampfhaft so zu tun, als würde sie nicht zuhören und sah angestrengt aus dem Fenster. Dabei wurde die Unterhaltung in einer Lautstärke geführt – da hätte selbst Ohropax nichts gebracht. Ich denke mir dann ja immer: Warum sich quälen, wenn zuhören doch solch eine Freude ist?

Natürlich: Mich macht es ein wenig traurig, dass ich nicht erfahre, was aus Maik/Mike, Doris und „Schlampe“ wird. Vielleicht werden sie ein Dreiergespann, vielleicht kommt es auch wirklich zu der Schlägerei, bei der sich Doris und „Schlampe“ mit Matsch einreiben, während Maik/Mike geifernd daneben steht. Vielleicht, vielleicht…

Aber diese menschlichen Begegnungen in der Bahn sollte man nehmen, wie sie kommen: andere kaufen sich einen Fernseher, bezahlen Unsummen für einen Kabelanbieter – ich habe das kostenlos. Unterschichten-TV live auffer Schiene. Sensationell.

Gestern beispielsweise (nein, ich erlebe nicht täglich spektakuläre Dinge in der Tram. Dafür wohne ich einfach im falschen Stadtteil Leipzigs) sah ich die Frau mit der Hornhaut. Erst roch ich nur etwas, dann sah ich es: Die Riemen der Flipflops gruben sich beinahe in die Hornhaut, die einem Pferdehuf zur Ehre gereicht hätte. Ich musste würgen, freute mich aber am Abend umso mehr über meine hornhautbefreiten Füße. Ich hasse Füße ohnehin und sie sehen zu müssen, bereitet mir Übelkeit. Aber zu wissen, dass ich nicht so hässliche Füße habe, wie die Frau in der Tram: unbezahlbar.

Ich persönlich hätte mich ja gar nicht getraut, mit den Füßen überhaupt Flipflops zu tragen: Wobei: Selbst mit den makellosesten Füßen der Welt würde ich keine Flipflops tragen. Dieses „PlatschPlatsch“ beim Auftreten, das „Schfffsch“, das die schwitzenden Fußballen verrät – und dann noch diese Farben, die die meisten Flipflops haben: Orange-Rosa, Grün-Aquamarin, Rot-Lila. Welche Kleidung soll man denn dazu anziehen, um nicht völlig Out-of-Order zu wirken? Es läuft darauf hinaus, dass man das Aussehen eines Papageis erhält – und das Unglück hat dann an den Füßen begonnen.

Ohnehin beginnt ja viel Unglück an den Füßen. Weshalb ich Füße auch für überbewertet halte. Nicht, dass ich mich nicht freue, Füße zu haben (Fußballgott bewahre!), aber mir scheinen sie evolutionär noch nicht ausgereift: Warum stinken Füße beispielsweise? Sollen sie Feinde verjagen? Aber warum stinken sie auch dann, wenn man an einen süßen Typen mit nach Hause gebracht hat und seine Plastik-Tanzschuhe auszieht? Ist der Geruch auch gleichzeitig ein Verhütungsmittel? Und warum tun Füße weh, wenn man viel gelaufen ist? Der Körper soll sich doch daran erfreuen, dass wir ihn durch die unzähligen Geschäfte dieser Stadt schieben, um ihm ein neues Aussehen zu verleihen – und dann streiken die Füße, werden platt, heiß und schmerzen. Sinnvolle Evolution erscheint mir anders.

Um den Bogen zurück zur Tram zu schlagen: Interessante Dinge lernt man dort, Theorien werden entwickelt. Und vielleicht treffe ich ja bald zwei Frauen mit blauen Gesichtern. Die frage ich dann, ob sie „Schlampe“ und Doris sind.

Advertisements

9 Kommentare zu “Schlampenschlacht/Der Füße Unglück

  1. Meine FlipFlops sind schwarz — passen zu allem. Und ich besitze eine reichhaltige Auswahl von Fußpflegeprodukten fürs hornhautfreie Durch-die-Gegend-PlatschPlatschen. Geht das in Ordnung? 🙂

  2. „Sollen Sie Feinde verjagen?“ 😀

    Du bisset!

  3. ich habe braune flipflops mit lederriemen, schwarze mit bastsohle und natürlich bunte als badelatschen. allerdings ist es meist zu kalt, um den fuß so frei zu schwigen. okay, außer in öffentlichen duschanlagen, aber das ist ja eine ganz andere sache.

    plastikschuhe sollte man einfach nicht anziehen, dann gibt’s auch keine müffelfüße. in flipflops ja auch nicht.

  4. Haben wir als Soziolgoen nicht „Neugier“ studiert? Natürlich ist es eine Tugend und eine Wissenschaft gleich noch dazu*g*
    Und in öffentlichen Verkehrsmitteln, hach, da macht das Soziologenherz doch immer einen kleinen Sprung…Ich hatte in München jeden Tag lustigste Geschichten in der Tram. Hab zwar im dafür „falschen“ Stadtteil gewohnt, wie du es so schön betitelst, musste aber zur Arbeit immer durch diverse davon durch 🙂

  5. So, mal ein älteren Beitrag kommentieren 😀
    Ich persönlich fahre auch gern mal mit dem ÖPNV, allerdings nur, wenn nicht so viele Leute unterwegs sind. Leute in der Straßenbahn oder im Zug beobachte ich auch gern bzw. lausche (gezwungenermaßen) ihren Telefonaten oder Unterhaltungen. Vieles möchte man aber einfach nicht hören. Oder sehen. Wenn mein elefon klingelt, steig ich meistens aus, sofern es die Zeit zulässt. Ansonsten rufe ich später zurück, wenn es jemand bekanntes ist.

    Was ich eigentlich anmerken wollte: Warum nutzt du diesen schlimmen Begriff „Tram“? 😥 Ich finde den grausam und wird „hier“ eigentlich nur von der LVB selber genutzt (warum auch immer). Ich kenne (zum Glück) niemanden, der Tram sagt oder habe jemanden diesen Begriff in der Straßenbahn sagen hören (außer vielleicht mal einen englisch sprechenden Mitfahrer).

    • Dort wo ich herkomme, dort gibt es sowas wie Tram/Straßenbahn gar nicht. (Böse Menschen munkeln, wir hätten nur Schlickschlitten). Ich vermute, dass ich es hier übernommen habe, weil beispielsweise eine Kollegin/Freundin auch „Tram“ sagt. Meinst Du, ich sollte mich umgewöhnen?

      Mittlerweile fahre ich aber auch nur noch selten mit der … Straßenbahn. Ich erledige 99,7 Prozent der Wege mit dem Rad. Allerdings habe ich auch dort schon Flipflops gesehen. Und hin und wieder gönne ich es mir, mit der Tram zu fahren und all die Menschlichkeit der Welt auf kleinstem Raum zu sehen. (Und am Freitag fahre ich mit der Bimmelbahn nach Chemnitz. Das wird ein Spaß werden!)

      • Es stimmt mich traurig, dass wirklich jemand „Tram“ sagt.
        Ja, das Fahrrad, das wohl liebste Fortbewegungsmittel der Leipziger. Es gibt wohl keine Ecke hier in der Stadt, die nicht von einem Radfahrer passiert wird. Ich sollte auch wieder mehr diese Art der (Fort-) Bewegung wählen.

        Und lass dich von Chemnitz nicht erschlagen, da gibt es eigentlich so gut wie nichts…

  6. Ich werde mir ganz schnell „Straßenbahn“ angewöhnen. Ich möchte niemanden traurig machen, dazu bin ich viel zu sehr Menschenfreund.

    Zu Beginn fand ich das Fahrradfahren hier ganz furchtbar. Mittlerweile finde ich es super und treibe damit mein Projekt voran, jeden Stadtteil von Leipzig gesehen zu haben. Oder jede Gemarkung. Oder so. Was mich nur nervt ist, dass die Straßen in einem teils sehr schlechten Zustand sind – von der Baustelle am Goerdelerring ganz zu schweigen. Vermutlich ist die auch schuld daran, dass mir heute zum Feierabend der Fahrradreifen geplatzt ist. „Bscht“ machte es. Grh!

    Ich bin auch nur zum Fußballgucken in Chemnitz. Mein (!) Verein spielt dort doch… Da muss ich hin. Und dann zum Feiern fahre ich wieder nach Leipzig zurück 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s