Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Mit dem Duschvorhang auf Spionage-Tour

3 Kommentare

Da sucht man nach einem neuen Thema, sieht auf seine Liste mit Themen und fühlt sich doch zu keinem so recht hingezogen. Es muss ja stimmen und passen. Wer beruflich schreibt, der weiß: Im Job muss man auch dann schreiben, wenn die Stimmung nicht da ist und das Gefühl fehlt. Das muss man sich in seiner Freizeit nicht geben, nicht antun. Also, Thema: Ein Skandal.

Von meinem Wohnzimmer-Fenster kann ich nämlich so ganz hervorragend den Hauseingang von gegenüber betrachten. Nicht, dass ich nun nichts anderes tue und das Privatleben meiner Gegenüber-Barn erschnüffele. Aber: Das ostfriesische Blut kommt in Wallung, wenn es neugierig sein kann. Im plattdeutschen nennt man das „Wiesnöös“ – lässt sich nicht direkt übersetzen, meint aber eine Nase, die überall hineingesteckt werden möchte. Vornehmlich in das Privatleben anderer Menschen. Ich bin eine „Wiesnöös“.

Nun: Ich sah, wie der wunderbar hübsche Mann von gegenüber jemanden küsste. Ich ahnte schon, dass so ein hübscher Mann kein Single mehr sein kann – aber er küsste einen Mann. Ich war frustriert.

„Warum“ sagte ich zu mir „Warum?“, sagte ich zum Fußballgott. Die guten Männer – weg. Vergeben oder eben: schwul. Fiesigkeit. Ober-Fiesigkeit. Der Fußballgott schien mir ins Gesicht zu lachen: „Siehste, Ulle“, sagte er, lachte und zeigte kurz seine grün-grasige Fratze: „Der BVB ist Meister, Newcastle ist nicht sofort wieder abgestiegen. Mehr kriegste dieses Jahr nicht! Begnüge Dich mit dem, was da ist.“ Ich überlegte kurz, ob ich ihm nicht anbieten könnte, den immer wieder fußlahmen Patrick Owomoyela gegen einen Nicht-Schwulen Nachbarn zu tauschen. Ich ließ es bleiben. Der Fußballgott ist ein sensibles Gras.

Kommen wir zurück zum Mann an sich. Es ist ja so: Wenn ein Mann in meinem doch fortgeschrittenen Alter noch Single ist, dann muss man sich fragen: Was ist los, warum ist der noch auf dem freien Markt? Nicht nur ich denke das, auch andere tun das. Ich habe mich dazu mal umgehört – vor einiger Zeit. Dabei vergessen wir Single-Frauen: Auch wir sind nicht mehr taufrisch, haben die wilde Studentenzeiten mit allerlei Herznarben hinter uns gebracht und vielleicht fragen sich auch Männer: „Wieso ist die noch Single?“ (Der Vollständigkeit halber: Bei mir fragt sich das keiner. Der Makel ist zu offensichtlich)

Oft hat es was mit hohen Ansprüchen zu tun, die wir an die Männerwelt stellen. Deswegen sind wir noch Single. Es ist immer ein Haar in der Suppe. Wir erinnern uns: Er soll nett sein, aber kein Misstrauen schaffen. Leser, die schon lange dabei sind, erinnern sich vielleicht noch an meine legendäre Liste. Vier Jahre nach „DER LISTE“ kann ich behaupten, mich zu freuen, wenn ein Mann nach dem Pinkeln die Klobrille runterklappt. Erwähnte ich, dass ich Illusionen vor einigen Jahren über Bord geworfen habe?

Wo war ich? Ahja: Der Nachbar von Gegenüber. Ich hatte ein wenig die Hoffnung gehabt, er sei vielleicht nur metrosexuell. Er wirkte schon sehr gepflegt und ich dachte mir: „Ach, die Männer hier in Leipzig sind doch alle irgendwie an sich schon stylish – mein Gespür für „interessiert sich nicht für Frauen“ trügt“. Nun. Wohl nicht. Schade eigentlich.

Wobei: Es ist schon sehr psycho, wenn man aus dem Wohnzimmerfenster heraus Leute beobachtet. Fehlt nur noch das Kissen zum Unter-die-Ellenbogen klemmen. Hat was von Einsamkeit und Ulle Bates. Bald schleppe ich einen Duschvorhang überall mit hin.

Heute komme ich vom Kuchen auf den Krümel – oder wie das Sprichwort noch einmal heißt. Also, das Wohnzimmer: Es ist fest in der ostfriesischen Kultur verankert, das Wohnzimmer raus zur Straße zu haben. Meine Großeltern zogen im Wohnzimmer im altehrwürdigen Bingumgaste nie die Vorhänge zu. Denn man musste gerade am Sonntag auf Sonntagsfahrer im 70-Seelen-Dorf gefasst sein. Da half nur: Gucken, einer Familie zuordenen und hoffen, dass sie schnell wieder verschwinden, die Fremden.

Übrigens: Die Nachbarin aus dem dritten Stockwerk gegenüber hat tatsächlich ein Kissen, um zu sehen, was so passiert. Bevorzugt liegt sie am Sonnabendmorgen und am Sonnabendnachmittag auf das Kissen gelehnt da und guckt zu, was in der alten Leipziger Allee hier so vor sich geht. Nicht viel, kann ich sagen. Außer obiges. Aber vielleicht beobachtet sie auch mich. Mit einem Duschvorhang in der Hand.

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3 Kommentare zu “Mit dem Duschvorhang auf Spionage-Tour

  1. Naseweis vielleicht? 🙂

  2. wiesnöös! so hat mich meien omma auch immer genannt! allerdings war ich da noch so jung, dass mich knutschende männer, ob schwul oder nicht, nicht interessiert haben.

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