Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Postkarte - Nur eine fiese Falle?

Die Nettigkeit, die Misstrauen schafft

3 Kommentare

Der Bekannte hat ein Problem. Er sei zu nett. „Männer“, sagte er, „sollten nicht nett sein. Ihr Frauen steht da einfach nicht drauf.“ Mein erster Gedanke war: „Da habe ich doch schon einmal drüber geschrieben“ (eine fiese Angewohnheit. Jedes Thema wird auf Blogkompatibilität geprüft. Rasterfahndung sozusagen), mein zweiter war „Nee, doch nicht“ und der dritte Gedanke war dann auch endlich für den Bekannten von Belang: „Ach nee, glaube ich nicht.“

Es gibt unzählige Gruppen, die allerdings das Gegenteil meiner Aussage beweisen: „Zeigt ihr mir 1000 Männer und ich zeig Dir das Arschloch“ gehört zum Beispiel dazu. Frauen erkennen Arschloch-Männer – und fahren voll auf sie ab, während „nett“ unter „langweilig“ abgelegt wird.

Also habe ich nachgedacht. Der geneigte Leser weiß: Ich denke viel nach. Stundenlang kann ich über Wortbedeutungen und Männer sinnieren. Oder ganze Dossiers zur geheimen Bedeutung der Sockenordnung im Kleiderschrank erstellen. Irgendwas ist immer und nachdenken ist ohnehin super.

Und ich habe mal in mich gelauscht. Erst merkte ich übrigens, dass ich Hunger habe. Mein Magen sprach eine laute Sprache. Und über all die netten Männer nachgedacht, die einem so begegnen. Und ich habe festgestellt: Ich für meinen Teil lege nette Männer nicht unter „langweilig“ ab, sondern unter „Der kann doch nicht so nett sein“ und „Misstrauen“.

Vielleicht ist es die Folge stundenlanger Nachdenk-Arien bei Frauen (also bei mir), dass allem und jedem misstraut wird. Der gemeine Mann beschäftigt sich gar nicht erst mit diesen Gedankenspinnereien, sondern schmeißt seine Playstation an und macht 1860 München mit Wayne Ronney im Sturm zum Deutschen Rekordmeister. Das dauert Stunden. Ich dagegen sitze da, starre aus dem Fenster und frage mich: „Warum war er so nett?“ Und: „Trachtet er mir nach meinem Leben?“

Als wäre Nettigkeit den Männern nicht vielleicht in die Wiege gelegt worden, vermute ich immer etwas Negatives. Dabei kann ich gar kein Kindheitstrauma mein eigen nennen. Und trotzdem: Warum sollte mir jemand Kaffee an den Schreibtisch bringen, wenn er nicht zumindest möchte, dass ich einen Termin für ihn übernehme oder die Telefonnummer einer hübschen Freundin rausrücke? Warum schickt mir ein Mann eine Postkarte, einfach so? Möchte er, dass ich ihn von irgendwo (sprich: vom anderen Ende der Welt) abhole? Hätte ich seine ohnehin dem Untergang geweihten Blumen gießen sollen – ohne dass er mir den Auftrag dazu gibt?

Als ich dem Bekannten von dieser meiner Überlegung berichtete, sah er mich an: „Ääääh“, machte er. Sein Mund verzog sich, er legte den Kopf schief: „Bekloppt, oder was?“ (Eine Antwort, die zu seinem neuen Ich – nennen wir es „Arschloch“ – passen sollte.) Er wollte nicht glauben, dass die Lösung seines Problems weitaus komplizierter als nur „nett = langweilig“ sein könnte. Dass sie beinahe philosophische Tiefen erreichen und den geraden Gedankenweg des Playstation-Spielers verlassen würde? Er war erschüttert, der Bekannte.

„Du bist eine Ausnahme“, sagt er. „Ich bin nie eine Ausnahme, also auch jetzt nicht“, erwiderte ich. Er wurde biestig: „Vielleicht weiß Du auch einfach nicht, wovon Du sprichst“, meinte er und sein Blick verriet, dass es ihm leid tat, mit mir überhaupt über das Thema gesprochen zu haben. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen: „Siehste, nun bist Du gar nicht mehr nett“, sagte ich und meine Mundwinkel zuckten leicht unkontrolliert. „Zu Dir muss man ja auch nicht nett sein“, sagte er und ich flüsterte ein leises „Arschloch“.

Er sah mir in die Augen und grinste zufrieden.

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3 Kommentare zu “Die Nettigkeit, die Misstrauen schafft

  1. hat sich das wirklich so zugetragen? also der schluss, meine ich? dann ist da wirklich irgendwas gehörig schief gelaufen…

    also das mit den arschlochtypen und dass frauen oft total auf sie abfahren, kann (muss) ich leider bestätigen. ich war in meinem leben mit VIIEEELLEENNN arschlöchern (oder im nachhinein von mir auch gern als „klogriffen“ bezeichneten) männern zusammen. aber je reifer man wird, desto weniger fährt man auf die machonummern ab und umso bescheuerter findet man so manch obercoole geste. irgendwann habe ich ihn richtig gesucht (und gebraucht), den netten mann und ihn genau dann gefunden, als ich gar nicht mehr damit rechnete, dass mir sowas in meinem leben nochmal passieren könnte. und frauen, denen es genauso geht, gibt es sicher viele…

    der typ aus deinem artikel hat meines erachtens ein anderes problem als das, dass er zu nett wäre. vielleicht sollte er mal überlegen, was das sein könnte?!

    • doch, doch: der schluss ist dem realen leben entsprungen. aber der aspekt mit dem „richtigen mann“ der eben „nett“ ist: das werde ich bei der nächsten begegnung anbringen. er ist in dem alter, in dem man nicht mehr nur noch reisen, sondern auch ankommen möchte.

  2. und ich wette mit dir, der findet auch noch die richtige 🙂

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