Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der süße Kerl aus Knorke

Ein Kommentar

Schon häufig habe ich über Komplimente geschrieben. Meistens vor allem darüber, dass ich selber ungerne Komplimente bekomme, weil meine Wortsensibilität mir Freude darüber verbietet. Einige werden sich erinnern: Ich entdecke immer ein Brusthaar in der Suppe, erkenne jede Beleidigung und gegen das Wort „süß“ habe ich eine ganz besondere Abneigung. Was mir aber noch nie so wirklich als Problem schien, ist, den Männern ein Kompliment zu machen.

Mit meinem Kollegen hatte ich heute aber das Problem. Nicht, dass ich ihn angraben wollen würde. Ich wollte was nettes sagen. Ich sage gerne nette Dinge. Die gleichen die ganzen unnetten Dinge, die manchmal aus mir herausplatzen, wieder aus. Aber wie sagt man zu einem gestandenen Mann etwas nettes? Mir rutschte doch tatsächlich ein „süß“ raus und mich ereilte ein Blitzschlag in Form eines eiskalten Blickes. Der Kollege fand es ganz und gar un-nett .

Wie macht man Männern also Komplimente? Wollen Sie überhaupt etwas in dieser Richtung hören? Eine vertrackte Situation, immerhin wollen die meisten Männer doch irgendwie cool und krass und checkermäßig wirken. Tiefsitzende Hosen und die letzte Bastion des Mannes sprechen eindeutig dafür.

Die Erfahrung hat mich gelehrt, Männern nie vor ihren Freunden, Kollegen oder Bekannten ein Kompliment zu machen. Das wirkt irgendwie uncool. Selbst wenn sie (also er) auf die 30 Jahre zugehen, wollen sie scheinbar immer noch den Eindruck erwecken, sie würden über den Dingen stehen. Die meisten Frauen wissen: Viele Männer stehen vor allem über Dingen wie abwaschen, Müll an die Straße bringen und bügeln. Sie tun sie nämlich einfach nicht. Wer muss auch schon abwaschen, wenn es Einwegbesteck und Einweggeschirr gibt? Wer muss den so fabrizierten Müll nach unten bringen, wenn man ihn einfach aus dem Fenster werfen oder das Klo runterspülen kann? Und zu guter letzt: Wer muss bügeln, wenn es in den 90ern den „Crinkle-Look“ gab und Wäsche sich zur Not und mit viel Kraft von unten auch aushängt? Genau. Niemand. Man steht über den Dingen. Mann.

Unterlässt man (also Frau) die Komplimente, gerät man hingegen schnell in Verdacht, nicht auf testosterongeschwängerte Heldentaten (siehe oben: Abwaschen, Müll runterbringen, Bügeln) angewiesen zu sein. Oder im Falle eines Kollegen: auf seinen hervorragenden Milchkaffee, der nach Liebe und Sommer und Blumen und Entspannung schmeckt. Das kann man ihm nur leider so nicht sagen. Als ich heute zu einer Ode an die Kaffeekünste ansetzte, sah er mich wütend an und entschwand.

Dabei – und das haben viele Stunden umfassender Beobachtung ergeben – wollen Männer, dass ihre Taten anerkannt werden. Nur kann man (also wieder: Frau) es gar nicht richtig machen. Scheint mir. Lobt man sie wie einen Hund nach dem Apportieren über den grünen Klee, sehen sie einen weidwund an und fühlen sich nicht ernst genommen. Dann wird aus dem harten Kerl eine Heulsuse, ein von Selbstzweifeln zerfressenes Etwas. Nimmt man eine gute Tat so hin, schweigt und hält seinen Mund lächelnd über den dampfenden Milchkaffee, dann bleiben sie stehen, wartend, erstarrt in der Hoffnung, dass da doch noch irgendetwas kommen muss. Ein Wort, ein Satz, der dann lässig abwinkend mit „Hach“ kommentiert werden kann.

Um auf den Beginn und die komplizierte Ausgangslage zurückzukommen: Wie macht man einem Mann ein Kompliment? Was sind die richtigen Worte, um ihn nicht wie einen metrosexuellen Hansel dastehen zu lassen? „Süß“ gehört nicht dazu. „Knorke“ murmelte der Kollege. Aber „knorke“? Bitte, welche Frau nimmt das Wort „knorke“ in den Mund und muss sich nicht vor Lachen die Zunge abbeissen? Andere Begriffe tendieren dagegen ins pornöse, sind also auch irgendwie doof. „Nett“ ist die kleine Schwester von Heulsuse Manuel Neuer, „krass“ der große Bruder von Bushido. Und irgendwie ist das alles nicht richtig.

Sagt man beispielsweise zu einem Mann „Hej, Du riechst gut“, nur so, weil man nett ist und die Parfümwahl loben möchte (sprich: die Parfümwahl von Freundin, Schwester oder Muttern) bekommt man (ich habe es getestet!) oft ein: „Ich rieche einfach nur nach Kerl.“ Stimmt meistens nicht. „Eau de Kerl“ ist immer Hugo Boss, Calvin Klein oder Bruno Banani.

Vielleicht sollte ich die „Woche der Komplimentlosigkeit“ ausrufen. Damit nach einer Woche die Männer angekrochen kommen, schon zur Morgenkonferenz Milchkaffee aufsetzen und leckere Kuchenteilchen mitbringen, damit sie anrufen, mailen, mit Neuigkeiten wie „Heute war ich in der Parfümerie“ oder „Morgen, bevor wir uns sehen, gehe ich zum Friseur“. „Sag doch was, sag doch was“ können sie dann winseln und wir lassen uns herab und sagen nach einer schier endlosen Pause mit einem diabolischen Grinsen: „Danke, Du bist echt süß.“ Und sie werden uns noch Zimt auf den Milchkaffee stäuben. Jawohl.

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Ein Kommentar zu “Der süße Kerl aus Knorke

  1. Gern gelesen und … ja, so isses 😉

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