Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Auf Boller-Schritten durch die Trippel-Welt

7 Kommentare

Ich trage gerne Röcke. Eigentlich trage ich meistens welche, meine Hosen fristen derweil ein muffiges Dasein in der Schublade. Die Röcke sollen eins signalisieren: „Guck mal, ich bin eine Frau.“ Nein, nicht auf die sexistische Art „Guck Dir meinen knackigen End-Zwanziger-Hintern an und gib mir Geld und Macht“, sondern auf die „Auch wenn ich mit Dir Bier trinke und zotige Witze reiße – ich bin eine Frau“-Art. Das ist wichtig. Vor allem für mich und mein Selbstverständnis.

Dabei ist das mit dem Verständnis, das man von sich selbst hat, ja ohnehin eine Sache. Eine Frauenzeitschrift hat nun geschrieben, dass wir gar nicht einschätzen können, wie wir auf andere wirken. Genauer: Der Test sagte mir, ich wirke überkontrolliert, harmonie-schaffend und nicht sehr emotional.

Das ist ungefähr das absolute Gegenteil von dem, wie ich mich sehe. Ich wäre gerne kontrollierter, weil ich mich manchmal in Wut, Freunde, Trauer und Überraschung gar nicht beherrschen und dann doch – sagen wir mal – sehr außergewöhnlich reagieren kann. Dachte ich. Außerdem bin ich überhaupt nicht harmonie-schaffend. Meine Familie kann ein Lied davon singen. Wenn es Streit gibt, bin ich nicht weit. Nicht dass ich ihn immer lostrete – aber ich kann auch ziemlich ausfallend sein, wenn mich jemand nervt. Die Freundinnen meiner Brüder durften das schon mehrfach erfahren (aber unter uns: politisch-korrekte Menschenhasser und den Windeln entwachsene Besserwisserinnen sind auch sehr nervig.)

Und das mit dem nicht-emotional, das kann ich gar nicht nachvollziehen. Aber wie es in dem einführenden Text zum Test schon hieß: Wir können uns selber gar nicht einschätzen. Dazu fehlt die Distanz. Deswegen schweige ich an dieser Stelle einfach und verwerfe die vergangenen 29 Jahre der Selbstreflexion.

Wie häufig habe ich in meinem Lieblingssessel gesessen und mir Gedanken über mich gemacht. Warum ich dann und wann so emotional-schroff war, wieso mich diese Aussage zu Tränen gerührt und die andere zu einer Säule aus Hass hat erstarren lassen. All die Stunden der Selbstreflexion: im Arsch.

Was ich in dieser Zeit alles hätte run können: Endlich russisch lernen, meinen Traummann finden, einen Pullover stricken (was sage ich: eine ganze Kollektion hätte ich stricken können!), zwei Bestseller schreiben, jeden Tag bloggen – wobei: Bloggen geht dann nicht mehr. Worüber denn auch, wenn all meine Gedanken nichts sind, nur ein falsches Bild einer falschen Ulrike? Argh!

Kommen wir zurück auf den Rock und meine wahrscheinlich falsche Einschätzung meiner selbst. Ich laufe nämlich bollerig. Wenn in Boulevard-Sendungen das richtige Trippeln auf hohen Hacken demonstriert wird, kann ich nur lachen. Ich würde keinen Meter auf den Dingern laufen. Und trippeln kann ich auch nicht. Das bin ich einfach nicht. Ich bin der festen Überzeugung: Lauftechnisch bin ich ein Mann. Ulrich sucht seinen Ausdruck durch meinen Gang. Er will raus und ergreift zu häufig die Oberhand, der Hund!

Auch meine Stimme ist irgendwie nicht fraulich. Ich säusele nie. Naja, das ist gelogen. Wenn es darum geht, etwas zu bekommen, beherrsche ich das durchtriebene Säuseln perfekt – aber da ist es wie mit dem Rock: Es soll etwas zeigen, was nicht so ist. Und was jeder sieht, sobald ich zwei Schritte bollerig durch die Gegend gelaufen bin. Die meiste Zeit spricht Ulrich durch mich, nur wenn es um etwas geht, dann lässt er Ulrike den Vortritt. Er ist nicht nur ein Hund, er ist auch ein Egoist, der andere für sich arbeiten lässt.

Mein ehemaliger Kollege lachte, als ich ihm vor einigen Monaten von der Rock-Sache erzählte. „Ich friere“, sagte ich, als wir gemeinsam durch die ostfriesische Wüstenei liefen. „Warum haste auch einen Rock an?“, fragte er mich und schüttelte verständnislos den Kopf. „Na, damit ich mehr wie eine Frau wirke“, sagte ich und schüttelte meinerseits den Kopf. Er sah mir in den Ausschnitt und schwieg.

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7 Kommentare zu “Auf Boller-Schritten durch die Trippel-Welt

  1. Ich überlege grade, was das bedeutet, wenn man bollerig läuft, aber ich komme nicht drauf… hm…

    Der Schlussgag in diesem Post ist übrigens äußerst gelungen, da musste ich grade laut auflachen 🙂

  2. Kennst du auch das Wort Bollerhose?

  3. Aus der Wortfamilie kenne ich nur noch den Bollerwagen. Und natürlich die Heizung, die bollern kann.

  4. Also ich kenn das Wort auch… in allen genannten Zusammenhängen… 🙂
    Bitte gebrauch die norddeutschen Wörter trotzdem noch- die sind schön – und gehören zu Dir.

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