Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Tag 8: Eine Bilanz

2 Kommentare

Vor acht Tagen habe ich meine Bettdecke ins Auto gepackt, die Katzen in ihren Körben auf die Autositze gestellt, und bin rund 500 Kilometer in Richtung Südosten gefahren. Vorbei an Oldenburg, wo ich studiert habe, vorbei an Bremen, wo ich geboren wurde, vorbei an Hannover, wo die beste Grundschullehrerin Deutschlands wohnt, vorbei an Magdeburg, wo ich noch nie war, hin nach Leipzig, wo ich nun wohnen und arbeiten werde. Ich habe das nach Gülle riechende Landleben gegen die Großstadt getauscht. Den Ostfriesen-Tee gegen Saale-Unstrut-Wein. Das Plattdeutsch gegen das Sächsisch.

Ich komme mir vor wie ein kleines Kind. Während ich in Ihrhove mit dem Rad ohne zu gucken und mit lauter Musik auf den Ohren sogar nach links abbiegen konnte, muss ich hier mehrfach nach links und rechts sehen: Straßenbahnen, Busse, Autos, lebensmüde Fahrradfahrer – und überall Kinderwagen!

Schon im Dezember (als ich hier mein Vorstellungsgespräch hatte) war mir die hohe Dichte an Buggys aufgefallen. Überall schoben lächelnde Pärchen die Wagen durch den Schnee – nun schieben sie sie durch die warme Frühlingsluft und den Pollenstaub. Und wer keinen Wagen hat, der hat einen Babybauch. Irgendwie finde ich das toll. Während ich bisher nur mit Menschen zu tun hatte, die vor der Schwangerschaft eine Checkliste abarbeiten (1. Mann finden, 2. perfekte Wohnung finden, 3. günstigen Windeldealer aufreissen, 4. unbefristete Arbeitsstelle haben), scheint man hier einfach zu machen. Spaß macht es ohnehin – warum dann all das nicht bis zur letzten Konsequenz durchziehen? (Der Vollständigkeit halber sollte ich erwähnen, dass es in Leipzig die ärmsten Kinder Deutschlands gibt. Deshalb sollte ich die Konsequenz hier vielleicht zur Diskussion stellen.)

Ohnehin scheinen mir die Leipziger ein durch und durch entspanntes Völkchen zu sein. Zumindest hat die sächsische Nachbarin immer für ein Schwätzchen Zeit und an der Straßenbahn wurde ich bisher nicht beiseite geschubst – so wie ich es aus lovely Düsseldorf und wonderful Essen kenne. Und beim Bäcker wurde ich sofort ausgequetscht, woher ich denn meinen „süßen“ (!!!) Akzent hätte.

Auch ich merke langsam, wie sich in mir Entspannung ausbreitet und daran sind – schätzungsweise – nicht nur meine neue Wohnung und der neue Job „schuld“, sondern auch die nette Art der Menschen. Ich muss aber zugeben: meine Sprachkenntnisse sind rudimentär und ich habe zwischendurch schlimme Probleme, meine Nachbarn zu verstehen; ganz zu schweigen davon, dass ich die Handwerker nicht verstanden habe. Der nette Mann wollte mir erklären, wie ich das Salz in die Geschirrspülmaschine fülle – ich rief danach Muttern an, um mich von ihr einweisen zu lassen. Dem Mann gegenüber blieb ich beim verständnisvollen Lächeln und einem „Ach! Ja?!“.

Weitere Auffälligkeiten, kurz notiert.

1. Die Benutzung von Weichspüler erscheint mir hier überproportional. Ich mag keinen Weichspüler. Handtücher müssen hart sein und meine Bettwäsche auch. Ich mag weder den Geruch, noch die Weichheit. Mal ganz davon abgesehen, dass ich Pusteln von den meisten Weichspülern bekomme. Aber hier: Überall umweht der Geruch von Vernel meine Nase. Den Grund dafür habe ich noch nicht gefunden. Aber ich werde darüber noch nachdenken müssen.

2. Eine Frage quält mich seit Tagen: Warum soll es in Ostdeutschland überhaupt Nazis geben? Wen hassen die genau? Ich habe bisher zumindest kaum nicht-Deutsche gesehen. Nun, bis auf die vietnamesische Mafia, die hier um die Ecke einen Gemüseladen, ein Blumengeschäft UND einen Obstladen hat. Aber ansonsten? Nichts. Wen hassen Nazis, wenn sie niemanden zum Hassen haben? Nur noch sich selbst?

3. Ich schäme mich. Meine nette Nachbarin zählte mir Ausflusgziele in der Umgebung auf – und ich kannte kaum eines. „Nun, ihr Wessis interessiert Euch einfach nicht für den Osten“, sagte sie und lächelte mich dabei milde an. Aber sie hatte recht. Nun, Ignoranz gehört zu einer meiner Hauptcharaktereigenschaften. Ich ignoriere ständig. Menschen, die ich nicht mag. Wahrheiten, die mir zu unbequem sind. Meinungen, die ich doof finde. Und wahrscheinlich habe ich auch Ostdeutschland mit westlicher Überheblichkeit ignoriert. Immerhin haben genug Menschen mir gesagt: „Wie? Du gehst in den Osten?“ Als wären wir nicht ein Land, sondern zwei.

Weitere Ausführungen werden folgen. Und vielleicht demnächst auch ein paar Fotos.

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2 Kommentare zu “Tag 8: Eine Bilanz

  1. na das hört sich doch alles in allem nach einem ganz gelungenen angekommen sein. freut mich sehr. die frage mit den ost-nazis habe ich mir auch schon oft gestellt und begründe dies damit, dass menschen, denen die staats- und wirtschaftsform jahrzehnte lang vorgegeben wurde, jetzt doppelt und dreifach auf den putz hauen müssen, wo sie endlich einmal einen nationenstolz nach aussen tragen dürfen. selbstverständlich macht es das nicht besser.

    schön zu hören, dass es dir gut geht und noch schöner, dass du leipzig gerade zu beginn in einem herrlich warmen sonnenwetter kennenlernen darfst.

  2. ach du schreibst echt so schön, da wird einem richtig warm ums herz 🙂

    das mit den wenigen ausländern im osten muss wirklich total befremdlich auf westdeutsche wirken, das habe ich mir schon öfter gedacht. ich finde es auch krass, dass ich NIE mit auch nur einem einzigen ausländerkind in die schule gegangen bin! bevor ich mit 16 in Frankreich ein auslandsschuljahr eingelegt habe, hatte ich wirklich noch nie nie nie kontakt mit zugewanderten menschen oder leuten anderer hautfarbe!!! dagegen gab es so einige nazis (oder eher möchte-gern-nazis) in meinem umfeld, die sich besonders cool fühlten, weil sie eine politische meinung hatten (die übrigens in keinem einzigen fall ihre eigene war). aber genau aus dieser isolation kommt denke ich das problem: viele menschen, die mit dem andersartigen nicht aufgewachsen sind, haben angst davor und lehnen es ab. frag nicht, was ich in der letzten zeit mit bestimmten personen gerade darüber streiten musste… noch keine 10 ausländer im leben getroffen aber alle über einen kamm scheren („die fidschis sind ja alle gleich“ usw.). traurig.

    naja, toll jedenfalls, dass es dir so gut geht. ignorant bist du meiner meinung nach gar nicht, schliesslich wärst du sonst nie in den „grauen osten“ gegangen 😉 ganz viele liebe grüsse!

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