Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

In einem Land mit Schlafanzügen

11 Kommentare

Als ich heute morgen von meinem Balkon blickte, hinüber zu den Nachbarn, da wehte mir ein Hauch von Weichspüler entgegen. Und ein Hauch von Stoff. Ein Nachthemd, ein Hauch von Zelt mit Spitze in türkis. Daneben eine Hose in Frottee, ausgewaschenes Blau und ein Oberteil in ähnlichem Ton – nur die Ärmel waren in weiß abgesetzt. Nun, ich möchte hier niemanden traurig oder gar erbost stimmen: Aber ich hasse Nachthemden oder Schlafanzüge. Der Gedanken, darin zu schlafen bereitet mir Schlaflosigkeit.

Niemand redet gerne über seine Nachtwäsche. Dabei wird das Thema gerne in Einkaufskatalogen über mehrere Seiten ausgebreitet. Ich dagegen, ich schlafe in einer Boxershorts und einem alten T-Shirt und wenn es warm ist – nun, das verschweigen wir aus Gründen des Jugendschutzes.

Der Gedanke, mich in Satin im Bett zu wälzen ist mir unheimlich. Hin und her würde ich wahrscheinlich rutschen. Mit Spitze verziert würde dieses Kleidungsstück wohl dafür sorgen, dass ich die ganze Nacht aufrecht sitze und an mir rumzubbel – damit die Spitze auch genau da sitzt, wo sie sitzen soll: auch wenn ich alleine schlafe.

Als ich dann heute morgen den Schlafanzug meines Nachbarn betrachtete (er ist mehr als 80 Jahre alt und gehört deswegen schon nicht in meine Zielgruppe. Außerdem verstehe ich ihn nicht, das Sächsische bereitet mir doch noch arge Probleme), überlegte ich mir, wie ich wohl reagieren würde, wenn mein Freund einen Schlafanzug tragen würde. Vermutlich würde ich lachen und dann gehen.

Mit dem Wort Schlafanzug verbinde ich Superman auf dem Oberteil, Bündchen am Beinabschluss, damit die Hosenbeine im nächtlichen Traum-Gefecht nicht hochrutschen. Aufregung verbinde ich damit gar nicht.

Meine Mutter hatte ein Nachthemd. Das hatte sie sich fürs Krankenhaus gekauft, nach dem Besuch dort bekam ich das Hemd. Nein, meine Mutter hatte es mir nicht aufgeschwatzt – ich wollte es haben. Aber ich war acht. Kinder dürfen Schlafanzüge tragen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein türkises knielanges Hemd mit einem der Dinosaurier aus „In einem Land vor unserer Zeit“ – da war ich sechs Jahre alt. Den Film dazu habe ich bis heute nicht gesehen.

Irgendjemand sagte mir vor kurzem, im Alter würde der Geschmack an einem Schlafanzug zurück kommen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich mein Geschmack diesbezüglich ändern kann. Auch das Argument „Aber das ist doch so muggelig war mit Schlafanzug“ kann ich nicht gelten lassen. Ich schlafe ohnehin schon unter zwei Decken und mit einer Wärmflasche – wenn mir kalt ist, dann kommt eben noch eine Decke drüber. Ich mag das Gefühl von Bettdecke an meiner Haut. Im Schlafanzug bekomme ich Beklemmungen.

Außerdem: Warum tragen einige Frauen dann Satin-Hemdchen mit Netz-Einsatz? Ich kann mir kaum vorstellen, dass das mehr wärmt als mein altes „Thrice„-Shirt, das zwar sehr viel unaufregender als das Netz-Ding ist, aber mir am morgen immer wieder das Gefühl gibt, irgendwo in mir stecke doch noch eine richtige Rocker-Hardcore-Braut. Passt gut zu den Augenringen, die sich nicht durch übermäßiges Partymachen, sondern durch das Alter einschleichen. Aber das muss ja niemand wissen.

(Das ist das Ende. Und für alle, die sich fragen: „Und? Ist Klein-Ulle gut in der Großstadt angekommen?“ Ja, sie ist ganz hervorragend angekommen und geht gerade eine romantische Liebesbeziehung mit Leipzig ein. Sie wandert durch die Straßen, geniesst den Lärm und die vielen Menschen um sich herum. Sie sieht verzückt in Straßen, deren Häuser noch wirkliche Geschichten erzählen, wo gelbe Schilder den Zutritt verbieten und Grafitis im Inneren zeigen, dass sich niemand an Schilder halten sollte. Sie erfreut sich an den unzähligen grünen Wiesen, die immer wieder zwischen den Blocks liegen und den sanierten Häusern, deren eierschalenfarbene Fassaden in der Sonne glänzen.)

Advertisements

11 Kommentare zu “In einem Land mit Schlafanzügen

  1. Am Besten schlafe ich in meinem klassischen Oasis T-Shirt

  2. ich hatte das dino-dings in pink. ich hab’s echt geliebt. es hatte so einen breiten bund, dadurch ist das hemd nicht hochgerutscht. würden solche nachthemden noch verkauft, würde ich vielleicht mal wieder eins kaufen.

    so ein satinteil hab ich mal geschenkt bekommen: saueklig. oben friert man mangels stoff, unter selbigem schwitzt man weil polyester.

    schön, dass du dich gut in leipzig einlebst:)))! wie gehts den cats?

    • hah! genau, mein dino-hemd hatte auch einen breiten bund, endete kurz über dem knie.

      den cats geht es wieder gut. die kleine hat die ganze fahrt über gebrüllt, der kater hat so sehr in die transportbox gepinkelt, dass ich ihn in der wohnung angekommen, erst einmal duschen musste. danach ging das elend mit der kleinen weiter, weil sie 12 stunden lang nicht aus der box rauswollte und sich dann nur übergab. aber mittlerweile haben sie sich eingelebt und einen neuen erzfeind (schwarze nachbarskatze) gefunden…

  3. Du könntest im Winter auch T-Shirt und Pyjama-Hose nehmen. Zum ‚rantasten. Hat bei mir gut funktioniert. Und der richtige Mann im richtigen Pyjama kann auch sehr sexy sein 😉

    • na, ich weiß ja nicht…. vielleicht drückt sich mein freiheitsdrang ja in der ablehnung jeglicher nachtwäschlichen konventionen aus?

    • also ich muss mich kesro da anschliessen, in t-shirt (ok, sweatshirt) und pyjamahose schlafe ich schon seit jahren – höchst unerotisch aber dafür saubequem 🙂 und auch was den mann betrifft, bin ich ganz einer meinung: ist doch wurscht, ob er schlafanzug oder shorts anhat, hauptsache der inhalt stimmt. nenn mich ruhig spiessig 😉

      aber schön, dass du dich langsam einlebst. das sächsich von alten leuten ist wirklich der horror und selbst für eine ursächsin wie mich nicht immer leicht zu verstehen… du solltest mal den vater meines freundes hören- da schlappern einem die ohren! viele liebe grüsse!

  4. Mit Shorts – aber mit denen kann ich nicht angeben

  5. Keine Shorts, kein T-Shirt, und schon gar kein Pyjama — hier nur Chanel No. 5 (bzw. „Love Spell“ von Victoria’s Secret). Ich lasse meine Haut gern atmen, während ich schlafe.

    • naja, neben einem befellten Tigger würd ich auch nichts tragen können. Ist sicher auch so warm genug 😉 Ich schlafe meist in dem, in dem ich abends betrunken einschlafe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s