Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Wie ein Surfstick meinen Namen änderte

7 Kommentare

Ich bin großer Fan vom Einzelhandel. Vom direkten Kontakt zwischen Verkäufer und Kunde. Vom Reden und Beraten und Erklären. Ich finde das toll. Mein kleiner Bruder handelt auch – und das sogar sehr gut. Ein Kaufhaus ist für ihn wie ein Basar, ein Preisschild ist für ihn nur eine zu hohe Richtungsangabe. Für ihn scheinen Verkäufer eine Schwäche zu haben – wenn ich ihn ansehe, sieht mein Schwesterherz, warum das so ist. Mich scheinen Verkäufer nicht sonderlich zu mögen. Wobei: die Bäckerin aus dem Supermarkt verdrückte ein Tränchen, weil ich wegziehe (echt!), und ich war selber jahrelang als Verkäuferin tätig – und meine Kollegen mochten mich, hoffe ich. Grenzen wir es also ein: Verkäufer in Elektronikfachgeschäften mögen mich nicht. Aber sie mögen niemanden.

Vor kurzem hatte ich im städtischen Elektronikfachgeschäft schon ein einschneidendes Erlebnis. Ich wollte nämlich einen Drucker kaufen. Und ein Diktiergerät. Und vielleicht noch neue Lautsprecher. Sprich: ich wollte da Geld lassen. Und das nicht wenig. Um dem Ende vorwegzugreifen: Ich besitze immer noch keinen Drucker. Kein Diktiergerät. Keine Lautsprecher.

Denn als ich in das Geschäft kam, waren sicherlich zehn Verkäufer in den weißen Hemden und den orangenen Buchstaben unterwegs. Zwei standen bei den Fernsehern und sprachen über den kommenden Bundesligaspieltag. Einer kniete am Boden und sortierte DVDs. Die anderen sahen durch die übrigen anwesenden Kunden hindurch.

Zielstrebig ging ich auf den am Boden kauernden Sortier-Meister zu. „Ich suche Diktiergeräte“, sagte ich. „Wo finde ich die, bitte?“ Er sah zu mir hoch: „Hinten.“ Ich drehte mich um: „Hinten bei den Staubsaugern oder hinten bei den Fernseher“, fragte ich, um gezielter nach dem Regal suchen zu können. „Fragen Sie die Männer dahinten. Die wissen das.“ Ich ging. Die zwei Männer – sie waren mittlerweile von der Bundesliga zur Champions-League gewechselt – sahen nicht einmal hoch, als ich hinternwackelnd zu ihnen lief. „Ääääähm“, sagte ich und erntete nur ein „Ja, ja. Schalke – dat geht nich lange gut.“ Ich holte tief Luft: „Wo finde ich Diktiergeräte“, fragte ich. Der jüngere der beiden sah mich an. Und nun, lieber Leser, kommt etwas, das würde ich nicht glauben, wenn es nicht mir passiert wäre. Er sagte: „Haben Sie kein Smartphone? Laden Sie sich eine App runter.“ Verdutzt sah ich ihn an: „Ich will kein Smartphone“, sagte ich. „Ich will ein Diktiergerät.“ „Ham wir nicht. Kauft doch keiner mehr.“

In diesem Moment beschloss ich, mir in diesem Geschäft an dem Tag gar nichts mehr zu kaufen. Ich murmelte in hörbarer Lautstärke etwas von „Hier wollte ich heute eigentlich viel Geld ausgeben“ und ging.

Einige Zeit betrat ich diesen Laden nicht mehr. Da er aber verkehrstechnisch einfach günstiger liegt als der andere Markt, fuhr ich dort heute noch einmal hin. Denn kurz vorm Umzug geht ja immer alles schief. Und deswegen gab heute morgen mein Staubsauger den Geist auf. Einfach so. Er ging nicht mehr an, nicht einmal ein Röcheln kam aus seinem ohnehin schon blauen Körper.

Ich fuhr also in den Markt, mit dem Vorsatz, mir nicht nur einen Staubsauger zu kaufen, sondern auch einen Surf-Stick. Denn ich brauche ja Internet in meiner neuen Wohnung und weil ich noch keinen Festnetz-Flatrate-Telefon-Anbieter gefunden habe, der mir preislich zusagt, holte ich mir erst einmal einen Prepaid-Surfstick. In Leipzig kann ich dann immer noch darüber nachdenken. Ganz davon abgesehen, dass ich den umfangreichen Fragenkatalog der Anbieter nicht ausfüllen kann: „Bei welchem Anbieter war ihr Vormieter?“, „Wo befindet sich der Anschluss?“ „Gibt es so einen merkwürdigen Kasten im Keller?“ (oder so ähnlich).

Ich nahm mir also einen Surfstick und lief zielstrebig zu den Staubsaugern. Weil ich scheinbar unter einem lost-ähnlichen elektromagnetischen Feld leide (also ich, das Feld), gehen bei mir ohnehin alle Elektrogeräte kaputt. Ich will da nicht viel ausgeben und ging so den Angeboten. Wieder zwei Verkäufer, diesmal keine Bundesliga – Bier im Angebot war diesmal das Thema.

Ich machte mich bemerkbar. Viermal. „Ja“, fragte mich der glatzköpfige Verkäufer. „Darf ich den Staubsauger so von der Pyramide nehmen?“, fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf, brachte mir den Sauger aber immerhin zur Kasse. Er lief, ich rannte ihm hinterher. „Wollen Sie nicht lieber mehr Geld ausgeben?“, fragte er: „Einen Dyson beispielsweise?“ „Nein“, sagte ich. „Dann sehen wir uns aber in einem Jahr wieder“, unkte der schnäppchenbiertrinkende Verkäufer. „Bestimmt nicht“, fauchte ich. Ein Dyson für 300 Euro? Bei meinem elektromagnetischen Feld, das Staubsauger zum Brennen und Föhne zum Glimmen bringt? Pfh!

Als ich bezahlen wollte, sagte die kaugummikauende Verkäuferin mit den wasserstoffblonden Haaren (ich LIEBE Klischees!): „Den Surfstick müssen sie freischalten lassen.“ Ich sah sie an: „Hääääh?“ „Na, da hinten.“ Sie zeigte auf einen dicklichen Kollegen im spannenden Hemd. „Der schaltet ihnen den Stick frei.“ Ich nahm also den Stick, ging zu dem Mann: „Ausweis, Führerschein?“ Ich: „Den Ausweis habe ich nicht mit.“ Ich griff in mein Portemonnaie. „Aber meinen Führerschein habe ich.“ Er nickte. „Und wozu brauchen Sie meinen Ausweis?“, fragte ich, „immerhin ist das Prepaid.“ Er zuckte mit den Schultern: „Ist eben so. Außerdem schreibe ich dann Ihren Namen richtig.“ (Diesen Satz bitte unbedingt merken.) Ich gab ihm meinen Führerschein. „Das ist kein Führerschein“, sagte er. „Doch“, sagte ich. „Das ist mein Gabelstapler-Schein.“ „Geht nicht“, sagte er, nachdem er mein Foto eingehend inspiziert hatte.

Ich durchforstete mein Portemonnaie. Das Ding ist eigentlich eine Clutch mit Platz für einen ganzen Hausstand. Ich gab ihm meinen Führerschein fürs Auto – meinen Ausweis habe ich bis jetzt nicht gefunden. Als ich draußen auf die Rechnung für den Surfstick sah, stand dort:

„Ulricke“.

Advertisements

7 Kommentare zu “Wie ein Surfstick meinen Namen änderte

  1. der ganze artikel ist zum schreien komisch (entschuldigung) aber die pointe ist echt der brüller! hahahahahaha!

  2. Ja, Elektromärkte sind schon toll, gefühlt bin ich da jeden Freitag Vorabend. Mein lieber Freund belauscht gerne Gespräche die Mitarbeiter in Elektrofachmärkten mit Kunden führen. Und regt sich hinterher darüber auf. Ich guck mir gern 3D-Fernseher an, aber nach 10 Minuten wird mir schlecht davon. Mein persönliches Highlight war ein Gespräch zwischen zwei Mädchen, die bei den Notebooks standen. Die eine sagt „Ich weiß nicht welches ich nehmen soll“. Daraufhin die andere „Das hier ist gut, da sind die meisten Aufkleber drauf“.

  3. Die einzige Möglichkeit aus einem Elektromarkt glücklich raus zu kommen ist, vorher ganz genau zu wissen was man möchte und wo man es findet. Alles andere hat bisher noch nie funktioniert!
    In Bochum hatten wir mal Interesse an so nem schicken DVD-Festplatten-Rekorder und haben die entsprechenden Geräte sogar gefunden. Auch die Mitarbeiter… die standen in einem Dreier-Grüppchen ein paar Meter weiter weg. Hilfesuchend schauen hat nichts gebracht, die Zeit verstrich und schaffte Raum für einen Funken Kreativität: Ich begann die Geräte wild umzusortieren. Nun ja, auch das hat nichts gebracht, aber ich habe mich irgendwie besser gefühlt. 😉 Wir sind dann wieder raus und das gute Geld ist mittlerweile bei der Telekom gelandet. Die wollten es haben und haben sich dafür tatsächlich auch ins Zeug gelegt.

    Ich werfe jetzt mal einen weiteren Spieler aufs Feld: Karstadt. Hat jemand hier eine Filiale in seiner Stadt? Ich bin dort noch nie nie nie freundlich und nicht von oben herab bedient worden.
    Ich habe so das Gefühl, das die Problematik die gleiche ist:
    Karstadt, wie die großen Elektronik-Ketten auch, haben zumeist in ihrer Gegend eine gewisse Monopolstellung. Das führt zu einer Arroganz, die nur über Generationen wieder wegtherapiert werden kann. Wobei ich mich immer frage, ob es überhaupt eine Heilung gibt. Schließlich verhalten sich in unserem Fast-Pleite-Karstadt auch alle noch so, als sei man die einzige Möglichkeit an heiß ersehnte Waren zu kommen.

    Ich bin einer der letzten, der den Mitarbeitern nicht auch gerne mal ein bisschen Auszeit gönnt. Aber was einem da streckenweise zugemutet wird… Ich kaufe in allen genannten Geschäften nur noch im Notfall, was eigentlich schade ist. Denn eigentlich möchte ich meine wirtschaftlich angeschlagene Heimatstadt unterstützen. Aber die Läden sind weder preislich attraktiv noch bezahl ich gerne für Ärger.

    So, jetzt bin ich auch wach und kann mal in den Tag steuern. 🙂

  4. Ich muss gerade eine Lanze für den freundlich-interessierten Mitarbeiter des zentralen Elektronik-Marktes des kleinen Städtchens brechen: Mein Problem mit meinem Satelliten-Receiver und der verpixelten ARD nahm er sich zu Herzen und bat mich, die Box zum Testlauf an der Markt-Anlage mitzubringen. Dann müsse ich mir nicht sofort und ungeprüft eine neue kaufen.

    Ich war, schon vor diesem Blogpost, völlig verblüfft von der Hilfsbereitschaft und seinem Interesse, mein Problem, womöglich auch ohne Neukauf zu lösen. Allerdings muss ich sagen, dass das Ganze sich um 19.30 Uhr in einem sehr leeren Markt und im Osten abspielte. In Ostbrandenburg sind mir schon sehr oft sehr hilfs- und reparaturbereite Menschen begegnet – der Toyota-Retter vor Feiertag um 17.55 Uhr, mein Autoreparierer, meine Physiotherapeuten, etc…

    Frau Ulrike, vielleicht wird’s in der großen Stadt demnächst besser? Neuer Test in Leipzig?

  5. Ich mag deinen Schreibstil.
    Nur durch Zufall hier gelandet und die Story mal gelesen.
    Danke dafür 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s