Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Kaffeepads – eine Weltwährung

8 Kommentare

Schon lange brennt mir ein Thema auf den Fingerkuppen. Aber irgendwie kam ich nie dazu. Doch wo Björn nun so super wie immer über „Nettigkeit macht Dreistigkeit“ geschrieben hat, werde ich mich einfach mal anschliessen. Nachmachen ist Trumpf. Denn Björn hat Recht. Manchmal sollte man sich wirklich fragen: „Warum auch?“

Vor kurzem beispielsweise. Beim Landkreis gibt es eine gute Sache, wie ich finde: die Tauschbörse. Da kann man Dinge einstellen, die man nicht mehr braucht, aber zu schade sind, um in den Müll zu wandern. Weil meine Mutter mir eine ganz tolle neue Senseo-Maschine geschenkt hatte, konnte ich meine alte Maschine einstellen. Und weil ich gar nicht geschäftstüchtig bin, wollte ich sie verschenken. Rund 20 Mails bekam ich innerhalb weniger Stunden, alle wollten die Maschine haben. Ich suchte mir jemanden aus, der mir geschrieben hatte, er habe vier Kinder und nicht viel Geld. Ich wollte etwas Gutes tun. Positives Karma sammeln. Also schrieb ich ihm, er könne die Senseo-Maschine abholen. Der Mann kam, die Haustür ging auf, er nahm mir die Kaffeemaschine aus der Hand, drehte sich um – und ging. Kein „Danke“, kein Lächeln. Gar nichts.

Ich war sprachlos. Nun, man sollte ohnehin nicht viel Dankbarkeit erwarten. Aber wer eine Senseo-Maschine bekommt, der kann doch „Danke“ sagen? Oder „Hallo“? Ein freundliches Lächeln wäre auch – na – nett gewesen.

Ohnehin: die Menschen werden immer dreister. Nun, wegen des Umzugs, habe ich eine ganze Menge Möbel in die Tauschbörse gestellt. Gute Sachen, die eigentlich durchaus noch ihren Wert haben. Und weil ich aus dem Senseo-Dilemma gelernt habe, verschenke ich nicht mehr: ich tausche. Aber die Menschen wollen die Sachen geschenkt haben. Dabei ist doch der Sinn einer Tauschbörse auch irgendwie, dass Menschen, die kein Geld haben, keine Almosen bekommen: Kaffeepads gegen Bücherregal.

Eine Frau bekommt eine riesige Kiste mit Trinkgläsern, ehemaliger Besitz meiner Familie, 80er Jahre Stil und so schwer wie eine Palette Mehl: Kristallglas. Als ich ihr sagte, dass ich gerne zwei Packungen „Wachküsser“ hätte, schrieb sie: „Geht auch von Aldi?“ Dabei geht es nicht um die Marke, es geht auch ein wenig um Respekt. Ihr merkt: Ich gebe mich hier gerade als naives Dummchen zu erkennen.

Die Mails sind auch eine Sache für sich. Wenn ich jemandem, den ich nicht kenne, anschreibe, dann gibt es eine Begrüßung und eine Verabschiedung. Als ich nun meine Garderobe eingestellt hatte, bekam ich morgens eine Email von „Püppchen84“. Darin stand „Foto?“ Mehr nicht. „Foto?“. Ich schickte ihr ein Bild. Daraufhin kam: „Was willst Du haben?“ Wieder: kein „Hallo“, kein „Gruß“ oder so – mal ganz davon abgesehen, dass ich den Ton echt unfreundlich fand. Püppchen84 scheint eher Chucky die Mörderpuppe zu sein. Ich schrieb ihr zurück, dass sie mir entweder Kaffeepads (die Hauptwährung in der Tauschbörse) geben könnte – oder eine schöne Pflanze für meinen Balkon. Ich hörte nie wieder etwas.

Nicht missverstehen: ich finde die Tauschbörse super. Und die Frau, die einen Großteil meiner Romane abgegriffen hat, war total nett. Auch die Menschen, denen ich meinen Videorekorder schenkte (ein Versuch noch…), waren super. Geschenkt wollten sie das Gerät nämlich gar nicht haben – und brachten mir eine große Packung Pralinen mit. Aber die meisten Menschen… – unbegreiflich.

Woran liegt das? Ein „Lächeln“ und ein „Danke“ kostet doch nix außer etwas Atem? Nun, auch ich kann richtig ätzend sein. Immerhin habe ich den Nachbarn schon mit gefrorenem Camenbert bedroht und ihn mit russischen Schimpfworten belegt, dem anderen Nachbarn habe ich schon den Strom abgedreht, als er seine Schlagersammlung mitten in der Nacht mit Höchst-Lautstärke abspielte. Aber ein Lächeln bekomme ich meistens doch noch hin. Ein paar lauwarme Worte auch.

Ich merke: ich klinge wie mein Opa, der sich über die Unfreundlichkeit der Jugend beschwerte. Dabei ist Unfreundlichkeit nicht jugendlich, sie ist alterslos. Die ältere Dame beim Bäcker, die mir den Rollator in die Seite schob und sich so vordrängelte (ich hätte sie sogar vorgelassen, aber so?), der alte Mann, der mir vor kurzem die Vorfahrt nahm und mir dann auch noch einen Vogel zeigte.

Und ich merke auch: Heute bin ich gar nicht kolumnesk. Ich werde zur Meckerzicke. Ist auch irgendwie unnett. Ich werde wie Püppchen84. Püppchen81 ist dann mein Name.

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8 Kommentare zu “Kaffeepads – eine Weltwährung

  1. quatsch, ich könnte mich über soviel unhöflichkeit und dreistheit auch masslos ereifern. das was du da erzählst, kann man sich als normal funktionierender mensch gar nicht vorstellen! also ich glaube dir unbesehen, dass das so passiert ist, nur ist das irgendwie so unfassbar das letzte, dass ich irgendwie nur noch mit ungläubig aufgerissenen augen vor deinem blog sitzen kann und lust bekomme, diese idioten zu hauen. und zwar doll.

  2. und wieder einmal: amen!

    auch ich wurde schon von seniorinnen in supermarktregale und kühltheken geschubst, ich werde immer mal wieder von den ollen vorfahrtnehmern wutentbrannt angestarrt und mag an so manch ein erlebnis bei ebay eigentlich schon gar nicht mehr denken.

    woran liegt das? was verleitet menschen dazu, sich so zu verhalten? und wenn man sich das alles mal betrachtet, dann ist die verquere von jugend von heute wohl auch wirklich kein wunder mehr.

    ich war vorhin mit meinen großeltern auswärts essen, zeitgleich erreichte ein ehepaar mit kind und oma das restaurant. der vater trug holzfällerhemd mit bestickerter lederweste. das kind sah aus wie dieses kind der zweieinhalb männer. jake oder so? fakejake kümmerte sich einen dreck um seine oma, stopfte sich viel zu große portionen in seinen mund und hing anschließend wie ein schwein vorm trog am tisch. ich fand es ekelhaft.

  3. Vielleicht hat es etwas mit dem Begriff „Anspruch“ zu tun? Die Welt ist „alles meins“ und hat gefälligst „alles meins“ zu sein? Und mit Bequemlichkeit? Denn ich muss eine kleine Mühe des Atemholens und Dankesagens auf mich nehmen und die ist womöglich schon zu viel, weil ich ja eigentlich Anspruch auf Belobigung und Bedienung habe…

    Ich weiß es auch nicht.

    Aber gestern feierte das großartige Haus, in dem ich meine Brötchen verdiene, 10. Geburtstag und ich war total gerührt, als mich jemand beim hochoffiziellen Empfang beglückwünschte für „das Haus“ und die Crew, dass wir das Tag für Tag mit Leben füllen. Daraufhin erst fiel mir wie in Zeitlupe auf, dass z.B. von den Officials des Städtchens keiner „Danke“ oder „Glückwunsch an das Team“ gesagt hatte, geschweige denn ein Geschenk mitgebracht hätte. Das haben die Theaterkollegen vom anderen Ort und ein Medienpartner mit „10 neuen Tassen im Schrank“ gemacht – und wir haben uns wirklich sehr gefreut.

    Nun kostet ein Danke eben nicht mehr als ein bisschen Atem, wie du schriebst, und niemand erwartet Präsentkörbe, aber dass dieses Danke eben nicht kommt, das hat mich im Nachhinein doch ziemlich erschüttert.

    Oder ist es alles nur allgemeine Achtlosigkeit? In meinem privaten Umfeld ist derlei glücklicherweise nicht sehr verbreitet und meistens treffe ich auch nette, höfliche Leute, oder nehme diese zumindest vorrangig wahr.

    • ich habe – glücklicherweise – auch nur nette, dankbare freunde. aber es scheint immer mehr um sich zu greifen. irgendein fehler in der matrix – den wohl niemand beheben will.

  4. Kein Sorge, ich ärgere mich über solche Leute auch jedes Mal. Höflichkeit finde ich selber auch wichtig. Man muss ja nicht gleich auf die Knie fallen aus z.B. Dankbarkeit, aber zumindest zum „Danke“ sagen, sollte es doch wohl bei jedem reichen…
    Um ein etwas „harmloseres“ Beispiel zur „unhöflichen“ Jugend beizusteuern: Bei uns in der Schule gibt’s einen Kiosk, der zwar im Großen und Ganzen (schreibt man das noch groß?) von den Schülern betrieben wird, dessen Tür aber nur mit einem Schlüssel zu öffnen ist, der im Lehrerzimmer liegt. Also kommen in jeder großen Pause ein oder zwei Schüler und klopfen… da kommen dann Fragen wie „Schlüssel?“, wahlweise auch „Schlüssel!“ oder „Kiosk!“… „Könnten Sie mir bitte den Kioskschlüssel geben?“ hört man zu selten…Manche sind sogar so dreist und kommen durch die Tür und nehmen sich den Schlüssel ohne irgendwas zu sagen… aber wie gesagt, das ist ein eher „harmloses“ Beispiel.. 😉

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