Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die sprechende Kontaktanzeige

3 Kommentare

Seit dem letzten Eintrag kann man vielleicht nicht von einer Entspannung in der Welt reden (ganz im Gegenteil), aber ich habe etwas versprochen: Ich wollte über kommunikative Menschen in der Bahn sprechen. Und das werde ich hier tun. Vielleicht muss das Thema etwas ausgeweitet werden, denn gerade an der Kasse des Supermarktes hatte ich ein Bahn-Erlebnis. Ganz ohne Schienen unter den Füßen, ohne das Klappern des mit Obstabfällen gefüllten Mülleimers – aber sehr eindringlich.

Als ich vor kurzem aus meiner neuen Heimat zurückfuhr, müde von zehn Stunden Bahnfahrt, die ich bereits hinter mir hatte, da nahm der Mann in der Reihe hinter mir sein Handy aus der Tasche. Er tat das mit einer Eindrücklichkeit, die ich selbst in meinem Rücken spürte. Es gibt diese Handlungen, manche Menschen können das einfach. Sie tun etwas, was man nicht sieht, aber es ist beinahe greifbar. Dabei ist auch gar nicht der Lautstärke-Pegel störend – es lässt sich nur schwer in Worte fassen.

Der Mann also, im IC zwischen Hannover und Oldenburg, nahm das Mobiltelefon aus seiner Tasche, durch die Polsterung hörte ich das Piepen am anderen Ende der Leitung. „Hallo“, sagte er. „Wie steht es beim Schalke-Spiel“, fragte er. Nun, das ist ein Thema, das mich durchaus interessiert: Fußball. Was danach kam, interessierte mich – und auch die restlichen 30 Menschen – im Wagon gar nicht. Es kam ein Monolog über Smartphones („Brauche ich nicht, habe ja Dich“), ein weiterer Monolog über seinen Arbeitstag („Musste heute nicht die Uniform anziehen, war mit einem Geheimauftrag unterwegs“) und einer langen Verabschiedung, die einiges aufklärte: Der junge Mann war in der Ausbildung zum Polizisten und telefonierte mit seiner Mutter. Und so geheim war sein Geheimauftrag auch nicht. Er hatte anscheinend bei einem Kaufhaus-Detektiv hospitiert. Er legte auf.

Zehn Minuten später. Er nahm sein Mobiltelefon wieder in die Hand und rief scheinbar wieder seine Mutter an. „Wie steht es beim Fußball?“, fragte er. Dabei waren seit seinem letzten Telefonat – siehe oben – nur zehn Minuten und ein Pausenpfiff vergangen. „Holst Du mich ab?“, fragte er seine Mutter. Scheinbar bejahte sie, sagte aber etwas, was wohl „Schwiegertochter gesucht“-würdig war. Denn er antwortete: „Mama, ja, wenn ich eine Freundin habe, holt sie mich vom Bahnhof ab.“ Es gab eine kurze Pause, seine Stimme wurde merkwürdig brüchig-laut-auffordernd: „Ja, ich weiß: Frauen stehen auf Männer in Uniform. Ich mach mir da keine Sorgen.“ Das sagte er nicht leise, beschämt. Nein, so laut und so, dass es jeder verstehen musste. Er sagte es eigentlich nicht zu seiner Mutter. Er sagte es zu allen Frauen im Zug: „Seht her, ich bin ein Polizist. Und ein Single. Greift zu.“

Der Zug bietet ohnehin unzählige Arten zur Selbstinszenierung. Seit dem Sturmlauf der Smartphones ist sowieso jeder Mensch ein VIP. Ständig wird auf den imaginären Tasten rumgedrückt, laut aufgeseufzt, das Mobiltelefon wieder weggesteckt, um es zwei Sekunden später mit einem Augenrollen wieder aus der Tasche zu holen. Das Spiel beginnt von vorne. Wer telefoniert, spricht meistens laut. Produziert sich als besorgte Freundin, coole Tusse, tougher Geschäftsmann oder Bahn-erfahrener Wichtigtuer.

Es ist aber auch verlockend. Die Abgeschlossenheit des Wagens, die Kurzweiligkeit der Begegnung – es ist wie Karneval, nur dass es hier nicht von Session zu Session geht, sondern viel kurzfristiger: Von Haltestelle zu Haltestelle. Zwischen Halle und Magdeburg kann man sich als Weiberheld generieren, zwischen Verden und Delmenhorst als beschäftiger Geschäftsmann und zwischen Essen und Düsseldorf ist man der genervte Pendler, der seiner Freundin Süßigkeiten ins Ohr säuselt.

Die Beschreibung zeigt: Der Zug ist optimal, um sich auszuprobieren. Heute versuchte es aber auch ein Mann in Hochwasser-Jeans an der Kasse im Edeka. Fünf Kassen waren geöffnet, in den Schlangen standen Menschen mit ihren Wochendeinkäufen und er legte seine Wochenration Tiefkühlpizza und Schokoladenpudding auf das Band. Er nahm sein Telefon aus der Tasche. „Aldaaaaaaa“, sagte er als am anderen Ende jemand abnahm. Ich fragte mich, was nicht bis nach dem Bezahlen warten konnte – und hörte gespannt zu. Nach dem „Aldaaaaaa“ kam eine kürzere Pause. „Ääääääscht?“, fragte er.

Alleine diese kurze Kommunikation sorgte bei für Irritation: Hatte nicht der Mann in Hochwasser-Jeans wegen eines Anliegens angerufen? Aber stattdessen kam noch mehrfach ein äußerst un-ostfriesisches „Äääääääscht?“. Die Frau vor ihm bezahlte schon, gleich würde Hochwasser-Petey (wie ich ihn genannt hatte) dran sein. „Aldaaaa“, sagte er gerade: „Heute in Papenburg, Schlampen klar machen!“, stellte Hochwasser-Petey klar. Auf seinem Rücken zeigte sich bereits ein Schweißfleck, das blau-karierte Hemd, das er morgens scheinbar in Eile in seine Jeans gesteckt hatte, wurde feucht. Hochwasser-Petey war aufgeregt. „Okay“, sagte er, legte auf. Würde er so „Schlampen“ anmachen – er würde wohl eine böse Abfuhr kassieren.

Dann kam sein größter Fehlern. Hätte er lässig sein Mobiltelefon in seine Hosentasche gesteckt – vielleicht hätten ihm einige seine Coolness – trotz des unpassenden Äußeren – abgenommen. Aber er, der Fehntjer Hochwasser-Petey, drehte sich um und sah die Schlange hinter sich sensations- und aufmerksamkeitsheischend an. Er erwartete eine Reaktion – aber welche?

Ich bewundere diese Menschen, die so telefonieren, dass es jeder mitbekommt (und so, dass jeder merkt: Eigentlich redet er nicht mit dem Menschen am anderen Ende der Leitung, sondern mit mir) und dann – nach dem Auflegen – auch noch jeden einzelnen ansehen. Was soll man dann tun? Gerade bei wildfremden Menschen? Hat Hochwasser-Petey erwartet, dass sich jemand von uns ihm zuwendet und sagt: „Papenburg? Revier? Wollen wir uns da treffen?“ Ich weiß es nicht. Ich verstehe so etwas auch nicht.

Ich zumindest werde heute Abend nicht nach Papenburg fahren. Aber vielleicht fühlte sich ja sonst jemand angesprochen und kann dem Drang nicht widerstehen, heute nach Hochwasser-Petey zu suchen. Viel Spaß!

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3 Kommentare zu “Die sprechende Kontaktanzeige

  1. Ääääääääääääääscht? Aldaaa! Da krempel ich mir doch direkt die Hosen hoch und fahre mal schnell nach Papenburg. Hoffentlich hat er dann ein frisches Hemd an.

    [Oh, verdammt… Habe ja schon eine Verabredung mit Pietro und Sebastian]

  2. wenn ich solche typen wie hochwasser-petey sehen und erleben muss, könnte ich mich jedes mal übergeben. klar, das sind loser und man könnte das auch entspannt sehen. ich aber merke einfach nur, wie sich in mir geballte wut über soviel dummheit, frauenfeindlichkeit und prollerei breit macht. boah und das geht mir schon so, nur beim lesen deines artikels.

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