Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Im Schatten des Ursuppen-Clowns

8 Kommentare

Ich hasse den Zirkus. 23 Jahre lang habe ich es geschafft, mich von jedem rot-gelben Zelt mit Pferdeäpfel-Gestank fernzuhalten. Heute war es aber soweit: Ich musste in den Zirkus. Die Arbeit zwang mich dazu. „Du musst nur ein Solobild machen“, sagte der Kollege. Als ich aber am Rand der Manege (muaha – besser: der Koppel) saß und mich hinaus schleichen wollte, merkte ich: das Zelt war geschlossen, der Eingang dicht. Freiheitsberaubung im Schatten des Clowns. Ein Alptraum.

Mit nicht einmal sechs Jahren war ich das letzte Mal in einem Zirkus. Mitten im Ort hatten die Zirkusmenschen ihr Zelt aufgestellt, in Spazierweite zum Kindergarten. Deswegen kam, was kommen musste: Gemeinsam mit einer Marienkäfer-Gruppe im Kindergarten musste ich dorthin. Ich wollte nicht. Das weiß ich noch. Meine Mutter sagte: „Alle Kinder mögen den Zirkus.“ Ich bewies ihr etwas anderes. Als die Kindergartenleiterin mit in die Manege musste, liefen mir bereits die Tränen die Wangen herunter. Zirkus ist eine absurde Mischung aus Fremdschämen, Angst vor roten Puscheln am Ohr und Tieren, die von einem Strand träumen – nicht von Sägespäne am Rande einer vierspurigen Hauptstraße.

Es ist kein Geheimnis, dass mir verkleidete Menschen ein Grausen sind. Das unechte, unwirkliche finde ich furchtbar. Unter „unecht“ fällt in diesem Fall aber auch der Glitzeranzug der Artistinnen, der rot-goldene Anzug des Zirkusdirektors.

Ein wenig hatte ich die Hoffnung, dass in meinem Kopf einfach falsche Bilder seien. Aber nein. Ich stieg heute aus meinem Auto, ging in Richtung Zirkuszelt. Im unschuldigen Sonnenlicht leuchtete das Zelt in schmutzigem gelb und rot, der Geruch von Pferdedung kroch in meine Nase. Eine junge Frau mit Glitzer im Gesicht, im Leoparden-Dress und mit einer kleinen Speckrolle über den Minirock lief an mir vorbei. Sie hieß Cindy. Ein Name, der mich nicht wirklich wunderte. Ich fühlte und fühle meine Vorurteile bestätigt. Dafür komme ich in die Hölle. Ja. Aber immerhin wird es dort keinen Zirkus geben. Hoffe ich.

Ich stellte mich an der Kasse an, vor mir entnervte Mütter mit ihren aufgeregten Kindern. „Sehe ich auch einen Elefanten“, fragte ein kleiner Junge euphorisch. Angestrengt sah die Mutter hoch, mir direkt in die Augen. Ich zog die Augenbrauen hoch, die Mutter auch: „Nein“, sagte sie zu ihrem Sohn: „Den haben sie heute nicht dabei. Der schläft.“

Zur „lustigen Kleintier-Revue“ kam ein Hund auf die Bühne, dazu drei Tauben. Keines der Tiere das tat, was es tun sollte. Der Hund bellte die Tauben an, die Tauben flatterten davon.

Vorher kamen die Pferde. Die drei Pferde. Ein großes schwarzes Tier, gemeinsam mit zwei Zwerg-Ponys in braun und weiß. Sie waren die Verursacher des Gestanks. Und sie taten mir leid, die Tiere. Aufgeregt liefen sie in der kleinen Manege hin und her, immer das Ende eines Stocks an den Hinterläufen. Ich konnte es mir kaum mitansehen. Es fällt mir schwer zu glauben, dass den Tieren so etwas Spaß macht. Nun aber genug der ernsten Themen.

Nach der „lustigen Kleintier-Revue“ kam der Clown. Oben erwähnte ich bereits, dass ich Clowns hasse. Clowns sind gemeine Wesen, direkt aus der Ursuppe gekrochen, um die Menschheit zu vernichten. Ich bin mit diesem Glauben nicht alleine. Alan Shore hat ebenfalls Angst vor Clowns – ich bin also in guter Gesellschaft. Und wer Glory Days (auch bekannt als Crime Scene Lake Glory) gesehen hat, der weiß, dass man einem Clown nicht trauen soll. Ganz zu schweigen von Stephen Kings „Es“. Clowns sind böse. Unendlich böse.

Es war grausam. Hinter mir die verschlossene Zeltwand, vor mir der Clown mit roten Haarpuscheln und uneinsehbaren Gesichtszügen. Ich konnte den Witz nicht verstehen, den er machte oder machen wollte. Es lachte aber auch niemand. Vielleicht stand der Clown in der Tradition der traurigen Clowns. Aber auch weinen musste ich nicht.

Mir tun meine Kinder leid, sollte ich den jemals welche bekommen möchten/sollen. Sie dürfen nie mit ihrer Mutter in den Zirkus gehen. Nun, wenn sie nach mir kommen – was ihnen generell nicht zu wünschen wäre – dann wären sie mir dankbar, weil ich sie nicht auf wackelige Gartenstühle zwänge, die für 14 Euro als Logenplatz verkauft werden.

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8 Kommentare zu “Im Schatten des Ursuppen-Clowns

  1. Ich war noch nie in nem Zirkus. Ich glaube damit habe ich Glück. 🙂

  2. Ich war häufiger im Zirkus, in Gelsenkirchen mit Oma, Opa und Geschwistern und im Sommerurlaub einmal im Zirkus Krone in Husum. Letzteren kann man vermutlich nicht mit den kleinen Zirkussen (wie ist der korrekte Plural?) in den Dörfern und Kleinstädten vergleichen. Als Kind fand ich’s toll – vielleicht war ich einfach nicht so reflektiert wie du. Es war spannend, wenn ein Nilpferd durch die Sägespänarena lief oder ein Krokodil hypnotisiert wurde, bzw. ein rosa Straußenballett auftrat. Ich fand ja auch die Nilpferde im alten Gelsenkirchener Ruhrzoo toll, wenn sie beim Auftauchen die Ohren gedreht haben, auch wenn die armen Tiere ihr Leben in einer engen Betonwanne verbringen mussten.

    • ich bin GAR NICHT reflektiert. wäre ich das, würde ich sagen: „das ist eine familie, die aus leidenschaft gemeinsam rumturnt…“

      hätten die ein nilpferd gehabt, hätte ich das vielleicht gut gefunden. aber die hatten nur einen hund, drei tauben und drei pferde…

  3. Ich mag Clowns auch nicht, ich finde die nicht lustig, sondern eher furchterregend oder doof.

    Da ich aber eine alte Theatertante und Rampensau bin, finde ich alles was glitzert und verkleidet toll. Wir hatten mal den Circus Krone auf dem Messegelände und ich war schwer begeistert, vor allem von der Akrobatik. Die Wackelstühle am Manegenrand haben wir aber zugunsten besseren Blicks ignoriert – und ich war sehr froh, keinen Elefantenpopo, (man müsste das in Anbetracht der Dimension einen solchen drastischer sagen) direkt vor der Nase gehabt zu haben …

    Falls es Sie beruhigt: Eine enge Freundin von mir mag auch keinen Zirkus oder Varieté und solcherlei Veranstaltungen. Sie sind nicht allein!

  4. Nichten, Neffen, Freundeskinder und womöglich mal Ihre eigenen werden sich freuen, wenn sie eine Tante/Mutter haben, die mit ihnen Eislaufen geht oder andere spannende Dinge unternimmt!

  5. Ich grusle mich auch vor allem was in die Richtung Clown geht, am schlimmsten ist es wenn sie einen armen Menschen zum Mitmachen zwingen. Ich war aus diesem Grund auch seit Jahren nicht mehr im Zirkus, aber da weiß man wenigstens was einen erwartet. Für mich ist der größte Horror Supermärkte zu Feiertagen. Ich wurde mal von einem 2 Meter Osterhasen durch einen Supermarkt verfolgt. Gerade als ich dachte ich wäre ihn los schlich er sich von hinten an mich ran und legte mir seine Hasenpfote auf die Schulter und starrte mich von der Seite an. Ich bin fast gestorben vor Schreck.

  6. also diesen allgemeinen clown-schreck kann ich persönlich weniger nachvollziehen, denn den fand ich im zirkus immer noch am besten, obwohl auch ich NIE gern dort hin gegangen bin, selbst als kind nicht. irgendwie taten mir schon immer die tiere leid, die dort teilweise so geknechtet und gequält werden. der clown fügt hingegen niemandem ein leid zu, den kann man nur entweder doof oder lustig finden. trotzdem werde ich sicher auch nie mit meinen kindern dort hin gehen, es sei denn, es liesse sich nicht vermeiden.

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